Wirtschaft
Wenn Manager zu Kriminellen werden
Aktualisiert am 23.12.2009 5 Kommentare
Kriminalität in der Krise
Wenn die Wirtschaft leidet, hat die Kriminalität auf den Teppichetagen Hochkonjunktur. Kriminelle Manager verwenden die ergaunerten Gelder für ganz unterschiedliche Dinge.
Die Wirtschaftskrise begünstigt die Wirtschaftskriminalität in der Schweiz. Dies ergaben zwei im Mai und November veröffentlichte Studien der Wirtschaftsprüfungsunternehmen Ernst & Young (E&Y) sowie PricewaterhouseCoopers (PwC).
Bei einem Konjunkturabschwung deckten die Schweizer Unternehmen einerseits vermehrt Betrugsfälle auf, weil diese nicht mehr hinter dem Wirtschaftswachstum verborgen bleiben. Andererseits stehe das Management zunehmend unter Druck, die Gewinne und Erträge aufrecht zu erhalten. Dadurch steige ihre Bereitschaft, Wirtschaftsdelikte zu begehen, schreibt E&Y.
Restrukturierungen führten bereits in wirtschaftlich guten Zeiten zu Unklarheiten darüber, wer bei der Berichterstattung für was verantwortlich sei. Die Firmen kreierten dadurch Gelegenheiten für betrügerisches Verhalten. In Zeiten einer Rezession erhöhe sich das Betrugspotenzial noch zusätzlich.
Mangelnde Kontrolle
70 Prozent der Täter stammten aus dem mittleren und oberen Management, hält PwC fest. Gestiegener Leistungsdruck und der Wunsch nach Erhalt des Lebensstandards seien die Hauptursachen für Wirtschaftsdelikte.
Die Firmen gäben in der Krise zudem weniger Geld für interne Kontrollen aus. Dies erschwere die Aufklärung von Wirtschaftsdelikten. Das am weitaus stärksten verbreitete Delikt sei die Veruntreuung: 69 Prozent der 129 befragten Unternehmen gaben an, 2009 solche Fälle verzeichnet zu haben. Danach folgten Buchführungsdelikte und Verstösse gegen das geistige Eigentum, womit je 27 Prozent Erfahrungen machten.
Millionenschaden
Die Deliktsumme, die durch die Wirtschaftskriminalität erschlichen oder sonstwie unrechtmässig verwendet wird, ist beträchtlich.
Allein die 35 Fälle von Wirtschaftskriminalität, die in der ersten Hälfte 2009 in der Schweiz zur Anklage gebracht wurden, verursachten einen Schaden von über 200 Mio. Franken, wie eine weitere Studie des Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsunternehmens KPMG vom September zeigt. Drei Viertel der Deliktsumme gingen auf das Konto des Managements.
Die Manager setzen das illegal erlangte Geld für unterschiedlichste Zwecke ein. Meist diente es der Finanzierung von Luxus in jeglicher Form, so dem Kauf von Luxusfahrzeugen oder einer Yacht. In manchen Fällen verwendeten die Täter das Geld auch für Schönheitsoperationen, Spielsucht oder Besuche im Rotlicht-Milieu.
Ein ehemaliger Chefbuchhalter steht wegen Wirtschaftsdelikten vor Gericht. Sein Fall ist exemplarisch - und gleichzeitig eine Seltenheit. Denn viele Manager bereichern sich zum Schaden der Firma. Angezeigt werden die wenigsten.
Der Angeklagte sagt es mehrmals: «Heute würde ich vieles anders machen.» Das war vergangene Woche, am Obergericht Solothurn. Über 200'000 Franken hatte sich der ehemalige Chefbuchhalter unter den Nagel gerissen, um seine privaten Schulden zu begleichen. Er war bis vor zehn Jahren für die Finanzbuchhaltung eines mittelgrossen Handelsunternehmens verantwortlich und sass in dessen Verwaltungsrat.
In seinem Fall geht es um mehrere Transaktionen und viele fragwürdige Buchungen. Ein Vorfall war besonders bemerkenswert. Der Angeklagte überwies 35'000 Franken des Unternehmens auf sein privates Konto. Er habe die Transaktion gemacht, um das Geld später einem österreichischen Geschäftsmann im Namen der Firma zu übergeben, sagt der frühere Manager.
Eine Quittung für die angebliche Geldübergabe verlangte der ausgebildete Treuhand-Experte nicht. «Das war für mich ein ganz normaler Vorgang», sagt er. Das Gericht sieht dies - und noch viele weitere Anklagepunkte - anders als er. Es verurteilt ihn zu einer bedingten Geldstrafe wegen ungetreuer Geschäftsbesorgung und Urkundenfälschung (100 Tagessätze à 220 Franken).
Angst vor Imageschaden
Solche Gerichtsszenen sind selten. Bei Wirtschaftsdelikten ist die Dunkelziffer sehr gross, weil viele Unternehmen auf eine Anzeige verzichten. Sie fürchten, ihr Ruf könnte wegen einer Strafuntersuchung leiden.
«Man will nicht als unseriöses Unternehmen dastehen», sagt der Zürcher Kriminologe Christian Schwarzenegger. Besonders heikel sei es, wenn Sicherheitslücken im Computersystem zum Vorschein kämen oder wenn die Vertrauenswürdigkeit der Mitarbeiter auf dem Spiel stehe.
Digitale Fingerabdrücke
Neben der Furcht vor einem Imageschaden spielen auch wirtschaftliche Überlegungen eine immer stärkere Rolle. Eine Anzeige ist zwar gratis. Ein juristisches Verfahren kann aber mehrere Jahre dauern. Denn heute werden Geldtransaktionen mit dem Computer vollzogen. Die Fingerabdrücke, die der Täter hinterlässt, sind digital. Diese zu finden ist aufwendig.
Die Täter verschieben das Geld zudem oft mithilfe von Briefkastenfirmen, Buchführungstricks und Gehilfen. In solchen Fällen setzen die Untersuchungsbehörden nicht nur Computerspezialisten ein, sondern auch Wirtschaftsexperten, um den kriminellen Machenschaften auf die Schliche zu kommen.
Langwierige Untersuchungen
Doch die Justizbehörden stossen hier an ihre Grenzen. «Die Untersuchung komplexer Wirtschaftsfälle dauert in der Regel mehrere Monate, wenn nicht Jahre. Das zeigt, dass die Strafverfolger mit derartigen Fällen grosse Mühe haben», sagt Kriminologe Schwarzenegger.
Die betroffenen Unternehmen versuchen daher, Probleme mit kriminellen Managern intern zu regeln: Das Arbeitsverhältnis wird aufgelöst, auf eine Anzeige wird verzichtet.
«Die sofortige Schadensrückführung erreicht man gelegentlich schneller auf privatem Weg», erklärt der Zürcher Staatsanwalt Peter Pellegrini. Die Anzeige sei häufig ein blosses Druckmittel. «Es besteht in der Privatwirtschaft keine Anzeigepflicht. Wenn man Delikte privat regeln kann, stört uns das nicht.»
Zu viel Vertrauen
Die Unternehmen verdrängten häufig, dass auch ihre Kaderleute kriminelles Potenzial besässen, sagt die Basler Rechtsanwältin und Wirtschaftsmediatorin Monika Roth. «Sie geben sich zufrieden mit dem Glauben, ihre Führungskräfte gut ausgewählt zu haben.»
Laut Roth sind die Unternehmen daher häufig mitverantwortlich für Wirtschaftsdelikte. «Zu viel Vertrauen, zu wenig Kontrolle,» sagt sie. «Auch Manager müssen in das firmeninterne Kontrollsystem einbezogen werden.» Weil dies nicht selbstverständlich sei, würden meist nur die niedrigen Angestellten angezeigt.
Unternehmen sollten jedoch alle Mitarbeiter gleich behandeln und vermehrt Strafanzeige einreichen, sagt Roth. «Es kann nicht sein, dass Manager bei kriminellem Verhalten privilegiert werden. Je höher die Stellung, desto vertrauenswürdiger muss man sein.»
Bestimmt reiche es manchmal aus, einen Täter bloss zu verwarnen. Eine Strafanzeige sei aber oft wirksamer. «Man muss einen klaren Warnschuss abgeben, wenn man weitere Delikte verhindern will.» (sam/sda/)
Erstellt: 23.12.2009, 11:37 Uhr
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5 Kommentare
Viele Unternehmen schweigen zumal die Kosten einer Rufschädigung grösser sind als der entstandene Verlust durch kriminelle Machenschaften von Mitarbeitern. Hierzu ist ein Umdenkungsprozess im Sicherheitsmanagement notwendig. Diskretes Sicherheitsmanagement ohne Gesichtsverlust ist durchaus machbar jedoch sollten die Unternehmen auch die Notwendigkeit erkennen. Karin Schneider ManagerSOS Frankfurt Antworten
Der Schaden ist viel grösser, wenn alle Manager und VR-Mitglieder wissen, die Firma wird nie klagen. Das ist das Ende eines Rechtsstaates. Alle schweigen wie bei der Mafia. Wer hätte dann was davon, wenn die Polizei Untersuchungen einleitet. Jeder ist verdächtigt und jeder kann verlieren. Also so funktioniert die Marktwirtschaft. Basta. Antworten
Dass die Firmen Angst um ihren Ruf haben,ist mehr als begründet.Wenn schon keine Anzeige erstattet wird,sollten das HR vor der Einstellung eines Managers einen Strafregisterauszug holen!So könnte vielleicht manches Unheil vermieden werden!Früher konnte man den Managern vertrauen,was heute offensichtlich durch den "Nährboden" Wirtschaftskrise nicht mehr möglich ist, Fazit: Strategie ändern! Antworten
Es wundert mich, dass das fehlende Engagement der Strafbehörden bei der Untersuchungsbehörden immer mit der "Komplexität von Wirtschaftsfällen" begründet wird. Meine Erfahrung zeigt, dass diese Fälle oft erstaunlich schlicht sind (Spesenbetrügereien, einfacher Diebstahl etc.) und trotzdem sehr hohe Schadenssummen erreichen (mehrere 100'000 Fr.). Strafanzeigen bleiben leider einfach liegen. Antworten
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Sibylle Weiss
Sollten solche Fälle schwer aufzudecken sein,gäbe es eine Möglichkeit,diese aufdecken zu lassen,indem die Firmen einen Wirtschaftsdedektiven in der Finanzabteilung einschleusen u.dem Vorwand eines neuen Mitarbeiters,welcher den Finanzverantwortlichen auf die Finger schaut,ohne dass die Manager dies merken u.somit in der Lage sind,die Täter auf frischer Tat zu ertappen u.entsprechend zu agieren! Antworten