Wenn tote Ökonomen rappen
Von Nikolaus Piper. Aktualisiert am 11.02.2010 1 Kommentar
Keynes und Hayek im Video, dargestellt von Rap-Komödianten.
Dossiers
Das Rap-Video «Fear the Boom and Bust» («Fürchte den Auf- und Abschwung») wurde seit dem 26. Januar bereits über 650'000-mal angesehen. In der Rangordnung der populärsten Politikvideos steht es an neunter Stelle und existiert in Fassungen mit spanischen, französischen, japanischen, chinesischen und finnischen Untertiteln. In einigen US-Colleges wird das Video bereits als Unterrichtsmaterial genutzt.
Der Inhalt: Der britische Ökonom John Maynard Keynes (1883–1946) und sein Freund und Gegner, der Marktradikale Friedrich August von Hayek (1899–1992), gehen auf Tour im Finanzdistrikt von Manhattan und rappen sich durch das Einmaleins der Krisentheorie. «Es gibt das Auf und Ab von Booms und Rezessionen/und es gibt Gründe, es zu fürchten», singen sie unisono. «Die niedrigen Zinsen sind schuld», behauptet Hayek. «Nein, es sind die tierischen Instinkte», antwortet Keynes. Das Ganze endet mit einem Besäufnis im Keller der Federal Reserve Bank von New York.
Die Sympathie gehört Hayek
Keynes und Hayek werfen mit «Kapitalstruktur», «Liquiditätsfalle», «Kreditexpansion» und anderen Ausdrücken um sich, von denen die meisten Youtube-Nutzer noch nie etwas gehört haben dürften. Der Erfolg des Filmes hat sicher vor allem damit zu tun, dass es einfach ein guter Rap ist. Das Video passt aber auch genau zur gegenwärtigen Stimmung in den USA. Die Finanzkrise hat in den USA keine Welle antikapitalistischer Gefühle ausgelöst, sondern, im Gegenteil, das Misstrauen gegenüber dem Staat genährt. Hinter «Boom and Bust» stehen zwei Männer, die sich als «Libertarians» bezeichnen, also als staatsfeindliche Konservative: John Papola, ein 32 Jahre alter Videokünstler aus New Jersey, der zusammen mit seiner Frau Lisa Versaci in New York eine kleine Produktionsfirma betreibt, und Russell Roberts, ein Wirtschaftsprofessor von der George-Mason-Universität in Virginia. Beide lassen keinen Zweifel daran aufkommen, wem ihre Sympathie gehört: Hayek. Am Ende des Besäufnisses muss Keynes sich übergeben, während Hayek ihn die Vorteile des Masshaltens lehrt.
Papola ist Autodidakt: Er lud sich Hörbücher wichtiger Ökonomen auf seinen iPod und hörte sie sich während der Fahrt zur Arbeit an. «Das Video wäre nie zustande gekommen, wenn ich nicht jeden Tag zwei Mal anderthalb Stunden in Bus und U-Bahn sitzen würde», sagt er. Papola hatte die entscheidende Idee und wandte sich an Roberts mit der Bitte um Unterstützung, weil der Professor bereits Erfahrung damit hatte, Ökonomie allgemein verständlich darzustellen. Sein neuestes Buch («The Price of Everything») versucht in Romanform das Funktionieren des Marktes im Sinne Hayeks zu erklären. Obwohl Papola und Roberts Partei sind, haben sie Keynes fair dargestellt.
Gedreht wurde das Video im Dezember. Die Hauptdarsteller, Billy Scafuri (Keynes) und Adam Lustick (Hayek), sind erfahrene Rap-Komödianten. Drehort war tatsächlich der Finanzdistrikt von Manhattan; die Saufszene wurde aber nicht in der Fed selbst aufgenommen, sondern im Trinity Place, einer Bar an der Wallstreet, deren Attraktion ein ausgedienter Banktresor ist. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 11.02.2010, 10:29 Uhr
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1 Kommentar
Misstrauen gegenüber dem Staat, dieser Hydra, ist gesund. Unter den fast 4000 (!!) Kommentaren zum Video sind nicht wenige, die die Beurteilung ".. von denen die meisten Youtube-Nutzer noch nie etwas gehört haben dürften..." umgehend Lügen strafen. Antworten
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