Wie die Brexit-Ängste schon jetzt die Weltwirtschaft treffen

Fünf Fragen und Antworten, warum sich die Sorgen vor einem EU-Austritt Grossbritanniens auf die Märkte auswirken.

Die Unterstützung eines EU-Austritts durch den Londoner Bürgermeister Boris Johnson führte zur Abschwächung des Pfunds: Pfundkurs in Dollar im Wochenverlauf.

Die Unterstützung eines EU-Austritts durch den Londoner Bürgermeister Boris Johnson führte zur Abschwächung des Pfunds: Pfundkurs in Dollar im Wochenverlauf. Bild: Interactive Data

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Was hat den Wertverlust des britischen Pfunds ausgelöst?

Gegenüber dem Dollar hat das britische Pfund mit einem Preis von rund 1.41 Dollar einen Tiefstand erreicht, den die einst stolze Weltwährung zum letzten Mal vor 7 Jahren im Nachgang der Finanzkrise gesehen hatte. Als wichtiger Auslöser des jüngsten Tauchers gilt die Aussage des Bürgermeisters von London, Boris Johnson, der sich am Wochenende für einen Austritt Grossbritanniens aus der EU (Brexit) aussprach. Die Währung verliert deshalb an Wert, weil mit dem Votum Johnsons der Brexit wahrscheinlicher geworden ist, als zuvor angenommen wurde. Johnson ist Mitglied der in dieser Frage ohnehin gespaltenen konservativen Regierungspartei und gibt damit den Austrittsgegnern ein prominentes und populäres Gesicht.

Wieso beeinflusst die Brexit-Debatte die britische Währung?

Ein Brexit gilt unter der Mehrzahl der Ökonomen und bei den meisten britischen Unternehmen als wirtschaftlich grosses Risiko für Grossbritannien. Wegen der engen Verknüpfung mit der EU befürchten viele grosse Nachteile im internationalen Handel des Landes und vor allem für die Finanzindustrie, die stark auf Europa ausgerichtet ist (siehe dazu nächster Punkt). Klarheit über die Folgen besteht aber nicht. Es gibt zumindest für die langfristige Entwicklung des Landes auch Szenarien, die dem Land Vorteile versprechen. Die aktuell grösste Gefahr für das Land besteht in einer enormen Unsicherheit: erstens über den Ausgang des Referendums und zweitens im Falle eines Austritts über die Anpassungsperiode, bis ein solcher vollzogen ist. Es besteht damit die Gefahr, dass Unternehmen Investitionen aufschieben oder gänzlich streichen. Damit verbunden ist die wachsende Wahrscheinlichkeit einer einbrechenden Konjunktur. Diese Risiken machen Investitionen in britische Pfund weniger attraktiv beziehungsweise riskanter. Das bestätigen auch die Ratingagenturen Moody’s und Fitch. Sie haben bereits gewarnt, die Bonitätsnote für britische Staatsschulden im Fall eines Entscheids für den EU-Austritt zu senken. Das hätte auch eine höhere Verzinsung der Staatsschulden des Landes zur Folge.

Welche Rolle spielen die Banken?

Der starke britische Bankenplatz in London gilt durch einen Brexit als besonders gefährdet, was sich ebenfalls im schwächeren Pfund niederschlägt. Nicht nur die britischen Finanzhäuser, sondern auch viele internationale, inklusive derjenigen in der Schweiz, nutzen die britische Metropole als Hub in die gesamte EU. Als künftigem Nichtmitgliedsland würden Grossbritannien Beschränkungen drohen, die die aktuelle Attraktivität unterminieren würden. So ist es kaum verwunderlich, dass auch grosse US-Finanzhäuser wie Goldman Sachs und J. P. Morgen die Kampagne der EU-Befürworter finanziell unterstützen. Sollte der Brexit doch Realität werden, droht eine Abwanderung von Banken nach Paris oder Frankreich. Die Brexit-Sorgen kommen im Übrigen noch zu den ohnehin seit Jahresbeginn wieder deutlich gestiegenen Ängsten um den Zustand der Finanzindustrie hinzu und befeuern diese zusätzlich.

Wie beeinflusst die Entwicklung andere Währungen?

Die Abwertung des britischen Pfunds ist aktuell für alle grossen Währungsblöcke ein Problem. Immerhin sprechen viele Ökonomen von einem Währungskrieg, bei dem alle versuchen, den Kurs ihrer eigenen Währung möglichst tief zu halten, um so in einer Welt äusserst geringen Wachstums Nachfrage aus anderen Ländern zu generieren. Besonders unter Druck gerät durch die Pfundabwertung die Europäische Zentralbank (EZB). Handelsgewichtet ist das Pfund für den Euro nach dem US-Dollar und dem chinesischen Yuan noch immer die drittwichtigste Vergleichswährung. EZB-Chef Draghi gibt sich schon jetzt alle Mühe, die Erwartungen von demnächst weiteren Geldspritzen oder noch tiefer ins Negative gesenkten Zinsen zu schüren, um den Euro zu verbilligen. Dennoch bleibt die Gemeinschaftswährung mit einem Preis von 1.10 Dollar noch immer deutlich höher bewertet als im vergangenen November, als sie weniger als 1.06 Dollar kostete. Ein schwächeres Pfund, das möglicherweise noch weiter an Wert verlieren kann, setzt die EZB erst recht unter Druck, mehr für die Abwertung des Euro zu tun. In diesem Zusammenhang könnte auch die Schweizerische Nationalbank unter Druck geraten, selbst Massnahmen – wie etwa weiter ins Minus gesenkte Negativzinsen – einzuführen, um einer Aufwertung gegenüber dem Euro etwas entgegenzuhalten.

Welches sind die internationalen wirtschaftlichen Folgen der Brexit-Debatte?

Die Pfundabschwächung und ihre Wirkung auf andere Länder ist die erste bereits spürbare internationale wirtschaftliche Folge der bestehenden Unsicherheit über die Zukunft Grossbritanniens. Sie wirkt sich global aktuell vor allem deshalb besonders nachteilig aus, weil sie sich zu einer Reihe schon bestehender grosser Risiken hinzugesellt. Dazu zählen die globale Wirtschaftsschwäche, die geopolitischen Ängste und die Sorgen um die Folgen der Rohstoffeinbrüche vor allem in vielen Schwellenländern. Besonders nachteilig wirkt sich die Brexit-Debatte aber auf die EU aus: nicht nur, weil diese bereits unter grossem politischem Stress steht – wegen der anhaltenden politischen Eurokrise und der Flüchtlingsfrage –, sondern auch, weil in diesen Ländern die Wirtschaftslage insgesamt prekär bleibt. Deshalb hat Mario Draghi als Chef der EZB nicht nur aus Sorge um die Eurostärke die Politiker eindringlich ermahnt, alles zu tun, um ein Ausscheiden Grossbritanniens aus der EU zu verhindern.

(Erstellt: 23.02.2016, 19:12 Uhr)

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