29. Februar: Geschenkt oder gestohlen?

Arbeiten lohnt sich nicht. Jedenfalls nicht am Montag. Denn am 29. Februar bereichert sich das Business am Schalttag, während der Mensch gratis arbeiten muss. Es geht um – Millionen!

Rares Kalenderblatt, das nur alle vier Jahre die Agenda ziert: Der Schalttag vom 29. Februar.

Rares Kalenderblatt, das nur alle vier Jahre die Agenda ziert: Der Schalttag vom 29. Februar. Bild: Fotolia

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Wer arbeitet, erhält Geld. Wer mehr arbeitet, erhält meist auch mehr Geld. Normalerweise basieren ein Arbeitsjahr und folglich auch der Jahreslohn auf 365 Tagen. Das Jahr 2016 ist allerdings ein Schaltjahr, zählt also einen Tag mehr und dauert damit etwa 0,3 Prozent länger. Was ist mit diesem Schalttag? Es ist ein Tag wie jeder andere – auch am 29. Februar wird gelebt, geliebt, konsumiert, produziert.

Dieses Jahr fällt der Schalttag auf einen Montag, also muss gearbeitet werden. Kein Zweifel: 2016 wird mehr gearbeitet als in jedem der letzten drei Jahre. Erhält man jetzt folglich mehr Lohn?Bei der Berner Kantonalbank jedenfalls nicht. Mediensprecher Alex Josty versichert, in seinem Arbeitsvertrag stehe nichts von einem 365-Tage-Jahr. Eine 0,3-prozentige Lohnerhöhung während des Schaltjahrs ist bei diesem Institut also kein Thema. Allein, nicht nur die Angestellten, auch das Geld arbeitet 2016 einen Tag länger, also fliessen jetzt einfach höhere Einnahmen aus dem Zinsgeschäft und dergleichen, nicht wahr?

Josty verneint behutsam und kontert mit einer leicht irritierenden Feststellung: Banken rechnen sowieso nicht mit 365 oder 366 Tagen – für sie zählt ein Kalenderjahr bloss 360 Tage. Das sei nämlich viel einfacher zum Rechnen.

Julius Cäsar räumt auf

Woher kommt überhaupt diese Kuriosität namens Schalttag? Wieder mal sind es die alten Römer, die dahinterstecken. Beim Kalender aber hatten die damaligen Anführer der Zivilisation ein heilloses Durcheinander. Ein Jahr dauerte bei ihnen zwischen 355 und 378 Tagen, zwischendurch schoben sie ab und zu einen Schaltmonat mit 22, manchmal auch 23 Tagen ein. Kaum jemand blickte da noch durch.

Man stelle sich vor: Wie geschmiert läuft die Zivilisationsmaschinerie vor sich hin, es wird gewerkelt und konsumiert, verwaltet und erobert, doch da – zack! – kommt wieder ein Schaltmonat, alle verlieren die Orientierung, das Leben steht still.

Es brauchte einen entschlossenen Willen, mit solchem Chaos aufzuräumen. Julius Cäsar brachte die erforderliche Energie auf. Er kam, sah und siebte jeglichen Kalenderblödsinn aus. Von jetzt an hatte jedes vierte Jahr 366 Tage, die übrigen Jahre einen weniger. Den Schalttag legte der Imperator auf den 29. Februar fest. Dabei ist es bis heute ge­blieben.

Erde rotiert etwas zu lange

Ja klar, das haben wir alles in der Schule gelernt. Für jene, die damals nicht aufgepasst haben und gerade ein bisschen zu faul sind, um rasch in Wikipedia nachzuschauen, hier die Gegebenheiten in der Kurzversion: Die Erde dreht sich um die Sonne und um sich selbst. Die erste dieser Rotationen dauert ein Jahr, die zweite einen Tag.

Dummerweise stimmt das nur ungefähr. Die Erde benötigt nämlich nicht exakt 365 Tage, um ans genau gleiche Plätzchen im Sonnensystem zurückzukehren, sondern noch knapp 6 Stunden mehr. Das läppert sich in vier Jahren auf einen ganzen Tag zusammen – den Schalttag. Wenn man ihn ignoriert, geraten die Jahreszeiten allmählich aus den Fugen.

Genau dies passierte dann allerdings auch mit dem eigentlich ziemlich cleveren julianischen Kalender. Cäsar und seine Astronomen hatten nämlich ausser Acht gelassen, dass der Schalttag nicht präzise 24 Stunden dauert, sondern etwa eine halbe Stunde weniger. Im Laufe der Zeit führte dies dazu, dass der Kalender den effektiven astronomischen Gegebenheiten immer mehr hintennach hinkte. Hätte nicht Papst Gregor im 16. Jahrhundert Cäsars Kalenderreform durch subtile Zusatzregeln nachgebessert, dann würde der Samichlaus eines Tages im Hochsommer in Erscheinung treten.

Mehrumsatz dank Schalttag

Jetzt ist es also wieder so weit: Wir bewegen uns in einem verlängerten Jahr. Das bedeutet, uns steht ein zusätzlicher Tag zum Leben und Geniessen, zum Leiden und Ärgern, zum Leisten und Konsumieren zur Verfügung. Das müsste doch eigentlich spürbare Auswirkungen auf die Geschäftsergebnisse haben, denkt man. Reto Wüthrich, könnten wir bitte über Zahlen reden?

Der Mediensprecher der Migros Aare räumt ein: «Jeder zusätzliche Verkaufstag ist selbstverständlich schön.» Die umsatzmässigen Auswirkungen des Schalttags auf das Jahresergebnis seien aber vernachlässigbar. 12 000 Mitarbeitende arbeiten bei der grössten Genossenschaft des grössten Schweizer Detailhandelsunternehmens. Jährlich erwirtschaften sie rund 3,3 Milliarden Franken; pro Tag sind das rund 9 Millionen Franken. Gilt das auch für den montäglichen Schalttag? Wüthrich winkt ab: «Wir geben keine Umsatzzahlen zu einzelnen Tagen bekannt.» Tendenziell falle der Umsatz an einem Montag aber etwas tiefer aus als an einem Samstag.

Erhalten die Migros-Angestellten denn für den zusätzlichen Arbeitstag allenfalls mehr Lohn? «Natürlich nicht», erklärt der Mediensprecher: «2016 hat nicht einen Verkaufstag mehr, bloss weil wir ein Schaltjahr haben.» Entscheidend sei vielmehr, wie die Feiertage liegen würden – etwa Stephanstag, Neujahr oder 1. August. «Umgekehrt ziehen wir den Mitarbeitenden auch nichts vom Lohn ab, wenn die Feiertage so liegen, dass weniger Arbeitstage anfallen.»

29. Februar als Feiertag?

Na schön, mehr Lohn gibt es also trotz zusätzlichem Arbeitstag nicht. Aber man könnte den Leuten ja einfach frei geben, auf dass sie am Schalttag jauchzend durch Wald und Wiesen streifen. Das würde zweifellos der allgemeinen Erholung und der Volksgesundheit dienen – man weiss ja, dass die Menschheit immer viel zu wenig Zeit hat. Stress ist sozusagen zu einem Statussymbol geworden. Dicht befrachtete Agenden sind zwar durchaus ein Anlass des Leidens, dienen aber oft auch zum Kokettieren und Auftrumpfen. Mit einem üppig gefüllten Terminkalender lässt sich der eigene Stellenwert nämlich grossartig inszenieren: «Seht her, ich bin total gefragt!»

Was also ist nun in unserer Welt des ewigen Zeitmangels mit dem Schalttag? Da hätten wir 24 ausserplanmässige Stunden «einfach so», quasi geschenkt – warum nicht einen allgemeinen Feiertag veranstalten? Das geht nicht, erklärt Beat Zimmermann vom Personalamt des Kantons Bern. Seine Abteilung Strategie und Controlling ist dafür zuständig, jährlich die Sollarbeitszeit der rund 14 500 Kantonsangestellten zu ermitteln. Das sei keine grosse Hexerei, erklärt er. In der kantonalen Personalverordnung ist exakt geregelt, wie viel Arbeitszeit pro Tag zu leisten ist (8 Stunden 24 Minuten) und an welchen Tagen im Jahr gearbeitet wird; vom Schalttag steht nichts drin.

Schalttag gegen Stephanstag

Der Schalttag sei nicht der einzige Einflussfaktor, der bestimme, wie viel man arbeiten müsse. Massgeblich sei – man hat es bereits anderweitig gehört – auch die Lage der Feiertage. Aus diesem Grund unterliegen die ­Sollarbeitszeiten im Mehrjahresvergleich immer wieder Schwankungen. Während die Mitarbeitenden des Kantons Bern im Schaltjahr 2016 insgesamt 2129 Stunden arbeiten müssen (gerechnet auf der Basis eines Vollzeit-Pensums), kamen sie vor zwei Jahren mit 26 Stunden weniger durch.

Genüsslich weist Zimmermann sodann darauf hin, dass der Stephanstag 2016 auf einen Sonntag fiele, wenn nach dem 28. Februar gleich der 1. März käme. Feiertage, die auf Sonntage fallen, sind nach gängiger Meinung irgendwie doof. Daher muss man eigentlich froh sein um den Schalttag, denn er katapultiert den 26. Dezember 2016 auf einen Montag und verhilft dadurch allen Arbeitnehmern zu einem zusätzlichen arbeitsfreien Tag.

Künftig ohne Schaltjahre

Zum Abschluss noch eine weitere gute Nachricht: Das Problem mit den Schalttagen wird längerfristig sowieso verschwinden. Entgegen der weit verbreiteten kulturpessimistischen Einschätzung, die Welt drehe sich immer schneller, ist gerade das Gegenteil der Fall: Die Rotationsgeschwindigkeit der Erde nimmt kontinuierlich ab, und zwar um 17 Mikrosekunden pro Jahr. Das mag ein Klacks sein. Aber Kleinvieh gibt bekanntlich auch Mist. Wenn man die Entwicklung aus etwas grösserer Flughöhe betrachtet, dann erkennt man deutlich: Viele Klackse zusammen ergeben ein hübsches Sümmchen.

Vor 300 Millionen Jahren rotierte die Erde im Vergleich zu heute noch rasend schnell. Bloss 20 Stunden dauerte damals ein Erdentag – man kann sich lebhaft vorstellen, was das für hektische Zeiten gewesen sein müssen. Bis in ein paar Millionen Jahren dürfte sich unser Planet so weit verlangsamen, dass er präzis 365 Komma null Tage für einen Umlauf um die Sonne braucht. Dann kann der Nachfolger Gregors auf dem Stuhl Petri den Schalttag entsorgen.

zeitpunkt@bernerzeitung.ch (Berner Zeitung)

(Erstellt: 28.02.2016, 09:20 Uhr)

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