Wirtschaft
Wie lange wir für unser tägliches Brot noch arbeiten
Von Alex Hämmerli. Aktualisiert am 27.07.2009 10 Kommentare
Seit dem zweiten Weltkrieg sinkt der Anteil der Lebensmittel an den gesamten Schweizer Haushaltsausgaben stetig. 1945 lag der Wert im Schnitt bei 35 Prozent, in der aktuellsten Erhebung des Bundesamts für Statistik (BFS) für das Jahr 2007 machen sie noch gut 7 Prozent oder 638 Franken pro Monat aus. Selbst grosse Haushalte mit fünf Personen geben hierzulande weniger als 10 Prozent ihres Bruttoeinkommens für Essen und Trinken aus. Aktuell liegt der Anteil vermutlich noch tiefer, da die Preise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke stark unter Druck geraten sind – etwa durch den Markteintritt von Aldi und Lidl.
Anteil in Deutschland höher
Damit ist die Schweiz auch im internationalen Vergleich Spitze: Weltweit gibt es kaum ein Land, das ähnlich wenig für Lebensmittel ausgibt. In Deutschland etwa beträgt der Ausgabenanteil rund 14 Prozent, also doppelt so viel wie der Schweizer Durchschnitt. Und das obwohl die Schweizer aufgrund der tieferen Preise gerne ennet der Grenze einkaufen gehen.
Ist die Hochpreisinsel Schweiz also nur ein Mythos? «Vergleicht man die Lebenshaltungskosten mit der Kaufkraft, so ist das Verhältnis tadellos», sagt Urs Schneider, stellvertretender Direktor des Schweizerischen Bauernverbands. Schliesslich seien die hiesigen Preise ein Resultat des Schweizer Kostenumfelds. Die höheren Nahrungsmittelpreise – sie liegen rund 40 Prozent über dem EU-Schnitt – würden durch das gute Lohnniveau und tiefe Abgaben mehr als ausgeglichen.
Diese Argumentation stösst beim Dachverband der Schweizer Wirtschaft, Economiesuisse, auf Unverständnis: «Das ist noch lange keine Rechtfertigung für überhöhte Preise», sagt der stellvertretende Leiter für allgemeine Wirtschaftspolitik, Fridolin Marty. «Aus der Warte der Bauern sind saftige Preise natürlich gut. Preisdruck und Wettbewerb haben uns aber auch den Wohlstand gebracht, den wir heute in der Schweiz geniessen.» Durch die Rezession seien zwar wieder protektionistische Tendenzen erkennbar. Marty erwartet jedoch, dass sich die Lebensmittelpreise in den kommenden Jahren ans Niveau der EU annähern werden: «Schliesslich macht bei identischen Produkten eine Preisdifferenz keinen Sinn.»
Haupttreiber für den sinkenden Anteil der Lebensmittel an den Gesamtausgaben eines Haushalts ist neben den sinkenden Preisen der wachsende Wohlstand in der Schweiz. Zum einen leben heute deutlich weniger Personen in einem Haushalt als noch vor einigen Jahrzehnten: 1945 waren es im Schnitt vier, heute sind es noch gut zwei. Zum anderen sind die Löhne stark gestiegen.
Wie wohlstandsabhängig der Lebensmittelkonsum ist, zeigt ein Blick auf die Einkommensverteilung der BFS-Statistik: Haushalte mit monatlichen Einkommen über 12500 Franken geben 4,9 Prozent davon für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke aus. Bei Haushalten mit Verdiensten unter 4600 Franken macht der Anteil dagegen 13,1 Prozent aus.
Romands geben mehr aus
Der Röstigraben zeigt sich auch in der Haushaltskasse: So geben die Romands mit monatlich gut 680 Franken mehr Geld fürs Essen aus als die Deutschschweizer. Der Anteil der Nahrungsmittel und alkoholfreien Getränke am Bruttoeinkommen beträgt in der Westschweiz 7,8 Prozent. Die Deutschschweizer sind beim Schlemmen sparsamer. Sie verwenden lediglich 622 Franken oder 6,8 Prozent des ihnen zur Verfügung stehenden Geldes für Essen und Trinken. Die Tessiner Haushalte liegen mit 652 Franken fürs Essen und Trinken zwischen den Romands und den Deutschschweizern. Da die Löhne im Tessin tiefer sind, entsprechen die Nahrungsmittelausgaben 8,5 Prozent des Bruttoeinkommens.
Nicht inbegriffen sind Mahlzeiten und Getränke in Restaurants und Bars. Sie machen im Schnitt weitere 400 Franken aus.
Während der Anteil der Lebensmittel über die Zeit gesunken ist, sind andere Konsumposten in den Vordergrund gerückt. Von den 5430 Franken, den ein durchschnittlicher Privathaushalt pro Monat für den Konsum ausgibt, entfallen heute rund 1400 Franken aufs Wohnen. Der Anteil des Wohnens liegt mit 16 Prozent vom Bruttoeinkommen heute aber deutlich an der Spitze – sieht man von den Zwangsabgaben für Steuern sowie den Prämien für Sozialversicherungen ab.
Verkehr und Vergnügen
Stark zugenommen haben die Ausgaben für Verkehr. Sie verschlingen rund 8,5 Prozent des Bruttoeinkommens. Seit 2006 übersteigen zudem die kumulierten Ausgaben für Unterhaltung, Erholung und Kultur den Posten Lebensmittel – dies bestätigt einmal mehr, dass sich die Schweiz zu einer Wohlstandsgesellschaft gewandelt hat. (Der Bund)
Erstellt: 27.07.2009, 15:33 Uhr
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10 Kommentare
Statistik ist ein Mittel um Menschen in falscher Sicherheit zu wiegen oder um Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen. Anstelle Unsummen für solche sinnlose Zahlenvergleiche herzustellen und nach freiem Gusto zu manipulieren, würde der Staat sinnvolleren Aufgaben nachgehen. Wenn die Lebensmittelverordnung griffig wäre würden viele "unechte" Lebensmittel verschwinden = Lebensmittel verteuern. Antworten
Natürlich sinkt der Anteil der Lebensmittel im Haushaltsbudget, wenn die Preise sinken. Nur das ist ein Trugschluss, weil auch die Löhne sinken, zwar nicht für alle AN spürbar, aber im Schnitt, auch durch Arbeitslosigkeit. Das wiederum ist sinkende Kaufkraft und fallende Preise = Deflation. Gleichzeitig müssen wir auch mit einer kommenden Inflation rechnen, dann haben wir die Stagflation. Antworten
Herr Moser hat wohl genauso Recht wie Frau Hoffmann. Mit den statistischen Durchschnitten liegen wir bereits jenseits von Gut und Böse. Die Realität manifestiert sich jedoch nicht in statistischen Durchschnitten. Vielmehr ist längst Wirklichkeit, dass auch in der Schweiz viele Menschen nicht an der hohen Esskultur teilnehmen können. Wenn der Wohlstands-Hype zusammenbricht, gibt's Armut für alle. Antworten
Wohlstand sollte man auch an der Qualität messen, nicht nur in Zahlen. Tatsache ist, dass viele Menschen billige und ungesunde Fertigprodukte mit künstlichen Aromen, Farbstoffen etc., Fleisch aus Tierfabriken, oder Früchte /Gemüse voll von Pesti- und anderen Ziden essen (müssen). Ist das wirklich Wohlstand? Frische, natürliche Bio-Nahrungsmittel können sich viele Menschen immer noch nicht lesiten. Antworten
Schon sehr bald werden wir sehr viel mehr für Essen und Energie ausgeben müssen. Oekonomisch gesehen befinden wir uns im Kontratieff-Winter. Geschieht der Schuldenabbau nicht freiwillig, kommt es zum Abverkauf der Staatsanleihen und zur Hyperinflation! Die pure Verarmung wird die Folge sein. Physische Edelmetalle, schuldenfreies Agrarland und Lebensmittelvorräte gehen nie pleite! Antworten
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Jakob Gauss
Man soll ja bekanntlich keiner Statistik glaubern, die man ... Die Schlussfolgerung, dass wir nur 34 Minuten fürs Essen arbeiten ist so nicht korrekt. Die 7% (638.-) beziehen sich auf Haushaltseinkommen - Haushalte bestehen noch nicht aus einer Person. Antworten