Jordan stellt sich Berner Kritikern

Nationalbankpräsident Thomas Jordan wagte sich am Montag quasi in die Höhle der Löwen. Auf dem Podium der KMU-Plattform Swiss Venture Club in Bern stellte er sich scharfer Kritik an der Aufgabe des Euromindestkurses.

Das Lächeln verging ihnen nicht: SNB-Präsident Thomas Jordan und sein Doktorvater Ernst Baltensperger.

Das Lächeln verging ihnen nicht: SNB-Präsident Thomas Jordan und sein Doktorvater Ernst Baltensperger. Bild: Urs Baumann

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Hans-Ulrich Müller, langjähriger CS-Banker für die Region Bern, Investor (etwa im Bernapark in Deisswil) und Präsident der KMU-Plattform Swiss Venture Club, griff unlängst in der Zeitschrift «Bilanz» zu drastischen Worten: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) versetze vielen Unternehmen den Todesstoss, wenn sie die schockartige Aufwertung des Frankens nicht korrigiere. Die Schweizer Währung hat sich zum Euro zwar in letzter Zeit weiter abgeschwächt. Dagegen machten Massenentlassungen Schlagzeilen.

SNB-Präsident Thomas Jordan stellte sich am Montagabend in Bern an einem Podiumsgespräch des Swiss Venture Club den Vorwürfen, begleitet vom langjährigen SNB-Berater Ernst Baltensperger.

«Brutal und falsch»

Der Patron der Burgdorfer Medizinaltechnikfirma Ypsomed, Willy Michel, sprach im Klartext aus, was wohl andere KMUler auch gerne gesagt hätten: Der Entscheid der Nationalbank, den Euromindestkurs von 1.20 Franken aufzugeben, sei «brutal» und «falsch» gewesen. «Ich garantiere Ihnen, bis in einem Jahr werden mehr als 30'000 Arbeitsplätze verloren sein», prognostizierte Michel. Durch seine Kontakte wisse er, dass weitere Firmen daran seien, Produktionen auszulagern. Es werde stillschweigend abgebaut, und dann treffe es die Zulieferer. «In diesem und im nächsten Jahr werden einige ihr Eigenkapital aufbrauchen.»

Grösseres Fiasko verhindert

Jordan entgegnete, die SNB habe Anfang 2015 auf die «eklatante Euroschwäche» reagieren müssen. «Heute würden wir eine ganz andere Diskussion führen, wenn die Nationalbank diesen Punkt verpasst und dann mit Hunderten von Milliarden interveniert hätte. Das wäre zu einem absoluten Fiasko geworden für die Volkswirtschaft und die Schweiz insgesamt», sagte Jordan.

Willy Michel konfrontierte den SNB-Präsidenten auch mit der verpassten Alternative, den Franken statt an den Euro an einen Korb aus diversen Währungen zu binden. Pikanterweise hatte dies Jordans Doktorvater Baltensperger Anfang 2015 vorgeschlagen. Baltensperger fiel Jordan aber nicht in den Rücken: «Es war wohl besser so, wie es die SNB gemacht hat», sagte er. «Heute dürfte sich die Situation so oder so nicht stark unterscheiden.»

Nötiger Strukturwandel

Jordan erkannte zwar an, dass die Situation für Firmen eine grosse Herausforderung sei. Grosses Mitgefühl zeigte er aber nicht: Es zeige sich nun, wo die Strukturen am schwächsten seien. «Die Schweiz muss in der Lage sein, sich immer wieder zu erneuern.» Wenn gewisse Produktlinien nicht mehr rentabel in der Schweiz zu produzieren seien, so müsse es möglich sein, diese mit Produkten von höherer Wertschöpfung zu ersetzen. Ansonsten würden das Lohnniveau und der Wohlstand in der Schweiz kaum zu halten sein.

Die jüngsten Übernahmen mehrerer Schweizer Firmen durch chinesische Investoren sieht Jordan übrigens nicht als Folge der Aufgabe des Mindestkurses. Im Gegenteil: Mit dem teureren Franken müssten ausländische Käufer für Schweizer Unternehmen tiefer in die Tasche greifen. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 08.02.2016, 22:31 Uhr)

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