Weshalb die USA niemals pleitegehen
Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 27.08.2009 38 Kommentare
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Die Ankündigung von Barack Obama, er wolle die Amtszeit des Notenbankchefs Ben Bernanke verlängern, kam überraschend. Der Präsident weilt eigentlich in den Ferien, und das Geschäft war so dringend nicht. Sofort verbreitete sich deshalb das Gerücht, er wolle ablenken. Tatsächlich wurde am gleichen Tag eine weit unangenehmere Sache bekannt: Die US-Staatsschulden werden in den nächsten zehn Jahren zwei Billionen Dollar mehr betragen als bisher angenommen. 2000 Milliarden Dollar mehr Schulden, wie soll das möglich sein, fragt sich da der Laie. Wann gehen die USA pleite?
Staaten können pleitegehen. Mexiko hat in den 80er-Jahren seine Schulden nicht mehr bezahlen können. Die aktuelle Krise hat dazu geführt, dass Island derzeit vom Internationalen Währungsfond mit Notkrediten über Wasser gehalten wird. Doch Mexiko ist ein Schwellenland und Island ist klein. Die reichen Industriestaaten sind seit dem Zweiten Weltkrieg ihren Verpflichtungen immer nachgekommen.
Das Luxusproblem
Das gilt speziell für die USA. Bis vor Kurzem galten amerikanische Staatsanleihen, T-Bonds und T-Bills als die sicherste Anlage überhaupt. Im Gegensatz zu den Privathaushalten war der amerikanische Staat nur moderat verschuldet. Die entscheidende Kennzahl, das Verhältnis von Staatsschulden zum Bruttoinlandprodukt (BIP), lag unter 50 Prozent, ähnlich wie in der Schweiz übrigens. Zu Beginn dieses Jahrhunderts erzielte die Staatskasse gar noch massive Überschüsse und bescherte den Notenbanken ein Luxusproblem: Wie will man ohne T-Bond und T-Bills eine vernünftige Geldpolitik betreiben?
Dieses Luxusproblem hat sich inzwischen erledigt. Zuerst hat George W. Bush mit Geld um sich geworfen wie ein betrunkener Matrose. Dann brach die Krise aus, und zwar mit einer Heftigkeit, die alle überrascht hat, auch Notenbankchef Bernanke. Nach dem Kollaps der Investmentbank Lehman Brothers im letzten September ging ein paar Tage gar nichts mehr. Das Finanzsystem hatte einen Herzinfarkt erlitten, ohne Nothilfe wäre es zur absoluten Katastrophe gekommen. Staat und Notenbank mussten rasch handeln, und sie taten es auch. Mit einer gewaltigen Blutinfusion, respektive gewaltigen Geldmengen, wurde das System stabilisiert.
Rapide verschlechtert
Das bedeutete konkret: Die Notenbank stellte den taumelnden Banken nach dem Motto «whatever it takes» mündelsichere T-Bonds und T-Bills zur Verfügung und akzeptierte als Sicherheit Ramschpapiere oder manchmal auch gar nichts. Die Regierung stellte in Windeseile ein Nothilfeprogramm für die Banken in der Höhe von 700 Milliarden Dollar auf die Beine. Nach dem Regierungswechsel kam ein Konjunkturankurbelungsprogramm in der Höhe von 787 Milliarden Dollar und ein Programm zur Unterstützung der Hauseigentümer in der Höhe von 300 Milliarden hinzu.
Das Resultat hat unschöne Spuren in den Büchern hinterlassen: Die Notenbank hat ihre Bilanzsumme beinahe verdreifacht (von rund 800 Milliarden Dollar auf mehr als 2000 Milliarden Dollar) und die Bilanz des Staates hat sich ebenfalls rapide verschlechtert. Das Verhältnis von Schulden zum BIP wird auf über 80 Prozent ansteigen.
Die Gratwanderung
Das wiederum wird Konsequenzen haben: Die Notenbank muss ihre aufgeblähte Bilanz irgendwann wieder runterfahren, der Staat muss seine Schulden so organisieren, dass er weder eine Inflation auslöst noch mit zu hohen Zinsen die Wirtschaft abwürgt. Beides ist leichter gesagt als getan. Bisher jedoch vertrauen die Märkte auf das Geschick von Ben Bernanke und Barack Obama. Nach Bekanntgabe der höheren Schulden bewegten sich die Zinsen für die zehnjährigen T-Bonds nicht.
Selbst wenn die Gratwanderung missglücken sollte, zu einer Staatspleite der USA wird es auf keinen Fall kommen. Mexiko und Island mussten sich in einer fremden Währung verschulden, in Dollar, Euro, Yen oder Schweizer Franken. Die USA hingegen verschulden sich in ihrer eigenen Währung. Und um Dollar herzustellen, braucht die Notenbank nicht einmal mehr Papier. Ein paar Handgriffe am Computer-Keyboard genügen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 27.08.2009, 15:21 Uhr
38 Kommentare
Es ist sehr naiv, zu glauben, dass die massive zusätzliche Verschuldung von 9000 Mrd. USD für die nächsten Jahre, kein massives Problem für die USA darstellt. Viel plausibler ist es, dass die asiatischen und europäischen Staaten sich bei der Schuldenfinanzierung zurückhalten. Die Folge: Der USD wird zuerst leicht und danach markant an Wert verlieren und die Zinsen werden steigen. Antworten
Das erscheint mir jetzt ein wenig kurzsichtig. Potentiell - und enorm stark vereinfacht gesagt - kann sich ja jedes Land mittels Inflation in ihrer eigenen Währung verschulden. Die USA tun dies grundsätzlich ja bereits, was mit der Devaluation des Dollars bestätigt wird. Antworten
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