Der Pionier

Rudolf Elmer war der erste Banker, der elektronische Bankdaten weiterverbreitete. Dafür verlor er den Job, die Freiheit und fast den Verstand.

Abtauchen nicht mehr möglich: Rudolf Elmer auf den Cayman-Inseln. Foto: Xenix Filmdistribution

Abtauchen nicht mehr möglich: Rudolf Elmer auf den Cayman-Inseln. Foto: Xenix Filmdistribution

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Es ist nur wenig mehr als zehn Jahre her, da fürchteten die Banken nichts als den Himmel. Und selbst das taten sie nur auf den Cayman-Inseln. Jedes Mal, wenn ein Hurrikan aufzog, wurde die gesamte Tochter der Bank Bär nach Miami evakuiert.

Die Bank reiste in zwei Stücken in die USA. Am Arm des Vizechefs Rudolf Elmer hing ein fast leerer Laptop. Und in einem Kinderwagen lag ein Tape mit den kompletten Kundendateien. Und darüber die kleine Tochter der Familie Elmer.

Das war im Kern bereits das Dynamit, das ein einziger Funke zur Explosion brachte. Und zwar zu einem kleinen Urknall: Für die Schweiz war es der Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses, für die USA der Anfang des grössten Sicherheitslecks aller Zeiten, für Rudolf Elmer der Beginn eines Albtraums, der ihn ins Gefängnis, in die Psychiatrie und in die Weltpresse brachte. Und für das Baby? War es der Anfang eines 600'000-Franken-Kontos.

Für die Schweiz war es der Anfang vom Ende des Bankgeheimnisses, für die USA der Anfang des grössten Sicherheitslecks aller Zeiten, für Elmer der Beginn eines Albtraums.

Der Funke war so langweilig wie möglich: ein Verwaltungsakt. Die Bank Bär unterstellte um das Jahr 2000 herum die Cayman-Tochter ihrer New Yorker Filiale. Damit brachte die Zürcher Zentrale ihren wichtigsten Mann auf der Insel in Verzweiflung: Vizechef Elmer. Dieser war als Arbeiterkind im Kreis 4 in Zürich aufgewachsen, hatte es als Erster in der Familie ins Gymnasium, dann zum Buchprüfer und Offizier gebracht. Schliesslich wurde er Revisor bei Bär: in derselben Bank, wo seine Mutter seit Jahrzehnten als Putzfrau arbeitete. Er war der richtige Mann für diesen Job: ehrgeizig, genau, ein Pedant mit Motor.

Deshalb bot ihm die Bank auch Mitte der 90er-Jahre an, nach Cayman zu gehen. Um aufzuräumen.

Cayman war ein doppeltes Paradies: für Taucher und Geld. In den Riffen vor der Insel leben die Fische wie in einer verzauberten Grossstadt. Und auf den schmalen Inseln steht der fünftgrösste Finanzplatz der Welt: über 200'000 Firmen, darunter 40 Prozent aller Hedgefonds des Planeten. Das Geschäftsmodell ist einfach: Niemand zahlte auch nur einen Cent Steuern. Die Inselgruppe lebt von Gebühren bei Kontoeröffnung und den happigen Warenzöllen, die die verwaltenden Banker zahlten.

Schliesslich wurde er Revisor bei Bär: in derselben Bank, wo seine Mutter seit Jahrzehnten als Putzfrau arbeitete.

Anderseits war Cayman kein perfektes Paradies: Alles war teuer, auf die Ehefrauen wartete neben endloser Entspannung auch endlose Langeweile, und Rudolf Elmer traf in der Bank auf partyhafte Angestellte: Auf den Tischen lagen Papierstapel und Füsse, Sitzungen wurden auf dem Golfplatz angesetzt, die Computer kamen aus der Steinzeit. Er begann Disziplin und ein modernes EDV-System einzuführen. Im ersten Jahr machte er weit über 100 Überstunden.

Mit der Unterstellung unter New York begann das Unheil: In der Bank strichen die Amerikaner Jobs, die Stimmung sank, jemand klaute Daten, wichtige Dossiers waren unauffindbar. Der neue Chef verdächtigte seinen gequälten Vize. Denn Elmer war angeschlagen: Nach einem Velounfall bekam er von den Inselärzten die falsche Diagnose und schluckte Schmerztabletten wie Bonbons.

Im November 2002 griff die Bank zu einem sehr amerikanischen Mittel: dem Lügendetektor. Der Prüfer feuerte auf Elmer Fragen ab wie: Haben Sie je etwas getan, wofür man Sie feuern könnte? Sind Sie eine ehrliche Person? Fühlen Sie sich bei uns wohl? Haben Sie eine Affäre? Kennen Sie den Unterschied zwischen Wahrheit und Lüge?

Nach einer Stunde, gequält von Rücken und Demütigung, brach Elmer ab. Und entdeckte im Korridor, dass seine New Yorker Chefs alles im Nebenzimmer auf Monitor angesehen hatten. Eine Woche später flog er zur Operation in die Schweiz. Und erhielt noch im Spital einen Brief: die Entlassung.

Die Wucht der Explosion entstand dadurch, dass beide Parteien den Verstand verloren: Ursprünglich ging es nur um Geld.

Das, was folgte, war ein Stück Schweizer Geschichte, das es jetzt doppelt zu sehen gibt: in dem leichten, eleganten Film «Offshore» von Werner Schweizer (ab 17. März im Kino.) Und in dem rasanten Buch von Carlos Hanimann «Elmer schert aus»: einem Tatsachenkrimi, so schnell, fettfrei und nüchtern wie eine Strassenkatze.

Die Wucht der Explosion entstand dadurch, dass beide Parteien den Verstand verloren: Ursprünglich ging es nur um Geld. Elmer wollte eine Abfindung plus 25 000 Dollar für die Cayman-Krankenhauskosten, die Bank wollte nicht einmal einen Händedruck. Das, obwohl die verschwunden Dossiers wieder da waren: Sie waren nur falsch abgelegt worden. Damit wäre die Geschichte fast geklärt gewesen. Doch dann fand Elmer in den Umzug­s­kisten etwas, was er «meine Versicherung» nannte: das Tape mit den Kundendaten.

2003 fand Elmer einen neuen Job; gleichzeitig tauchten die Daten bei Steuerbehörden auf – und Bär-Kunden erhielten Drohbriefe. Die Bank antwortete mit dem Anheuern von Detektiven. Diese standen vor Haus und Büro, befragten Elmers Mitarbeiter, verfolgten das Familienauto und boten Elmers kleiner Tochter einen Apfel an.

Elmer kam in Panik. Er schrieb Drohmails an die Bank: Er drohte mit Steuerverwaltung, Neonazis und Tod. Als Antwort kamen Drohmails zurück: «WE ARE HERE YOUR DAUGHTER WILL BE KILLED IF YOU DO NOT STOP . . .»

2005 erhielt die Wirtschaftszeitung «Cash» etwas, was noch keine Zeitung vor ihr erhalten hatte: CDs mit den kompletten Daten einer Bank: der Cay­man-Tochter von Bär. Was folgte, versetzte Elmer endgültig in Paranoia. Die Zeitung schrieb nur über das Leck, aber nichts über die Daten, und reichte die Daten-CDs an die Bank Bär weiter.

Elmer kam in Panik. Er schrieb Drohmails an die Bank: Er drohte mit Steuerverwaltung, Neonazis und Tod.

Elmer begann, Nagelbretter gegen die Detektivautos auf die Strasse zu legen, fälschte Bär-Dokumente, in denen er sich mit David, Gandhi und Mandela verglich und die Bank Bär mit Goliath – kurz, sein Fall wurde zu seinem Leben: Elmer wurde, nachdem es anfangs nur um persönliche Gerechtigkeit gegangen war, zum Missionar und Experten in Sachen Steuerhinterziehung. Die Strategie der Bank Bär war sehr einfach – man musste ihn nur als verrückt erklären. Und das war er auch: Er brauchte psychiatrische Behandlung.

Doch auch ein völlig ausgeruhter Mann hätte damals keine Chance gehabt. 2004 veröffentlichte der langjährige Chef der Bank Bär, Hans J. Bär, das eleganteste Buch, das je ein Schweizer Banker geschrieben hat: seine Autobiografie «Seid umschlungen, Millionen». Darin beschrieb er, wie früher das Schwarzgeldgeschäft lief. Ein Kunde zeigte etwa auf eine Cognacflasche und sagte: «Ich heisse Hennessey, mehr sage ich nicht, hier sind 300'000 Dollar.» Sein Geld wurde dankbar angenommen.

Bär schloss, dass das Bankgeheimnis die Banken «fett, aber impotent» mache. Dass der Bankchef Gesellschaftslöwe war, half ihm nicht. Der Chef der Bankiervereinigung erklärte ihn für senil, die NZZ für den «Totengräber des Finanzplatzes», andere Bankiers sprachen über seine «jüdische Herkunft». Schliesslich mussten sich seine Söhne und seine Bank von ihm distanzieren.

Ende 2005 verhaftete die Polizei Rudolf Elmer. Zu seiner Überraschung fand er in der Untersuchungshaft zum ersten Mal seit der Entlassung Ruhe und Schlaf.

Ende 2005 verhaftete die Polizei Rudolf Elmer, wegen «Drohung etc.» Seine Wohnung wurde durchsucht, er kam einen Monat in Untersuchungshaft. Zu seiner Überraschung fand er dort, zum ersten Mal seit der Entlassung, Ruhe und Schlaf.

Danach arbeitete Elmer wieder offshore, bei der Standard Bank of Africa in Mauritius. Doch Ruhe gab er nicht. Enttäuscht von der traditionellen Presse, wandte sich Elmer an eine weniger skrupulöse Organisation: an die damals winzige, unbekannte 2-Mann-Webseite Wikileaks. Diese veröffentlichte erst 2007 einen gefälschten Bär-Brief an Angela Merkel, dann 2008 echte Bär-Daten.

Die Bank machte einen welthistorischen Fehler: Sie klagte in den USA. Und gewann. Wikileaks musste ihre Seite vom Netz nehmen – und machte weltweit erstmals Schlagzeilen. Ohne Elmer und Bär wäre sie unbekannt geblieben – und vielleicht wäre damit das Riesenleck der Afghanistan-, Irak- und Diplomatendaten nie passiert.

Elmers Daten verbreiteten sich um die Welt. Dabei stand wenig Sensationelles drin: Neben mittelgrossen Steuerhinterziehern war das brisanteste Dokument ausgerechnet das Steuermodell der Bank Bär selbst. Dieses lief so: Eine Geisterfirma auf den Caymans steuerte Bärs Investmententscheide, laut Elmer «ohne Personal und Mobiliar». Und eine bankinterne Cayman-Versicherung zahlte «in 15 Jahren keinen Schadensfall» aus. Beide kassierten gespenstische Gebühren für nichts. Wodurch der zu versteuernde Bär-Gewinn in der Schweiz sank. Und der nicht zu versteuernde Bär-Gewinn auf den Caymans stieg, bevor er wieder steuerfrei per Dividende nach Zürich zurückfloss. Elmer schätzte die Schweizer Steuerausfälle auf zehn Millionen pro Jahr. Abgesegnet durch das Steueramt Zürich.

Elmers Daten verbreiteten sich um die Welt. Dabei stand wenig Sensationelles drin: Das brisanteste Dokument das Steuermodell der Bank Bär selbst.

In einem Wort: Elmers Daten enthielten vor allem Standardkonstrukte der Steuervermeidungs­industrie. «Die Bedeutung seines Falls lag nicht in erster Linie darin, welche Geheimnisse er verriet», schrieb sein Biograf Hanimann. «Entscheidend war, dass er sie verriet.» In der Tat war Elmer nur der Erste – Heinrich Kieber in Liechtenstein, Bradley Birkenfeld bei der UBS, Hervé Falciani bei HSBC und andere brachten kurz darauf das Bankgeheimnis zum Einsturz. So schnell, so gründlich, dass es, einst das lukrativste Tabu des Landes, heute keinen Verteidiger mehr hat. Der schlimmste Feind der Banken ist im elektronischen Zeitalter der einzelne Banker.

Der Zusammenbruch des Bankgeheimnisses half Elmer wenig. Er, längst Hausmann, ist in weitere Prozesse verwickelt. 2011 setzte ihn die Zürcher Staatsanwaltschaft für sechs Monate in Untersuchungshaft: wegen Bruchs des Bankgeheimnisses. Elmer hatte zwei Tage zuvor Julian Assange von Wikileaks zwei CDs übergeben. Weder seine Aussage, die CDs seien leer gewesen, half noch die Strategie seiner Anwältin, man könne Elmer nicht wegen Bruchs des Schweizer Bankgeheimnisses anklagen, weil er als Angestellter einer Cayman-Firma Daten einer Cayman-Bank entwendet habe.

Ende 2011 immerhin zahlte ihm die Bank Bär für die Überwachung Schmerzensgeld: über 600'000 Franken, die Elmer, der Ankläger der Offshore-Banken, ausgerechnet in einem Offshore-Trust auf Jersey anlegte – auszuzahlen an seine Tochter, ohne dass Schweizer Gerichte Zugriff haben.

Und nun das Buch und der Film. Sie erscheinen zu Recht. Elmer ist weder ein einfacher Mensch noch einfach ein Held. Er ist Interessanteres: eine Pionierpflanze, die einsam, windschief und zäh auf eine feindliche Insel geworfen wurde und dort genug lang ausharrte, um Nachfolger anzusammeln – und so die Fauna bildete, aus der heute, wie selbstverständlich, das 21. Jahrhundert besteht.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 22.02.2016, 23:53 Uhr)

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