«Meine Forschung ist in einem gewissen Sinne Klatsch»

Wirtschaftsnobelpreis­träger Alvin E. Roth forscht, wie der Arbeitsmarkt oder der Heiratsmarkt funktioniert. Am Weltwirtschaftsforum in Davos gab er Tipps für Stellensuchende und Verliebte.

Spezialist für das Design von Märkten: Alvin E. Roth erklärt am Weltwirtschaftsforum in Davos die Theorie, für die er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist.

Spezialist für das Design von Märkten: Alvin E. Roth erklärt am Weltwirtschaftsforum in Davos die Theorie, für die er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden ist. Bild: Keystone

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Tausende Wissenschafter träumen davon, einmal im Leben einen Anruf vom Nobelpreis­komitee zu erhalten. Was war das für ein Gefühl, als Sie 2012 den Anruf erhielten?
Alvin E. Roth: Der Anruf kam für mich völlig überraschend. Der Preis hat mir viel Freude bereitet. Ich kann es nur empfehlen.

Sie erinnern sich sicherlich noch genau an diesen Anruf.
Ja. Ich lebte damals in Kalifornien. Das Telefon klingelte mitten in der Nacht. Ich gehe davon aus, dass die Mitglieder des Komitees zu Mittag essen und dann den ­Anruf tätigen. Meine Frau hörte das Telefon klingeln. Aber es war schon zu spät. Beim zweiten Anlauf klappte es.

Und was wurde Ihnen dann gesagt?
Ich hatte den Eindruck, dass sie grossen Wert darauf legten, mir klarzumachen, dass tatsächlich jemand vom Preiskomitee am Draht ist. Offenbar zweifeln viele Preisträger, dass es sich um einen echten Anruf handelt. Zwei Mitglieder des Komitees, die ich kannte, sprachen dann mit mir. Dann erhielt ich erneut einen Anruf, und man sagte mir, ich sollte jetzt die Internetseite des Komitees aufrufen. Dann gab es wirklich keinen Zweifel mehr.

Und dann öffneten Sie eine ­Flasche Champagner?
Nein, wir wollten bei Starbucks einen Kaffee trinken gehen. Doch wir mussten bis um fünf Uhr ­morgens warten, bis sie öffneten. Und danach erhielt ich unzählige Anrufe.

Wie hat sich Ihr Leben danach verändert?
Zuerst war es sehr hektisch. Ich hielt viele Vorträge. Jetzt sind es weniger. Ich versuche, mit meinen Vorträgen ein breites Publikum anzusprechen. Aus diesem Grund habe ich auch ein Buch geschrieben, das sich an eine breite Leserschaft richtet. Ich bin der Ansicht, dass Ökonomen sich mehr an die Leute richten sollten. Und nicht nur an andere Öko­nomen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, dass die Ökonomie eine Art von Klatsch sei. Wie meinen Sie dies?
Ich untersuche in meiner Forschung, wie Ärzte oder wie Rechtsanwälte einen Job erhalten und wie Universitäten in ­meinem Land Studenten auswählen und umgekehrt. Durch meine Forschung erfahre ich, wie Leute wichtige Entscheide fällen. Das ist in einem gewissen Sinne Klatsch.

Es gab nur sehr wenige Ökonomen, die vor dem Ausbruch der Finanzkrise gewarnt haben. Muss die Wirtschaftstheorie deshalb neu geschrieben werden?
Zuerst muss ich dazu sagen, dass ich kein Makroökonom bin. Ein solcher beschäftigt sich mit Fragen des Konjunkturverlaufs. Ich gebe Ihnen deshalb die Antwort eines Nichtexperten...

... aber Sie sind Nobelpreis­träger...
Von einem Preisträger wird erwartet, dass er alles weiss. Das ist die Last des Preises. Nun zu Ihrer Frage: Wir Ökonomen sind bei der Vorhersage von Krisen nicht gut. Die Tatsache, dass die allermeisten Ökonomen die ­Finanzkrise nicht voraussahen, zeigt, dass es Dinge gibt, die wir noch nicht verstehen. Das heisst aber nicht, dass man gleich die ­gesamte Theorie neu schreiben muss. Wenn es eine Grippeepidemie gibt, schreiben wir auch nicht die gesamte Medizintheorie neu. Aber eine Epidemie zeigt, dass wir mehr über Epidemien und die Grippe wissen müssen.

Können Sie am Beispiel des Arbeits- oder des Heiratsmarktes aufzeigen, was Sie forschen?
Beide Märkte funktionieren nach dem Prinzip des zweiseitigen Auswahlverfahrens. Auf dem Ar­beitsmarkt kann ich nicht einfach eine Stelle auswählen, und die erhalte ich dann. Man muss auch noch angestellt werden. Sie können ihre künftige Ehepartnerin nicht einfach wählen. Sie muss auch Sie wählen. Mit mathema­tischen Modellen versuchen wir herauszufinden, ob ein solcher Markt so gut organisiert ist, dass er zu den bestmöglichen Resultaten führt. Es sollte beispielsweise nicht passieren, dass ein Anstellungsverhältnis nicht zustande kommt, wenn der Arbeitnehmer und der Arbeitgeber sich ein solches wünschen.

Welche Probleme können auf einem solchen Markt auftreten?
Ein Markt funktioniert gut, wenn es möglichst viele Käufer und Verkäufer hat. Ein Problem, das auf solchen Märkten entstehen kann, ist die Überlastung. Wenn es beispielsweise sehr viele Bewerber für eine Stelle oder sehr viele Anwärter auf eine schöne Frau gibt. In diesem Fall ist es nicht möglich, alle möglichen Partner zu evaluieren. Auf dem Heiratsmarkt können sie beispielsweise nicht gleichzeitig mit mehreren Partnern eine Beziehung eingehen.

Wie findet man den bestmög­lichen Partner oder die bestmögliche Stelle?
Man muss sich natürlich möglichst attraktiv präsentieren. Zum Beispiel im Bewerbungsschreiben oder auf einer Onlineplattform für die Partner­suche. Doch das alleine reicht nicht aus. Man muss Signale aussenden, die zeigen, dass man an der Stelle oder an einem möglichen Partner wirklich interessiert ist. Bei Bewerbungen verfasst man Begleitschreiben, in denen man zeigt, dass man sich mit dem Unternehmen und der Stelle vertieft befasst hat. Wenn man verliebt ist, versucht man sein Interesse zu zeigen, indem man beispielsweise der Person zum Geburtstag gratuliert.

Haben Onlineplattformen das Funktionieren des Heiratsmarktes verbessert?
Gewisse Plattformen haben das Problem der Verdichtung nicht gelöst. Schöne Frauen erhalten viele Angebote und wischen sie einfach weg. Beim Design der Plattformen ist es immer ein Abwägen. Es gibt Plattformen, die einem relativ wenige Partner vorschlagen. Da ist die Chance grösser, dass man auch gewählt wird. Andere schlagen einem sehr viele mögliche Partner vor, doch die Chance, auch gewählt zu werden, ist dann kleiner.

Eine Anwendung Ihrer Forschung sind Nierentransplantationen. Was ist das Spezielle an diesem Bereich?
Nierentransplantationen haben ganz spezielle Gesetzmässigkeiten. Jeder Mensch hat zwei Nieren. Es ist aber möglich, nur mit einer Niere zu leben. Man muss also nicht auf einen Todesfall warten. Benötigt nun ein Nierenkranker eine Niere, kann beispielsweise ein naher Verwandter eine Niere spenden. Das basiert auf Freiwilligkeit. Denn in den allermeisten Ländern ist es verboten, für eine Niere etwas zu bezahlen. Wenn ein Nierenkranker einen Spender hat, ist man noch nicht am Ziel. Es ist nämlich möglich, dass die Niere des Spenders aus medizinischen Gründen nicht zum Patienten passt. Hier setzt nun unsere Forschung ein.

Wie?
Es ist ja möglich, dass es gleichzeitig ein anderes Paar von einem Nierenpatienten und einem Spender gibt, welches das gleiche Problem hat. Werden die Nieren nun übers Kreuz transplantiert, ist allen geholfen. Das ist ein einfacher Austausch. In unserer Forschung ist es uns zudem gelungen, kompliziertere Kombinationen zu ­finden.

Wie weit ist man heute in diesem Gebiet?
Heute ist es möglich, einen solchen Austausch mit je drei Spendern und drei Nierenkranken zu organisieren. Ein solcher Vorgang ist auch logistisch sehr anspruchsvoll, denn es braucht sechs Operationssäle und Ärzteteams, die gleichzeitig verfügbar sind. Aus gesetzlichen Gründen müssen die Operationen gleichzeitig erfolgen. Ein weiterer Nutzen eines solchen Austausches besteht darin, dass dadurch Ketten von Operationen ausgelöst werden können, die sonst nie stattgefunden hätten. Das Verfahren hat sich in den USA als Standard durchgesetzt. Es wird bereits auch in der Schweiz ein­gesetzt.

Wie haben die Ärzte auf Ihre Vorschläge reagiert?
Ursprünglich waren nur sehr ­wenige Ärzte an unserer Arbeit interessiert. Innovationen setzen sich in der Medizin meist nur sehr langsam durch. Solche Veränderungen haben Auswirkungen auf das Einkommen oder auf die Karriere von Ärzten. Deshalb gibt es oft eine gewisse Zurückhaltung.

Welches werden die nächsten Innovationen auf diesem Gebiet sein?
Heute werden Nieren von verstorbenen Patienten nach einem anderen Verfahren vergeben als diejenigen von Lebendspendern. Diese Nieren dürfen nicht untereinander vermischt werden. Ich arbeite mit Medizinern an Vorschlägen, wie man diese Verteilung besser organisieren könnte, indem wir die Nieren von verstorbenen Patienten miteinbeziehen. Sodass künftig mehr Patienten eine neue Niere erhalten.

An welchen Themen wollen Sie in Zukunft arbeiten?
Aufgrund der aktuellen Flüchtlingswelle in Europa ergeben sich spannende Fragen. Beispielsweise wie Flüchtlinge am besten auf Länder oder auf Bundesstaaten verteilt werden. Ich würde es als sinnvoll erachten, wenn man die Flüchtlinge auch fragt, wo sie in Zukunft leben möchten. Meistens wünschen sie, in Regionen zu ziehen, wo es bereits eine Gemeinschaft aus ihrem Herkunftsland gibt. Innerhalb dieser Gemeinschaften finden die Flüchtlinge meist auch relativ schnell eine Stelle. Deshalb erachte ich es als sinnvoller, solche Gemeinschaften zu fördern, als die Flüchtlinge möglichst gleichmässig auf das Land zu verteilen.

(Berner Zeitung)

Erstellt: 23.01.2016, 12:02 Uhr

Zur Person

Alvin E. Roth ist im Jahr 2012 mit dem Nobelpreis für Wirtschaft ausgezeichnet worden. Dieser Preis wurde von der Schwedischen Reichsbank ins Leben gerufen. Roth hat Ingenieurwissenschaften studiert und wechselte später zur Ökonomie. Heute lehrt er an der Stanford-Universität. Seine Erkenntnisse hat er in einem einfach zu lesenden Buch mit dem Titel «Who Gets What – and Why» niedergeschrieben. Es wird im März auf Deutsch erscheinen.

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