Wirtschaft
Ökonomische Dogmen fallen wie Dominosteine
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 23.02.2010
Artikel zum Thema
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- Was Ökonomen noch zu glauben ist
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Fast scheint es, als ob es dem Internationalen Währungsfonds (IWF) damit eilt, bisher durch dick und dünn vertretene Positionen über Bord zu werfen. Erst eben hat der Chefökonom des Fonds, Olivier Blanchard angeregt, die Zentralbanken sollten doch eine höhere Inflation anstreben. Schon das alleine widerspricht allem, was bisher den meisten Ökonomen als heilig galt.
Jetzt sind selbst Eingriffe in den freien Kapitalverkehr für den IWF kein Tabu mehr. Ein Positionspapier des Fonds vom vergangenen Freitag hält fest, dass ein Land dank Kapitalverkehrsbeschränkungen unter gewissen Umständen geringeren Risiken ausgesetzt ist und von einem stabileren Finanzsystem profitiert. Wie schon bei der Forderung nach mehr Inflation ist der Tabubruch in Watte verpackt: Die grundsätzlichen Vorteile von freien Märkten werden im Positionspapier noch einmal vorgebetet und eine Reihe von Bedingungen angeführt, die erst erfüllt sein müssen, damit der Eingriff in die Märkte wirklich etwas bringt.
Einst Kreuzritter der reinen Lehre
Trotzdem reibt man sich die Augen: War da nicht ein Jahrzehntelanger Kampf mit eben diesem IWF, der die reine Lehre der ungehinderten Märkte wie einst die katholische Kirche das Christentum auch in die hintersten Winkel der Welt getragen und mit gewaltigem Druck durchgepaukt hat? Der vom IWF einst geforderte freie Kapitalverkehr hat – wie im Fall der Asienkrise Ende der 90er Jahr – erst zu spekulativen Blasen geführt und nach deren Platzen zu hohen Schulden der betroffenen Länder. Um die Rückzahlung sicherzustellen hat der Fond von den Ländern dann harte Einschnitte verlangt: zum Beispiel die Kürzung von sozialen Stützungsmassnahmen und von Löhnen.
Wirtschaftspolitische Dogmen fallen nicht nur beim IWF wie Dominosteine. Seit Beginn der aktuellen weltweiten Wirtschaftskrise ist die ganze Ökonomenzunft zutiefst verunsichert. Einige namhafte Vertreter, wie etwa der Nobelpreisträger Paul Krugman, gehen sogar so weit, den Nutzen eines Grossteils der ökonomischen Forschung aus den letzten 30 Jahren in Frage zu stellen. Der Sinneswandel zeigt sich besonders deutlich an den folgenden sechs Punkten:
Gefallene Glaubenssätze
- Nichts zeigt den ideologische Wandel stärker als das Urteil zum 1946 verstorbenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes. Seit Mitte der 70er Jahre galten seine Lehren als überholt und falsch. Jetzt erleben sie eine mächtige Wiedergeburt. Im Kern lassen sie sich auf zwei Feststellungen reduzieren: Menschen werden von Instinkten («Animal Spirits») getrieben, was wirtschaftlich zu einer ungenügenden Gesamtnachfrage führen kann. In diesem Fall können staatliche Stützungsmassnahmen nötig werden, um wieder zur Vollbeschäftigung zurückzufinden.
- Die Lehre der Ökonomen baute seit den 1970er Jahren darauf auf, dass Märkte von Rationalität getrieben werden: Zwar haben Ökonomen nie bestritten, dass Einzelne unvernünftig handeln. Doch im Gesamtergebnis hätte das keine Bedeutung, glaubten sie. Daher galten spekulative Blasen für ausgeschlossen. Die jüngste Geschichte zeigt dagegen, dass solche in immer kürzeren Abständen auftreten. Jetzt sind Ökonomen, die systematisches irrationales Verhalten von Menschen untersuchen, die Stars der Branche. Der in Zürich lehrende Österreicher Ernst Fehr ist ein Beispiel dafür.
- Die Ökonomen glaubten in den letzten Jahrzehnten, anders als einst Keynes, sie hätten die wirtschaftlichen Auf- und Abschwünge mit ein paar wenigen, strikt einzuhaltenden Grundregeln im Griff. Die wichtigste ist: Konjunkturpolitik ist einzig Sache der Notenbanken. Und auch deren Aufgabe schien einfach: Sie sollen für ein möglichst stabiles Preisniveau sorgen, das heisst höchstens eine Inflation von 2 Prozent, und ansonsten über die kurzfristigen Zinsen Anpassungen vornehmen. Die aktuelle Krise hat die Grenzen dieser Politik gezeigt. Das Zinsinstrument erwies sich sehr schnell als stumpf, denn die Notenbanken können Zinsen nicht unter Null senken. Sie haben daher Dinge getan, die jeder seriöse Ökonom noch vor wenigen Jahren als verantwortungslos taxiert hätte: Bis hin zur direkten Finanzierung der Staatsschulden.
- Wie von Keynes während der Weltwirtschaftskrise gefordert, erlebt die aktive Konjunkturstimulierung über Staatsgelder eine verblüffende Wiedergeburt. Bisher galt: Regierungen können alles nur falsch machen. Ihr Einsatz wirkt zu spät, sie verdrängen Private, erhalten schwache Strukturen aufrecht und erhöhen letztlich nur die Gesamtverschuldung. Tatsächlich haben jetzt staatliche Ausgabenprogramme weltweit den Ausfall der privaten Nachfrage ersetzt. Dank ihnen hat sich die Weltwirtschaft wieder stabilisiert.
- Generell hat die übertriebene Marktgläubigkeit schwere Dämpfer erhalten. Warum die Regulierungsbehörden die Blase an den Immobilienmärkten – am Ursprung der weltweiten Krise – nicht verhindert haben, wurde oft gefragt. Der einstige Chef der US-Zentralbank Alan Greenspan war überzeugt davon, dass sich die Preise der Immobilien und der aus ihnen abgeleiteten komplizierten Schuldpapiere mit dem perfekten Funktionieren der Märkte rechtfertigen lassen. Das erwies sich als schrecklicher Irrtum. Am Ende erwiesen sich die Papiere als toxisch. Sie mussten mit Milliardenverlusten abgeschrieben werden. Das Finanzsystem ist darob beinahe kollabiert.
- Das Muster zeigte sich auch bei den Gehältern. Wer sehr viel verdient, muss sehr viel Wert sein, so lautete noch vor kurzem die Devise, denn sonst würde «der Markt» eine solche Bezahlung nicht zulassen. Die Topverdiener würden schliesslich auch für eine entsprechende Wertschöpfung sorgen. Auch exorbitante Bankerboni wurden so gerechtfertigt. Am Ende stellte sich das als brutaler Irrtum heraus. Tatsächlich sind die Empfänger bloss gigantische Risiken auf Kosten der Allgemeinheit eingegangen. Das Dogma, dass freie Märkte immer besser sind als staatliche Eingriffe, liess sich kaum mehr verteidigen.
Erstellt: 23.02.2010, 11:29 Uhr
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