«Axpo beteiligt sich nicht an der Energiewende»
Interview: Matthias Chapman. Aktualisiert am 24.01.2012 58 Kommentare
Christian Zeyer
Christian Zeyer ist bei Swisscleantech verantwortlich für Berechnungen zur Energiepolitik. Ausserdem ist er Inhaber und Leiter eines Energieberatungsbüros. Swisscleantech selber sieht sich als informationspolitisches Sprachrohr der nachhaltigen Schweizer Wirtschaft.
Was Axpo will
Der Stromkonzern Axpo plant bis 2030 Investitionen in Kraftwerke in der Höhe von 21 Milliarden Franken. Die neue Investitionsstrategie wurde notwendig, nachdem der Bundesrat nach der Atomkatastrophe in Fukushima neuen Atomkraftwerken eine Abfuhr erteilt hatte. Die Axpo setzt einerseits stark auf Windkraftwerke im Ausland. Mit solchen Windparks will die Axpo 3,9 Terawattstunden Strom produzieren. Ebenfalls will der Stromkonzern an Wasserkraftskonzessionen in Frankreich herankommen und bis zu drei grosse Gaskombikraftwerke bauen. Konzernchef Heinz Karrer schliesst nicht aus, dass solche Gaskraftwerke auch in der Schweiz gebaut würden. Ob sich solche Investitionen auch lohnen, sei aber von den politischen Rahmenbedingungen abhängig. Karrer wies insbesondere darauf hin, dass der notwendige Ausbau der Stromproduktion nicht alleine in der Schweiz zu bewerkstelligen sei.
Auch Energiestiftung kritisiert Axpo
Axpo halte an «der veralteten Grosskraftwerkstrategie fest» und setze stattdessen auf mehrheitlich ausländische Gaskraftwerke, schreibt die AKW-kritische schweizerische Energiestiftung in einem Communiqué. «Von neuen Energien in der Schweiz und insbesondere von der Fotovoltaik will die Axpo nichts wissen, obschon die Potenziale hierzulande quasi unausgeschöpft sind.»
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Axpo-Chef Karrer nimmt Stellung. (Video: Keystone)
Herr Zeyer, der Stromkonzern Axpo
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hat seine Zukunftspläne (siehe Box) vorgestellt. Was fällt Ihnen generell auf?
Vor allem beim Ausbau der neuen erneuerbaren Energien scheint Axpo extrem pessimistisch. Im Inland ist der Zuwachs äusserst klein. Auf Photovoltaik scheint Axpo praktisch gänzlich verzichten zu wollen. Fazit: Axpo beteiligt sich nicht an der Energiewende und lässt diese durch andere vollziehen.
Sie sehen vor allem die Rolle der Photovoltaik ganz anders.
In unserer Cleantech Energie Strategie sehen wir hier ein Potenzial von 9.5 Terawattstunden im Jahr 2030. Demgegenüber hat Axpo nur gut eine Terawattstunde für alle neuen Erneuerbaren einberechnet. Offenbar ist der Stromkonzern nicht bereit, in diese zukunftsträchtigen Energien zu investieren.
Das passt ganz einfach nicht in die Grosskraftwerkestrategie von Axpo.
Dem scheint so. Dann muss man sich aber auch fragen, ob es denn den Axpo-Konzern überhaupt noch braucht, wenn dereinst die Atomkraftwerke abgeschaltet werden.
Welche Rolle sähen Sie denn für die Axpo bei der Energiewende?
Auch dezentrale Energieversorgung und Smartgrid brauchen Investitionen. Und wenn man es richtig macht, lässt sich auch hiermit Geld verdienen. Axpo wäre ja eigentlich in einer Poleposition, um diese Bewegung nun anzutreiben.
Warum kommen Sie und Axpo auf so unterschiedliche Ausbaupotenziale beim Sonnenstrom?
Wir wissen natürlich nicht, welche Überlegungen die Axpo anstellt. In unseren Berechnungen haben wir auch das Kostensenkungspotenzial der Photovoltaik mit einbezogen. Die Berechnung zeigt: Photovoltaik wird rentabel. Der richtige Zeitpunkt einzusteigen, ist jetzt. Abgesehen davon: die Solarindustrie findet unseren Wachstumspfad für Photovoltaik hoffnungslos konservativ. Sprich, die Preisentwicklungen dürften noch kräftiger nach unten gehen.
Axpo setzt auch auf ausländischen Windstrom, weil es in der Schweiz zu wenig Standorte gibt. Der richtige Weg?
Grundsätzlich unterstützen wir die Förderung von neuen erneuerbaren Energien – warum nicht auch im Ausland? So gesehen ist der Axpo-Ausbau auf Windstrom zu befürworten.
Wie bringt man den Strom von Nordeuropa in die Schweiz, wenn die Netze bereits jetzt überlastet sind?
Dieses Problem ist zu lösen. Was wir bei den Autobahnen und beim Datennetz geschafft haben, muss auch mit dem Stromnetz zu erreichen sein. Schliesslich haben alle Player ein Interesse daran.
Gegen neue transnationale Hochspannungsleitungen wird es Widerstand und Einsprachen geben. Und das wird zu Verzögerungen führen.
Bei der Bodenverlegung sollten die Bewilligungsverfahren bedeutend einfacher sein. Im Notfall sind wir für rabiatere Massnahmen. Wir halten Zwang hier für gerechtfertigt.
Braucht es Gaskraftwerke wirklich?
Wer heute ausschliesslich auf grosse Gaskraftwerke setzt, verbaut sich die Chancen, welche die Energiewende bietet. Wir schliessen längerfristig den Bau eines Gaskraftwerks nicht vollständig aus. Aber im Moment sollten wir eigentlich andere Aufgaben angehen. Da man ein Gaskraftwerk relativ schnell realisieren kann, ist dies kein Widerspruch.
Alle drei grossen Stromversorger bauen Stellen ab und tätigen Rückstellungen. Wie geht es in der Energiebranche weiter?
Generell darf man die Energiepolitik nicht auf eine Strompolitik reduzieren. Es lohnt sich, jetzt einen mutigen Schritt zu tun. Mehr Energieeffizienz und ein Ausbau der erneuerbaren Produktion: Beides kann heute begonnen werden. Kurzfristig braucht es dazu vor allem eine Ausweitung der kostendeckenden Einspeisevergütung und eine Förderung der Energieeffizienz, langfristig vor allem eine ökologische Steuerreform. Denn der Klimawandel und Fukushima zeigen deutlich: Unsere Energieversorgung trägt längst nicht alle ihre Kosten. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.01.2012, 14:56 Uhr
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58 Kommentare
Den Schlamassel aus einem überstürzten Ausstiegsentscheid, angerichtet von einer vor allem auf die eigenen Pfründe bedachter Solarindustrie wird nicht so leicht rückgängig machbar sein. Das wird den Leuten wohl aber erst dann klar werden, wenn tägliche Stromausfälle zum Alltag werden und die Stromkosten ins Unermessliche steigen. Von einem grünen Gewissen kann man sich nichts kaufen in dieser Welt Antworten
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