Was, wenn das Weltfinanzsystem abstürzt?

Letztes Jahr war es fast soweit: Nach dem Lehman-Konkurs stand das Weltfinanzsystem vor dem Zusammenbruch. Was zum Teufel wäre dann passiert?

Die Welt nach dem Zusammenbruch des Finanzsystems: Szene aus dem Zombie-Film «Dawn of the Dead».

Die Welt nach dem Zusammenbruch des Finanzsystems: Szene aus dem Zombie-Film «Dawn of the Dead». Bild: Cinetext

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Ohne hätte man nicht einmal ruhig sterben können. Am 12. Oktober 2008, einen Monat nach dem Crash der Lehman Brothers, beschlossen die britischen Beerdigungsunternehmer, Tote zukünftig nur noch gegen Cash zu bestatten. Sie taten dies «angesichts der finanziellen Instabilität in der Finanzkrise» und weil viele Hinterbliebene monatelang nicht zahlten.

Mit dem Prinzip Sarg-nur-gegen-Cash machten die Bestatter den ersten Schritt in eine Zukunft, die im letzten Herbst plötzlich fast Wirklichkeit wurde. Eine Zukunft, die kein Banker, kein Politiker, kein Professor geplant oder auch nur angedacht hatte: die Welt nach dem Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems.

Möglich wurde diese durch einen Mann mit ausgestopftem Gorilla im Büro: Richard Fuld, Chef der Lehman Brothers, der seinen Spitznamen «Gorilla» mochte. So nannte man ihn, weil er nicht reden konnte, sondern nur knurren. Wenn er etwas sagte, dann Dinge wie über seine Konkurrenzbanker: «Ich will ihnen das Herz herausreissen und es vor ihren Augen essen, während sie noch leben.»

Fuld hatte 40 Jahre zuvor als Buchhalter bei Lehman angefangen; später trohnte er über der Bank wie ein Kriegsgott. Lehman war zwar nur mittelgross, aber berüchtigt für ihren Ehrgeiz: Sie machte Jahr für Jahr 25 Prozent Gewinn.

Eine Kaskade kurzfristiger Kredite

Das hiess: Lehman war Spezialist für volles Risiko – und spekulierte mit 37 mal mehr geliehenem Geld als die Bank besass. Und das investierte sie meist in langfristige Projekte: Pipelines, Immobilien, Rohstoffe. Kurz: Lehman investierte in Dinge, die sich nicht von heute auf morgen verkaufen liessen. Finanziert wurde dies durch eine Kaskade von immer wieder erneuerten kurzfristigen Krediten. (Kurzfristig hatte den Vorteil, dass der Zinssatz niedrig war.)

Dann kam die Finanzkrise. Sie mottete vom 2007 bis Sommer 2008 wie ein Schwelfeuer. Phasen des Ausbruchs (Milliardenabschreiber, Panik bei der britischen Immobilienbank Northern Rock, Notverkauf der US-Investmentbank Bear Stearns) wechselten mit fast reiner Luft, Optimismus und steigender Börse: Nur Wochen vor dem Bankrott von Lehman sahen Bankchefs wie Josef Ackermann «das Schlimmste hinter uns».

Lehmans Verhängnis war, dass das Misstrauen trotzdem weiter mottete. Nach Bear Stearns fragten sich die Banker, wer der nächste Kandidat für eine Pleite wäre. Die Vermutung war: Lehman. Und so erneuerte niemand die kurzfristigen Kredite. Lehman brauchte verzweifelt Cash. Aber zu verkaufen hatten sie wenig – und dies bei fallenden Börsen zu elenden Preisen. Nun gab erst recht niemand Kredit.

«Du hast keine Ahnung.»

Fuld selbst beging zwei entscheidende Fehler: Den ersten machte er 2006, als er Lehman ein Giftfass in die Vitrine setzte. Auf dem Höhepunkt der Immobilienblase kaufte er für 15 Milliarden Immobilien. Und feuerte seinen Riskomanager, der davor warnte, mit den Worten: «Du bist alt geworden. Du traust dich nichts mehr.» Fulds zweiter Fehler war sein Hass. Noch im Sommer 2008 schlug er Hilfsgeld der Regierung aus. Und als eine Übernahme erwogen wurde, sagte er zum Finanzminister: «Du bist lange raus aus dem Geschäft. Du hast keine Ahnung. Ich verkaufe nicht.»

Der Hass war gegenseitig. Der Finanzminister der USA war Henry Paulson, der Ex-Chef von Lehmans grösstem Konkurrenten Goldman Sachs. Die Lehman-Banker sahen sich als die Hemdsärmeltypen an der Wallstreet und verachteten die arroganten Harvard-Diplom-Arschlöcher von Goldman. Und umgekehrt.

War es also der persönliche Ekel zwischen den Bankbossen? War es schlicht Überlastung von Paulson, der nachts vor Angst «nur noch ein, zwei Stunden» schlief und der überdies noch am gleichen Wochenende die grössere Investmentbank Merrill Lynch retten musste? War es ein Exempel der USA, um zu zeigen, dass nicht jede bankrotte Bank gerettet würde?

Teuerster Fehler der Geschichte

Niemand weiss es bis heute. Klar ist nur, dass Paulson es versäumte, der britischen Barclays Bank eine Ausfallgarantie zu geben, um die ausgeblutete Lehman zu übernehmen. Und damit den wohl teuersten Fehler der Wirtschaftsgeschichte beging. Als er Lehman am Montag, 15. September in den Konkurs gehen liess.

Tags darauf freuten sich nur die Zeitungen. Die NZZ etwa lobte die ordnungspolitisch korrekte Strafe für Lehman und sprach von «einem reinigenden Gewitter». Doch das Gewitter entpuppte sich als Hurrikan. Denn weltweit mutierten plötzlich sämtliche Banken zu Lehmans: Nach der Pleite der weltbekannten Bank waren plötzlich alle verdächtig. Das Ausleihen von Geld von Bank zu Bank stoppte völlig. Niemand vertraute niemandem mehr. Innert weniger Tage standen Dutzende von Banken vor der Pleite.

Nicht die Leute auf der Strasse, die Profis gerieten durch Lehman in Panik. Dadurch, dass Lehman einer der grössten Derivathändler war, blieb unklar, welcher Handelspartner eventuell Verluste machen würde: Verluste, die theoretisch gross genug sein konnten, auch die gesündeste Bank zu killen.

Und so stand über Wochen das globale Finanzsystem kurz vor dem Zusammenbruch. Und damit die Welt vor.

Ja, vor was? Eigentlich ist die Welt bekannt, vermessen, erobert: von den Gipfeln bis zu den Tiefen des Ozeans. Und Theorien gibt es zu allem – von der ersten Zelle bis zum Kältetod des Universums.

«Stellen Sie sich das Schlimmste vor!»

Nur zum Zusammenbruch des Finanzsystems gibt es nichts. Es scheint einer der letzten ungedachten, weissen Flecke des Planeten: In einer Woche Recherche fand sich kein Artikel, keine Studie und niemand, der je etwas dazu gelesen hatte: Banker, Wirtschaftsjournalisten sagten dazu alle das gleiche wie der Wirtschaftsprofessor Peter Bofinger: «Es ist undenkbar» und «Stellen Sie sich das Schlimmste vor!»

Klar ist nur: Die Profis rechneten damit. Der Chef der 800-Milliarden-Dollar-Investmentfirma Pimco, Mohamed El-Erian, schickte zwei Mal seine Frau vorsorglich zum Bankomaten: einmal nach dem Konkurs von Lehman, einmal bei den Beratungen um das 700-Milliarden-Dollar-Finanzpaket im amerikanischen Kongress: «Wäre es nicht bewilligt worden, wäre das System binnen Stunden zusammengebrochen.»

Anzeichen von Panik gab es überall: In Europa wurden 500-Euro-Noten knapp. In Singapur verstopften 700 riesige Containerschiffe den Hafen, gestoppt von ihren Reedereien. In Amerika stand nur Stunden nach Lehman der Versicherungsgigant AIG auf der Kippe, der den grossen Banken Hunderte von Milliarden an Risiken versichert und damit aus den Büchern der Institute genommen hatte.

Was also wäre passiert? Wenn etwa AIG nicht mit 120 Milliarden Dollar verstaatlicht worden wäre? Oder ohne die Milliarden für Citigroup und den Rest der grossen Banken?

Klar ist nur: Einen zweiten Grosskonkurs in den Tagen nach Lehman hätte das System nicht überlebt. Die Gefahr bestand gerade in den zahlreichen Versicherungen, die die Banken gegenseitig auf ihre Geschäfte abgeschlossen hatten: Beim Kippen eines der Partner, wären die Risiken mit vollem Wert und voller Wucht bei den anderen in die Bücher gekommen – und die Banken, die fast alle kaum Eigenkapital hatten, wären eine nach der anderen über Nacht faktisch pleite gewesen.

«Wie eine atomare Kettenreaktion»

«Der Bank-Bank-Markt war klinisch tot. Noch ein Konkurs – und nach drei Tagen wären drei grosse Banken dicht gewesen. Und drei Tage später 1500 Banken», sagte ein Banker von Credit Suisse. «Der letzte Herbst war eine aufregende Zeit.» Die nächsten Schritte würden dann «logisch wie eine atomare Kettenreaktion» (so der Banker) folgen: Panik, gestürmte Schalterhallen, Schliessung der restlichen Banken. Und darauf: Tote Bankomaten, wertlose Kreditkarten, keine Überweisungen mehr. Alle Transaktionen auf Cash.

Und dann? Plünderungen? Aufstände? Lynchmorde? Oder im Gegenteil: Nachbarschaftshilfe? Annahme von privaten Schuldscheinen? Also: handgemachte ad-hoc-Währungen? Würden Bauern reich werden wie am Ende des Weltkriegs, wo bei einigen die Perser dreilagig im Kuhstall lagen? Wären es schöne oder schreckliche Wochen der Anarchie?

Hier ist der Punkt erreicht, wo niemand Genaues weiss. Es gibt keine historische Parallele. Klar ist nur, dass die Banken im Fall eines Systemkollapses geschlossen und verstaatlicht worden wären: «Die Nationalbank wäre etwa 200 Mal grösser geworden», so der Banker. Und der Zürcher Wirtschaftsgeschichtsprofessor Tobias Straumann sagt: «Die Nationalbanken hätten irgendwie die Notleitungen für den Kapitalverkehr legen müssen.» Ob irgendein Plan dafür existierte, weiss niemand.

Minuten vom totalen Crash entfernt

Dabei war die Welt am 29. September 2008 nur Minuten davon entfernt: Als die Deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel den Banker Josef Ackermann nur eine Viertelstunde vor dem schon beschlossenen Konkurs der Hypo Real Estate Bank erreichte und mit ihm einen Deal zur Rettung schloss. Die Bank hatte über 100 Milliarden ausserhalb ihrer offiziellen Bilanz in Irland verlocht – die Schäden bei ihrem Konkurs wären verheerender als bei Lehman gewesen. Hätte damals Ackermanns Akku gestreikt, sähe die Welt heute vielleicht sehr anders aus.

So kündigten die Finanzminister an: «Wir werden alles tun, was es braucht». Und sie logen nicht. Sie pumpten innert Monaten über 1100 Milliarden in die Banken und Konjunkturprogramme, die Nationalbanken fluteten den Kreditmarkt für Banken mit Gratisgeld und kauften für hunderte von Milliarden ihre Giftmüllpapiere.

Die Widerherstellung des Vertrauens in das Finanzsystem nach dem Lehman-Konkurs wurde zum teuersten Unternehmen in der Geschichte der Menschheit. Die Krise selbst vernichtete nach Schätzungen des IWF 10'500 Milliarden Dollar.

Ende 2008 zahlten sich die Wallstreet-Banker 18 Milliarden Dollar an Boni aus – den sechsthöchsten Betrag aller Zeiten. Sie kassierten damit exakt das zehnfache der 1,8 Milliarden, die im gleichen Jahr von sämtlichen Staaten der Welt als Hilfe gegen den Hunger aufgebracht wurden. Für eine Milliarde Menschen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.09.2009, 12:47 Uhr)

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