«China überrascht mich jeden Tag neu»

Der wirtschaftliche Eroberungsdrang Chinas versetzt den Westen in helle Aufregung. Uli Sigg, der als Industrieller, Botschafter und Kunstsammler den Aufstieg Chinas in den letzten 30 Jahren mitgestaltet hat, rät zu Gelassenheit.

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Herr Sigg, sind Sie ein Promotor Chinas im Westen?
Uli Sigg: Nein, als das verstehe ich mich nicht. Ich bin kein China-Euphoriker, der sich von Emotionen leiten lässt. Ich sehe mich als jemanden, der Verständnis wecken will – auf beiden Seiten, im Westen, aber auch in China. Wenn ich nur Lob für China äussern würde, hätte man in Peking wohl Freude. Aber es würde mir keinerlei Respekt verschaffen. Damit ich in China ernst genommen werde, muss ich mich klar äussern – gelegentlich auch mit Kritik, wenn ich sie belegen kann. Aber es ist natürlich immer alles eine Frage der Wahrnehmung.

Inwiefern?
Wenn man ein Gespräch über China führt, läuft man immer Gefahr, dass die Aussagen ausgelegt werden – als zu kritisch gegenüber China oder zu wenig kritisch. Dem kann man kaum entgehen.

Letzte Woche kündigte der Staatskonzern Chem China die Übernahme des Schweizer Biochemiemultis Syngenta an. Ist das erst der Anfang des chinesischen Expansionskurses?
Das wird vermehrt kommen, ja. In den letzten Monaten gab es ja bereits einige grosse Übernahmen durch Chinesen in der Schweiz – etwa das Hotel Palace in Luzern oder der nicht sehr bekannte, aber bedeutende Sportrechtevermittler Infront in Zug. Die wirtschaftliche Expansion deckt sich mit dem politischen Kurs der chinesischen Führung, die nach aussen strebt, nach Welteroberung, salopp ausgedrückt.

Aus ökonomischen Über­legungen?
Die Chinesen haben das japanische und das koreanische Entwicklungsmodell sehr genau studiert, und die Chinesen werden nun auch diese Karte spielen, nicht nur die industrielle Produktion, sondern immer grössere Anteile der Wertschöpfungskette unter chinesische Kontrolle zu bringen – und wichtige Marken.

Auf den ersten Blick kontrastiert der chinesische Expansionskurs mit der Wachstumsschwäche der Wirtschaft.
Was die Chinesen im Moment sehr beschäftigt, ist der erneute Börsencrash von Anfang Jahr, der Millionen von Leuten ganz empfindlich trifft. Ich kann mir vorstellen, dass nächstes Jahr etwas weniger Chinesen als Touristen in die Schweiz reisen werden. Die Kursstürze treffen nicht so sehr die Reichsten, sondern gerade jenen Teil der Bevölkerung, der in der Lage ist, sich einmal im Leben eine Reise nach Europa zu leisten. Aber die Börsenkrise schlägt auch psychologisch durch.

Wie genau?
Sie stellt bis zu einem gewissen Grad die Regierung bloss, die das Problem einfach nicht in den Griff bekommt. Man hatte sich vorgestellt, die Börse mit ein paar Eingriffen der Zentralbank und der staatlich kontrollierten Finanzkonzerne zu beruhigen. Doch die Marktkräfte sind stärker als die Steuerung des chinesischen Staats. Das wird einigen Schaden anrichten und Spuren hinterlassen im Selbstverständnis vieler Chinesen.

Kompensiert die chinesische Regierung die innere Schwächung mit einem starken Auftritt gegen aussen?
Heftige Rückschläge sind in Ländern mit dem Entwicklungsstand wie in China absolut normal. China blieb lange von Wachstumsdellen verschont. China wird ­wieder kommen, es befindet sich grundsätzlich auf Wachstumskurs, aber das ist halt keine Einbahnstrasse

.Wir aus dem Westen verfolgen den chinesischen Entwicklungsweg sehr kritisch. Welche Ausstrahlungskraft hat das chine­sische Modell?
Vielleicht wird es im Moment ­etwas getrübt durch die Umweltprobleme. Aber: 1970 waren Indien und China wirtschaftlich gleich stark, heute beträgt die Wirtschaftskraft des demokratischen Indien noch 40 Prozent von China. Chinesen stellen auch gern das parteipolitische Gezänk heraus, das die USA politisch lähmt, oder den demokratiebedingten Reformstillstand in Deutschland. Vor allem in der Dritten Welt gibt es deshalb eine grosse Faszination für das chinesische Modell.

Wie frei bewegen Sie sich eigentlich in China?
Komplett frei. Ich kann nicht sagen, dass meine Kunsttätigkeiten je in irgendeiner Weise behindert worden wären.

Im Gegensatz zur Arbeit vieler Künstlerinnen und Künstler.
Zensur in China ist eine Realität. Künstler produzieren zwar frei, aber wenn ihre Kunst im öffentlichen Raum gezeigt wird, kommt es zur Zensur. Sie ist eher strenger geworden in den letzten Jahren.

Warum?
Das liegt am politischen Kurs, an der harten Linie, die der heutige Präsident Xi Jinping verordnet, nicht nur in der Kultur, sondern in der Partei und in den Medien. Für alle Bereiche des öffentlichen Lebens gilt sehr viel mehr Strenge.

Wie reagieren die Künstler?
Es gibt Brüche in der Kunstszene. Wenn sich ein autoritärerer Kurs durchsetzt wie jetzt gerade, gibt es Künstler, die sich dem nicht mehr ständig aussetzen mögen. Sie wenden sich anderen, weniger konfrontativen Themen zu, Formalem zum Beispiel. Es gibt sehr honorable Motive, sich für etwas anderes als den politischen Kampf zu interessieren. Aber es gibt immer auch diejenigen, die sich durch die Zensur erst recht herausgefordert fühlen, aber einen hohen Preis zahlen und immense Risiken eingehen.

Merkt man das auch den beiden Ausstellungen in Bern an?
Vor zehn Jahren, im Rahmen meiner grossen «Mahjong»-Ausstellung im Kunstmuseum Bern, hat politische Kunst zwei Drittel ausgemacht. Heute ist es viel weniger. Chinesische Künstler beschäftigen sich heute zudem mit ähnlichen Themen wie Kunstschaffende bei uns – mit der Rolle von Bildern und Medien oder Identität.

Wie chinesisch ist chinesische Kunst?
Das ist ein zentrales Thema für mich. Früher hat man chinesischer Kunst angesehen, dass sie chinesisch ist. Heute sind auch chinesische Künstler vom globalen Mainstream der Kollegen aus New York oder London beeinflusst – und jeder muss sich der Frage stellen: Will ich ein Künstler auf der Weltbühne sein, der das Chinesische ablegt und einfach zufällig aus China kommt? Oder will ich eben ein chinesischer Künstler sein? Mir ist im Westen noch nie ein Künstler begegnet, der sich verpflichtet fühlt, die europäische Tradition fort­zuführen. Bei uns will man damit eher aufräumen. In China gibt es Hunderttausende, die in ihrer Kunst die chinesische Tradition weitertragen wollen.

Welche Rolle spielt zeitgenössische Kunst auf dem chinesischen Markt?
Grundsätzlich: Ein Investitionsgedanke ist meist dabei, wenn Chinesen Kunst kaufen, der Kopf ist häufig schon beim Kapital­gewinn. Etwa ein Drittel der weltweiten Auktionsumsätze findet in China statt, der Grossteil ist aber traditionelle Kunst. Da gibt es Namen, von denen man bei uns noch nie gehört hat, die haben in mehreren Jahren mehr verkauft als Picasso. Zeitgenössische Kunst macht nur sehr wenig aus.

Hat Gegenwartskunst überhaupt eine gesellschaftliche Wirkung in China?
Höchstens punktuell. Es braucht Ausstellungsmöglichkeiten, mediale Öffentlichkeit, Kritik, damit Kunst eine Wirkung haben kann. Das ist in China erst in Bruchstücken möglich. Die breite Bevölkerung steht etwas ratlos da, bei uns ist das ja nicht völlig anders. Kunst hat einen relativ elitären Anstrich, aber plötzlich kann etwas ausbrechen und die Leute ­erreichen. Ai Weiwei hat das geschafft. Im Westen.

Aber in China nicht.
Er war in China jahrelang total blockiert. Keine Ausstellung, ­keine Erwähnung. Für viele ist er komplett vom Bildschirm verschwunden. Jetzt durfte er erstmals wieder ausstellen. Unter chinesischen Künstlern hat er eine kontroverse Position. Es gibt viele, die sagen, dass er ihnen die Show stiehlt.

Das offizielle China versucht indes, seine Position auf der Welt auch mit kultureller Softpower zu stärken. Vor zwei Jahren stellte zum Beispiel das Historische Museum die riesigen Terrakotta-Figuren von Xian aus...
...die sind absolut grossartig, ohne Zweifel. Das ist Glorie von China, und das ist es, was das offizielle China zeigen will, bei jeder Gelegenheit. «Chinese Whispers» hier im Kunstmuseum Bern zeigt etwas anderes – und die Chinesen sind mittlerweile gezwungen, sich damit anzufreunden.

Wie das?
Ich erinnere mich, wie die Deutschen vor 15 Jahren bei einem Staatsbesuch des chinesischen Präsidenten in der Bundesrepu­blik darauf bestanden, Gegenwartskunst auszustellen und nicht die angebotenen Terrakotta-Figuren. Die Chinesen waren nicht in der Lage, mit einem eigenen Kurator eine gute Ausstellung auszurichten. Sie mussten den Kuratoren Hou Hanru anheuern, der 1989 ins westliche Exil gegangen war, um sich nicht zu blamieren. Sie realisierten, dass sie das Terrain der zeitgenössischen Kunst einem fremden Sonderling wie mir überlassen hatten – denn es ist das, was die Welt jetzt von China sehen will, und nicht mehr so sehr die traditionelle Kunst.

Gefällt den Chinesen, was Sie in Bern ausstellen?
Wer mit Kunst zu tun hat, wird sich sehr freuen. Das offizielle China hingegen wäre sicher gerne weniger kritisch repräsentiert.

Wie positionieren Sie sich als Sammler?
Ich verstehe mich als Rechercheur. Ich fälle keine Werturteile, ich zeige, was ist.

Verstehen wir die Chinesen besser oder die Chinesen uns?
Chinesen kennen sich oft in unserer klassischen Literatur recht gut aus, was man umgekehrt nicht sagen kann. Aber was Wirtschaft und Politik angeht, wissen wir heute mindestens ebenso viel wie sie über uns. China ist in jedem Medium ein wichtiges Thema, die «New York Times» widmet China oft zwei oder drei Seiten. Wer will, kann sich im Westen heute fundiert über China informieren. Umgekehrt funktioniert das nicht. Die chinesischen Medien sind sehr stark am Gängelband, und die Internetzensur greift nach wie vor effizient.

Was ist es, was Sie an China seit Jahrzehnten anzieht?
Natürlich die Kunst. Und das gänzlich andere! China ist ein Land, in dem es alles gibt und das Gegenteil davon. China läuft gleichzeitig auf unglaublich ­vielen Geschwindigkeiten. Ich beschäftige mich täglich mehrere Stunden mit China, und trotzdem gibt es jeden Tag eine Überraschung.

zeitpunkt@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

(Erstellt: 14.02.2016, 09:59 Uhr)

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«Chinese Whispers»

Etwas salopp gesagt: Mit seiner über 2000 Werke umfassenden Kunstsammlung ist Uli Sigg das personifizierte chinesische Museum of Modern Arts, das es in China nicht gibt. Bis jetzt.

2018 wird Sigg 1500 Werke aus seiner Sammlung an die «M+Sigg Collection» nach Hongkong als Schenkung abgeben – wobei Hongkong rund 22 Millionen Franken, 10 Prozent des Schenkungswerts, an Sigg bezahlt. Er will damit als privater Sammler weiter Kunst kaufen und seinen chinesischen Kunstpreis alimentieren.

Herzog/de Meuron bauen in Hongkong um Siggs Sammlung das rund 800 Millionen Dollar teure Museum M+, das 2019 eröffnet wird. Hongkong katapultiert sich zum globalen Referenzort für chinesische Kunst. Zuvor aber wird Bern noch einmal zum Referenzort für chinesische Kunst im Westen. Zehn Jahre nach der unter anderem von Ai Weiwei kuratierten Ausstellung «Mahjong» zeigen das Kunstmuseum und das Zentrum Paul Klee ab dem 19.?Februar 150 neuere Werke aus der Sammlung Sigg.

«Chinese Whispers» (chinesisches Geflüster) ist ein vielsagender Titel. Im modernen chinesischen Kunstschaffen spiegeln sich die Missverständnisse, Verzerrungen, Ahnungen und Halbwahrheiten, die das Verhältnis zwischen dem Reich der Mitte und dem Westen prägen. Wenn die Kunst den Besuchern ein wenig die Augen öffne, sei der Zweck der Ausstellung erfüllt, sagt Sigg.

Chinese Whispers: 19.?Februar bis 19.?Juni, Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee.

Zur Person

«Die Bilder sind riesig. Wie alles in China», sagt Uli Sigg und lacht kurz. Entspannt, die Hände im Hosensack, geht der 69-jährige Luzerner, der in jungen Jahren ein ambitionierter Ruderer war, durch die Räume des Kunstmuseums Bern, wo die Ausstellung «Chinese Whispers» (siehe Text nebenan) aufgebaut wird.

Sigg hat Chinas Öffnung live erlebt. 1979 gründet der promovierte Jurist für den Aufzugskonzern Schindler das erste gemeinsame Unternehmen (Joint Venture) eines ausländischen mit einem chinesischen Partner überhaupt. 1995 wird der Unternehmer Sigg als Quereinsteiger Schweizer Botschafter in Peking. Nach Feierabend sammelt er moderne chinesische Kunst, als sie noch im Untergrund entsteht. In seinem Job verwendet sich Sigg als Türöffner für Schweizer Unternehmer im aufblühenden China. Dass die Architekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron das Olympiastadion in Peking bauten, hat viel mit Sigg zu tun.

Heute reist der fliessend Chinesisch sprechende Sigg acht- bis zehnmal im Jahr nach China, wie er festhält. Er besucht dort Künstlerinnen und Künstler gerne persönlich in ihren Ateliers. Doch Sigg ist nicht nur der feinsinnige Kunstliebhaber, sondern ein gewiefter Businessman. Er ist Vizepräsident des Ringier-Verlags und Verwaltungsrat des Luzerner Softwareunternehmens Axon. Sigg gehört auch dem internationalen Beirat der staatlichen chinesischen Entwicklungsbank an.

Sigg lebt mit seiner Frau auf Schloss Mauensee bei Sursee.

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