Plötzlich beflügelt der Trumpismus

Was wurden doch für Horrorszenarien skizziert für den Fall, dass Donald Trump die Präsidentschaftswahl gewinnen sollte. Doch Anleger halten sich nicht an das Drehbuch der Wirtschaftspropheten.

Wuchtige Wirkung: Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten sorgt für Wirbel in der Wirtschaft.

Wuchtige Wirkung: Die Wahl Trumps zum US-Präsidenten sorgt für Wirbel in der Wirtschaft. Bild: Keystone

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«Sollte Trump gewählt werden, wird die Reaktion an den Märkten heftig», schrieb die St. Galler Kantonalbank am Tag vor der schicksalhaften Präsidentschaftswahl in den USA. Sie befand sich mit dieser Beurteilung in bester Gesellschaft: «Ein US-Präsident Donald Trump wäre nicht gut für die Weltwirtschaft», sagte Willem Buiter, Chefökonom der Citigroup. Und noch am Vorabend der Wahl gab sich Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman überzeugt, dass ein Wahlsieg Trumps einen Börsencrash auslösen werde.

Rogoff gegen Krugman

Die Prophezeiung des 63-jährigen Princeton-Professors Paul Krugman veranlasste den gleichaltrigen Harvard-Professor Kenneth Rogoff zum trockenen Kommentar: «Anlegerinnen und Anleger, die sich auf Krugmans Einschätzung verliessen, haben viel Geld verloren.» In der Tat sind die Börsenkurse seit der Wahl ge­stiegen und nicht gefallen.

«Anlegerinnen und Anleger, die sich auf Paul Krugmans Einschätzung verliessen, haben viel Geld verloren», sagt Harvard-Professor Kenneth Rogoff.

Selbst überzeugte Gegner der Wirtschaftspolitik des gewählten ­Präsidenten Donald Trump müssten laut Rogoff zugeben, dass diese konsequent unternehmerfreundlich ist. So würden Unternehmen wieder bereit sein, zu investieren. Zu lesen ist Rogoffs Kommentar in diversen Publikationen, die der Non-Profit-Organisation Project Syndi­cate angeschlossen sind.

Eines der Hauptprobleme der vergangenen Jahre war laut Rogoff die mangelnde Investitionsbereitschaft. Obschon die Notenbanken die Geldschleusen öffneten und für tiefe Zinsen sorgten, hielten sich die Unternehmer mit Investitionen zurück. Einen Grund für diese Zurückhaltung sieht Rogoff in der verstärkten Regulierung unter Präsident Barack Obama. Kenneth Rogoff denkt etwa an den ausgeweiteten Arbeiterschutz, an den rigorosen Umweltschutz und an das für Unternehmen kostspielige Gesundheitswesen, bekannt als Obamacare.

Aufschwung, nicht Untergang

Thomas Straubhaar, Hamburger Wirtschaftsprofessor mit Thuner Wurzeln, sieht das ähnlich: «Amerikas Wirtschaft steht vor einem Aufschwung, nicht vor dem Untergang.» Trump werde die Steuern senken und die In­vestitionen steigern. Im Unterschied zu den 80er-Jahren, als Ronald Reagan mit ähnlichen Massnahmen die Wirtschaft zu stimulieren vermochte, seien heute die Zinsen tief oder sogar negativ.

Die Schulden liessen sich damit relativ billig finanzieren, unter anderem mit öffentlichen Infrastrukturfonds, die von privaten Investoren gekauft werden können. Denn angesichts der ­tiefen Zinsen hersche weltweit ein Anlagenotstand. Das mache US-Infrastrukturfonds zu einer hochattraktiven Option. «Der Trumpismus wird in den USA Millionen neuer Arbeitsplätze schaffen», schrieb Straubhaar im «Hamburger Abendblatt».

Das sind Töne, wie sie vor der Wahl kaum zu hören waren. Im Gegenteil: Am 7. Oktober konstatierte Straubhaar, dass die Präsidentenwahl die wirtschaftliche Stimmung belaste. Wobei Hillary Clinton das kleinere Übel sei. Es kommt noch besser: Daniel Gros, Direktor des Centre for European Policy Studies, sieht Donald Trump sogar als Retter des Euro. «Soll das Aufbrechen der Euro­zone verhindert werden, braucht Italien – ebenso wie die gesamte Währungsgemeinschaft – dringend einen wirtschaftlichen Aufschwung», schreibt Gros in der «Finanz + Wirtschaft».

Dieser Aufschwung könnte tatsächlich durch den zukünftigen US-Präsidenten Donald Trump bewirkt werden.

Optimistische Unternehmer

Nach der Wahl befragte die Deutsch-Amerikanische Handelskammer 1900 Topmanager in den USA, die für deutsche Firmen arbeiten. 30 Prozent der Befragten erwarten einen «positiven Einfluss». 98 Prozent sehen «keinen Rückgang» ihres US-Geschäfts. Das berichtete das deutsche «Handelsblatt».

Doch es ist nicht Trump allein, der in Wirtschafts- und noch mehr in Anlegerkreisen für Entzücken sorgt. Mindestens so optimistisch stimmt die Tatsache, dass nicht nur das Weisse Haus, sondern ebenfalls der Senat und das Abgeordnetenhaus eine republikanische Mehrheit aufweisen.

«Ein republikanischer Dreifachsieg hat sich historisch als das erfolgreichste Szenario für den US-Aktienmarkt erwiesen», schrieb die UBS in einem Marktkommentar. Der S&P-Index stieg in solchen Jahren im Schnitt um 15 Prozent. Ob die Aktienkurse der 500 grössten US-Unternehmen auch im kommenden Jahr derart steigen werden, weiss niemand. Sicher ist lediglich, dass der Börsenindex S&P-500 seit seinem Tiefst von Anfang November um 9 Prozent zulegte.

Krugman korrigiert sich

Kaum gabs am Wahlergebnis nichts mehr zu rütteln, korri­gierte der bekennende Demokrat Paul Krugman sein Urteil. «In der entsetzlichen Wahlnacht habe ich noch eine Rezession vorausgesagt, diese Einschätzung aber sofort widerrufen», gestand er in der «New York Times». Man dürfe nicht erstaunt sein, wenn sich das Wirtschaftswachstum für ein paar Jahre beschleunige.

«In der Wahlnacht habe ich noch eine Rezession vorausgesagt, diese Einschätzung aber sofort widerrufen», räumt Princeton-Professor Paul Krugman ein.

Doch was kurzfristig funktioniere, könne langfristig einen grossen Schaden anrichten. «Die Konsequenzen werden langfristig apokalyptisch sein.» Paul Krugman denkt an ökologische Folgen oder an den drohenden Protektio­nismus, der das globale Wirtschaftswachstum beeinträchtige, was in ein paar Jahren auf die Vereinigten Staaten zurückschlagen werde.

Paul Krugman muss es wissen: Den Nobelpreis gewann er im Jahr 2008 für seine Forschungsarbeit in der internationalen Handelstheorie. Interessant ist aber, dass Krugman im vergangenen September in der «NZZ am Sonntag» erklärte, dass in der Debatte über den internationalen Handel von beiden Seiten übertrieben werde. «Die Vorteile sind nicht so gewaltig wie vielfach dargestellt.»

Meinungsumschwung

«Wie kommt es, dass Anleger im Vorfeld der US-Wahlen über Trump besorgt sind, dann über Nacht ihre Meinung ändern und den neuen Präsidenten beklatschen?» Diese Frage stellte die «Finanz + Wirtschaft» am 24. Dezember in einem Börsenpanel. Die Antwort von Christophe ­Bernard, Vontobels Chefstratege: «Ein gewisser Wandel war schon seit Sommer in Gang.»

Erstmals seit langem seien die Prognosen für das amerikanische Wirtschaftswachstum nicht nach unten, sondern nach oben revidiert worden, begründet der Chefstratege den plötzlichen ­Optimismus. Was indes nicht ­erklärt, weshalb der Meinungsumschwung quasi über Nacht erfolgte.

Ein anderer, häufig gehörter Erklärungsversuch lautet, dass Donald Trump einige seiner Wahlversprechen relativiert habe. Womit sich die Frage stellt, ob man wirklich davon ausgehen kann, dass Wahlkampfversprechen eines Immobilienspekulanten und Pleitegeiers auch wirklich umgesetzt würden.

Die Verlierer des Finanzjahres

Eine glaubwürdige Erklärung für das Versagen der Ökonomen liest man dafür in einem Kommentar der NZZ vom Mittwoch. Für den Kommentator gehören die Experten zu den Verlierern des Finanzjahres 2016. Sie hätten nicht nur zwei politische Überraschungen verpasst, den Brexit und Donald Trump, viel schlimmer noch, «sie haben auch die Konsequenzen dieser Entscheidungen für die Kurse an den Finanzmärkten völlig falsch vorausgesagt».

Das Versagen zeige, dass Sorgfalt und Objektivität der Analyse einen Tiefpunkt erreichten. Viele Analytiker hätten den Kardinalfehler begangen, ­ihre politische Sichtweise mit der Analyse zu vermischen. «Wer gegen Trump war, hat sich nicht gescheut, öffentlich vor einem Kursfiasko an der Börse zu ­warnen.»

Dies trifft unter anderem auch auf den bereits zitierten Nobelpreisträger zu. Er selber, Paul Krugman, liefert noch eine an­dere mögliche Erklärung, die er ­allerdings schon vor der Präsidentschaftswahl äusserte. In dem erwähnten NZZ-Interview von Mitte September sagte er: «Wer nie falsch liegt, geht nicht genug intellektuelle Risiken ein.» (Berner Zeitung)

Erstellt: 31.12.2016, 10:03 Uhr

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