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Wie die Amerikaner Europa bedrohen

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 04.08.2010

In der europäischen Wirtschaft herrscht wieder Partystimmung. Dass sich in den USA gleichzeitig Rezessionsängste ausbreiten, sollten die Europäer nicht bloss aus Mitgefühl ernst nehmen.

Die jüngsten Zahlen der deutschen Autobauer stehen stellvertretend für die Euphorie und die Risiken der europäischen Wirtschaft: Autolager von Volkswagen in Wolfsburg.

Die jüngsten Zahlen der deutschen Autobauer stehen stellvertretend für die Euphorie und die Risiken der europäischen Wirtschaft: Autolager von Volkswagen in Wolfsburg.
Bild: Keystone

Wie schon die anderen deutschen Autokonzerne gab gestern auch BMW seine Quartalszahlen bekannt und sorgte damit für Begeisterung. Auch diesem Unternehmen geht es wieder blendend. Dabei war die Branche noch vor kurzer Zeit in der schlimmsten Krise ihrer Geschichte. Das Beispiel von BMW steht beispielhaft für den wieder aufkeimenden Konjunkturoptimismus in Deutschland und in Europa generell. Die Erfolgsgeschichten darüber jagen sich und auch die Gemeinschaftswährung Euro, ebenfalls vor kurzem noch beinahe im freien Fall, hat wie zur Bestätigung einer wiedererlangten europäischen Stärke seit Anfang Juni kräftig zugelegt. Am 7. Juni kostete ein Euro gerade noch 1.19 Dollar, mittlerweile 1.32 Dollar.

Vollkommen anders sieht das Bild aus, wenn man die Stimmung in den USA betrachtet. Dort ist die Angst vor einem weiteren Einbruch der Konjunktur oder zumindest einer anhaltenden langen Krise mittlerweile aus allen Marktberichten deutlich spürbar. Während die europäischen Regierungen die grösste Priorität in Sparbemühungen sehen, fordern in den USA immer mehr Ökonomen weitere staatliche Anschubmassnahmen. Selbst Notenbankchef Ben Bernanke hat erst am Montag erklärt, die Aussichten für die US-Konjunktur seien «ungewöhnlich unsicher». Als wichtige Bremsen («Restraints») für die Wirtschaft nannte er den nach wie vor schwachen Immobilienmarkt und die hohe Arbeitslosigkeit. Diese bildet sich bisher kaum zurück. Auch die jüngsten gemessenen Wachstumszahlen reichen nicht aus, um den Arbeitsmarkt spürbar zu beleben.

Selbst Alan Greenspan warnt vor einer «Quasi-Rezession»

Selbst Bernankes Vorgänger Alan Greenspan, der von der Finanzgemeinde beinahe wie ein Guru verehrt wurde, hat sich zu Wort gemeldet. Er sprach von einer «Pause» in einer moderaten Erholung, die sich aber wie eine «Quasi-Rezession» anfühle. James Bullard, ein anderes hochrangiges Mitglied der US-Notenbank, hat sich noch viel drastischer geäussert: Er meinte, die USA seien wie nie zuvor in Gefahr, in die gleiche Falle zu geraten wie einst Japan – mit einer kaum mehr zu bekämpfenden Deflation und vielen weiteren Jahren in der Krise. Selbst an den Kapitalmärkten wird dieses düstere Szenario immer mehr ernst genommen. So ernst, dass laut «Wall Street Journal» einige US-Grossinvestoren sogar ihr Geld darauf verwetten – unter anderem Bill Gross, der den 239 Milliarden schweren Pimco-Fonds leitet, oder Jeremy Grantham von der Investmentgesellschaft GMO, die über 94 Milliarden Dollar verfügt.

Wie aber können die Europäer derart euphorisch sein, wenn die Amerikaner gleichzeitig so verunsichert sind? Verharren die USA tatsächlich in einer faktischen Rezession, dürfte die Freude in Europa verfrüht sein. Warum, zeigt ebenfalls das Quartalsresultat von BMW: Das Unternehmen, wie die ganze deutsche Wirtschaft, lebt vom Export. Wenn die Weltwirtschaft stagniert, dann fällt dieser Treiber weg. Der wichtigste Motor für die Weltwirtschaft sind nach wie vor die USA. Da hilft es auch wenig, wenn China weiter zulegt. Selbst dafür geben jüngste Daten Anlass zum Zweifeln.

China kann die Weltwirtschaft nicht stützen

Laut Daten des Internationalen Währungsfonds importiert China im laufenden Jahr Güter und Dienstleistungen im erwarteten Umfang von 1’400 Milliarden Dollar, bei den USA sind es 2’300 Milliarden. Geht daher der Import in die USA um ein Prozent zurück, müssen die Chinesen ihre Importe um 1,64 Prozent steigern, um die Umsatzeinbusse durch die US-Schwäche zu kompensieren. Doch damit nicht genug. Die chinesische Wirtschaft ist selber noch immer stark von Exporten abhängig. Alle können nicht mehr exportieren, jemand muss die Ware auch kaufen. Können sich die Amerikaner wegen einer anhaltenden Krise weniger chinesische Produkte leisten, kann auch die chinesische Wirtschaft weniger zulegen, was ihre Importmöglichkeiten indirekt verringert. Die Europäische Wirtschaft könnte sich daher weder direkt noch indirekt einer anhaltenden Schwäche der USA entziehen.

Diese Sorgen finden sich schliesslich ebenfalls im Quartalsbericht von BMW. Das Unternehmen weist darauf hin, dass die Ergebnisse des ersten Halbjahres in Zukunft kaum so fortgeschrieben werden könnten, da eine Reihe von Konjunkturrisiken bestehen würden. Diese Aussage gilt für die gesamte Weltwirtschaft. Die wieder erwachte Euphorie in Europa wird vor allem durch gute Unternehmenszahlen aus dem Geschäft der jüngsten Vergangenheit gestützt. Doch die weltweite Konjunktur hat von zwei Sondereffekten profitiert, die jetzt auslaufen: Einerseits haben Unternehmen ihre Lager nach der Krise wieder aufgefüllt, weshalb die Produktion stärker zugelegt hat als die Endnachfrage, zweitens wirken noch immer staatliche Stützungsmassnahmen nach.

Noch gehen die meisten professionellen Beobachter davon aus, dass die europäische Wirtschaft weiter zulegen wird. Doch ihre Berichte enthalten den klaren Hinweis, dass diese Prognose sich nicht weiter aufrechterhalten lässt, wenn sich die Schreckensszenarien in den USA verwirklichen sollten. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.08.2010, 18:49 Uhr

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