Was lange währt, wird nicht immer gut
Von Erich Solenthaler. Aktualisiert am 27.12.2010 7 Kommentare
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Schweizer Aktien haben seit 1900 jährlich 5 Prozent abgeworfen. Grundsätzlich waren sie also eine rentable Sache. Aber die 5 Prozent sind nur ein Durchschnittswert von bald 110 Jahren. Es kommt häufig zu heftigen Ausschlägen nach oben und unten oder langen Seitwärtsbewegungen, die Jahrzehnte andauern können. Auch in der letzten Dekade war mit Dividendenpapieren fast nichts zu verdienen. Da kommen Zweifel auf: Mit welcher Gewissheit kann ein Anleger damit rechnen, während seiner Planungsperiode – das können 1, 5, 10 oder noch mehr Jahre sein – die historische Durchschnittsrendite zu erzielen?
Die Frage beschäftigt die Finanzmarktforschung seit den Achtzigerjahren, als erstmals genügend langfristige Daten über Aktienmärkte zur Verfügung standen. Schnell wurde klar, dass die Antwort davon abhing, ob Aktien ein Gedächtnis haben oder nicht. Sie müssen sich nämlich erinnern, wo sie vor 1, 2 und 10 Jahren standen, um sich danach zu richten und zu steigen oder zu fallen, je nachdem, was nötig ist, um zu einer Durchschnittsrendite zurückzukehren (auch Mean Reversion genannt).
Daten aus mehrjährigen Perioden fehlen
Die Aktien bestanden die ersten Gedächtnistests mit Bravour. Sie zeigten, dass die Abweichungen vom Trend umso kleiner wurden, je länger man den Anlagehorizont ansetzte (Grafik oben). Besonders nach vier bis fünf Jahren nehmen die Risiken deutlich ab. Man benötigt also nur einen langen Atem, um belohnt zu werden.
Die Feststellung wurde rasch populär und prägte eine ganze Generation von langfristigen Anlegern und Finanzplanern: Die Kaufen-und-halten-Strategie ist eine Ableitung der Beobachtungen und «Die Zeit heilt» die kürzeste Umschreibung der Hoffnung, dass sich an den Aktienmärkten das Durchhalten bezahlt macht.
Als Beweismaterial stehen den Forschern inzwischen zahlreiche Jahresdaten, aber immer noch zu wenige zu mehrjährigen Perioden zur Verfügung, um aus ihnen eine Gesetzmässigkeit ableiten zu können. Darum massen sie beispielsweise die Periode von 1900 bis 1909, von 1901 bis 1910 und so weiter. So erhielten sie zwar mehr Messproben, aber verstiessen gegen das Grundgesetz der Statistik, wonach Stichproben voneinander unabhängig sein müssen. Weil sich die Perioden überschnitten, floss etwa der Börsencrash von 1929 gleich zehnmal in die Auswertungen ein.
Risiko nimmt nicht ab
Gegen das Problem überlappender Perioden entwickelten die Statistiker mit viel Aufwand neue Methoden. So griffen sie auf monatliche oder wöchentliche statt auf jährliche Daten zurück und rechneten die Ergebnisse wieder auf Jahrzehnte hoch. Aber je feiner die Methoden und je länger die Untersuchungen wurden, umso mehr zerbröselte die Theorie der Rückkehr zum Mittelwert.
«Die Meinung, dass das Risiko von Aktieninvestments mit der Zeit abnimmt, steht auf schwachen Füssen», meint die Finanzmarktforscherin Laura Spierdijk von der niederländischen Universität Groningen in einem erst kürzlich veröffentlichten Überblick über die Forschung. «Wenns ums Risiko von Aktien geht, geben die wissenschaftlichen Erkenntnisse keine Hinweise, ob man sich besser kurz- oder langfristig verhalten sollte.» Das Verhältnis zwischen Rendite und Risiko werde bei Aktien nicht besser, bloss weil der Anlagehorizont länger sei, sagt die Wissenschafterin.
Hartnäckige Vorurteile
Trotzdem hält sich die Zeit-heilt-Hypothese hartnäckig und in vielen Formen. So wird in der Anlageberatung standardmässig darauf hingewiesen, dass sich Aktien lohnen, aber einen längeren Anlagehorizont voraussetzen. Und auf den Beipackzetteln von Aktienfonds wird erwähnt, dass für das Instrument eine mehrjährige Haltefrist benötigt werde. Aber weil Aktienkurse über kurz oder lang gleich unberechenbar schwanken, laufen Anleger Gefahr, das langfristige Risiko von Aktien zu unterschätzen.
Pensionskassen beanspruchen für sich, dass sie dank ihres langen Anlagehorizontes besser in Aktien anlegen können als Individuen. Aber wenn zwischen Risiko und Zeit kein nachweisbarer Zusammenhang besteht, können institutionelle Investoren keinen Vorteil aus dem längeren Atem ziehen. Sie laufen sogar Gefahr, das Heute zu vernachlässigen, weil sie sich zu sehr auf die Ewigkeit verlassen.
Auch dem antizyklischen Investieren entzieht die verblassende These von der Rückkehr zum Mittelwert das theoretische Fundament, denn auf eine starke Börsenbewegung muss nicht zwingend eine Gegenbewegung folgen. «Über Aktien gibt es viele volkstümliche Vorstellungen, die auf einem schwachen wissenschaftlichen Fundament stehen», hält Laura Spierdijk fest. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 26.12.2010, 20:10 Uhr
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7 Kommentare
Werden dafür teuer ausgebildete "Statistiker" benötigt, um eine einfache Sache des gesunden Menschenverstands zu erklären? Tatsache ist doch, dass diese ganze Zunft von Wirtschafts"wissenschaftlern" gar nichts weiss und bloss ein grosses Aufheben um ihr Nichtwissen bezüglich der Zukunft macht. Antworten
Die These in diesem Artikel scheint mir auf dünnem Eis begründet zu sein. Einzige Referenz ist ein völlig unbekannter Name ohne verständlichen Hinweis auf eine Studie (Initiant, Quellen, Vorgehensweise). Solche grundlegenden Erkenntnisse wie die Stabilisierung des Risikos über die Zeit hinweg sollte ein bisschen fundierter widerlegt werden. Antworten
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