«20 Minuten Schande, und du bist zu Hause»
Magna auf Zielgeraden
Carl-Peter Forster, Europa-Chef von General Motors, rechnet mit dem baldigen Verkauf von Opel an den österreichisch-kanadischen Autozulieferer Magna. «Es geht nur noch um Details», sagte Forster zur «Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung». Nach dem Treffen der Spitzen von GM und Magna sei er äusserst zuversichtlich: «Da wurde weitgehend Einverständnis erzielt.» Als Wunschtermin für eine Vertragsunterzeichnung nannte Forster einen Zeitraum bis Mitte Juli.
Magna-Chef Siegfried Wolf sei ein harter Kämpfer, sagte Forster. Wolf mache jetzt Druck, und das sei auch «gut so». Die Nutzung der Patente sei inzwischen weitgehend geklärt. Diskutiert werde jetzt noch die künftige Konstellation in Russland: «Wer wird dort lokaler Partner? Was geschieht mit den GM-Fabriken dort und den in Russland präsenten anderen GM-Marken?» Die Gespräche mit anderen Investoren seien bei Weitem nicht so weit fortgeschritten, sagte Forster. (ap)
Maxim (28), Fernfahrer, ist nicht gerade höflich: «Na, du Nichtrusse, fährst du noch immer deinen Schrott-Niwa?» Nach dem ersten Wodka greift er wieder zur Bierflasche. Er habe jetzt auch ein Auto, sagt er. Einen Opel, vom Papa geerbt. «Opel ist eine gute Marke.»
Zurzeit träumt halb Autorussland von Opel. Gerade erst hat der Hersteller GAZ mit Sitz in Nischni Nowgorod erklärt, man werde die Produktion der russischen Wolga-Siber-Limousinen einstellen, falls das Konsortium aus Magna und Sberbank tatsächlich 55 Prozent der Opel-Aktien kaufe. Der österreichisch-kanadische Autozulieferer Magna möchte in Nischnij Nowgorod Corsa-Modelle produzieren, GAZ-Vertreter favorisierten bisher die Modelle Astra oder Insigna.
Ausserdem will Magna in Russland drei weitere Fabriken bauen, zwei bei Sankt Petersburg, eine in Kaluga. Zudem sollen bereits existierende General-Motors-Fabriken in Petersburg und in Usbekistan, aber auch Produktionslinien des Herstellers Awtotor in Kaliningrad sowie von Awto-WAS in Togliatti in Zukunft neue Mittelklasse-Autos zum Stückpreis von knapp über 10000 Euro produzieren – vor allem Personenwagen mit Opel-Technik. Laut der Wirtschaftszeitung «Wedomosti» strebt Magna einen Jahresabsatz von einer Million Autos an. Ein kühner Plan: Denn Russlands Autoproduktion ist in den ersten fünf Monaten dieses Jahres um 61,5 Prozent auf 230000 Stück abgestürzt.
140 Millionen Autonarren
Doch der russische Markt hat viele Gesichter. Einerseits gilt er als der Zukunftsmarkt, bevölkert von 140 Millionen Autonarren, alle mit Nachholbedarf an Hubraum und Hightech. Das Auto ist für die Russen das Statussymbol Nummer eins, und wer es sich irgendwie leisten kann, der fährt «Inomarky», das heisst Importmodelle. Je wuchtiger, schwerer und teurer, desto besser – denn desto mehr Vorfahrtsrecht im Verkehr. Die vaterländischen Ladas und Niwas betrachten die Russen als veraltet, unbequem und hässlich, als Transportmittel für Verlierer. «20 Minuten Schande, und du bist zu Hause», spottet der Volksmund über deren Besitzer. Kein Wunder, dass GAZ im letzten Jahr nur noch 500 Wolga-Siber verkaufte und Avto-WAZ fast 600 Millionen Euro Schulden machte.
Hohe Hürden für Autoimporte
Aber nicht nur Magna sieht Russland als Traummarkt. Auch die Konkurrenz investiert, erst im Juni eröffnete Nissan in Petersburg ein neues Werk. Fast alle Weltmarken produzieren inzwischen in Russland. Allerdings nicht ganz freiwillig. Denn der Staat verteidigt die einheimische Autoindustrie mit allen Mitteln. Im März sagte ihr Premier Wladimir Putin eine Subventionsspritze von umgerechnet fast einer Milliarde Euro zu. Aber vor allem mauert Russland seit Jahren mit immer höheren Einfuhrgebühren. Per 1. Januar 2009 wurde der Zoll für Neuwagen auf 30 Prozent angehoben, für über fünfjährige Gebrauchtwagen gar von 2,5 auf 5,7 Euro je Kubikzentimeter Hubraum. Also fast 7500 Euro für einen Opel Astra, Baujahr 2003. Das ist ein «Totschlag-Zoll». In ganz Russland kam es zu Strassenprotesten, vor allem im Osten des Landes, wo fast nur gebrauchte Autos japanischer Herkunft unterwegs sind.
Der Kreml aber blieb hart. Putin verblüffte das Autofahrervolk sogar mit dem Bekenntnis, er fahre Lada Niwa. Doch jetzt will sich der Staat über die Sberbank, die mehrheitlich im Besitz der russischen Zentralbank befindliche grösste Bank Osteuropas, bei Opel einkaufen. Dies vor allem, um die heimischen Autofabriken möglichst schnell auf die Produktion von Wagen umzustellen, in die das Volk gern einsteigt – in ausländische Modelle.
Die meisten Russen trauen ihrer Autoindustrie nicht. Nach einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungsinstituts vom März glauben 40 Prozent, dass ausländische Autos in russischen Fabriken schlechter montiert werden als im Ausland, nur gerade 10 Prozent sehen keinen Unterschied. Die Hersteller dagegen versichern, dieses Misstrauen sei psychologisch bedingt. Die Autofahrer aber behaupten, vor allem Wagen, die montags in Russland gebaut würden, seien voller Fehler.
Maxims Opel Omega von 1990
Auch Maxim, den Fernfahrer aus Moskau, graut es vor der Schlamperei an russischen Fliessbändern. «Ich transportierte oft Inomarky, die sie bei uns gebaut haben. Das letzte Mal sind beim Abladen drei von zwölf nicht angesprungen. Importwagen taugen nur, wenn sie wirklich importiert werden.» Maxim zieht mich auf den Balkon und zeigt auf die klobige Karosserie eines Opel Omega. Das Auto stammt wohl aus der frühen Jelzin-Ära. «Baujahr 1990», grinst Maxim, «garantiert bei euch im Westen gebaut.»
> (Der Bund)
Erstellt: 06.07.2009, 13:49 Uhr
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