Vier Gründe, weshalb diese Krise hartnäckiger sein wird als frühere
Von Res Strehle. Aktualisiert am 13.08.2011 9 Kommentare
Skeptischer Blick: Händler an der New Yorker Börse. (12. August 2011) (Bild: Keystone )
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Wer kurz vor der Jahrtausendwende am World Economic Forum (WEF) in Davos war, wird sich an den Auftritt des damaligen US-Finanzministers Robert Rubin erinnern. Rubin hatte von der Investmentbank Goldman Sachs in die Clinton-Administration gewechselt und versprühte den damaligen Optimismus der Wallstreet. Er zeigte in einer fulminanten Präsentation, wie der US-Staatshaushalt innert Kürze zu einem positiven Abschluss drehen würde. Bis 2011, rechnete Rubin vor, hätten die USA sämtliche Staatsschulden getilgt und dank der New Economy fantastische Wachstumsaussichten.
Heute wissen wir, dass Rubins Prognose nicht ganz ins Schwarze traf. Statt 0 haben die USA heute 14'000 Milliarden Dollar Schulden. Die Überschätzung der New Economy hat der Weltwirtschaft die erste grosse Blase im neuen Jahrtausend beschert und die auf Rubins Initiative aufgehobene Trennung zwischen Investment- und Kommerzbanken die grossen Finanzinstitute in der zweiten Krise dieses Jahrzehnts mit in einen Strudel gerissen, aus dem sie sich bis heute nicht befreit haben. Vier Gründe lassen vermuten, dass diese Krise hartnäckiger sein wird als frühere:
1.) Staatliche Finanzspritzen haben ihre Wirkung verloren. Offensichtlich wirken sowohl Konjunkturprogramme als auch die Erhöhung der Liquidität und die Tiefzinspolitik diesmal weniger stimulierend. Das hat damit zu tun, dass diese Mittel in den vergangenen Jahren zu oft eingesetzt wurden. Tiefe Zinsen und hohe Liquidität schaffen nur die Voraussetzungen – investieren und konsumieren müsste der Privatsektor. Oder wie es der legendäre britische Wirtschaftswissenschaftler John M. Keynes einst plakativ formulierte: Man kann die Pferde zum Brunnen führen, aber trinken müssen sie selber.
2.) Kommt hinzu, um beim Bild zu bleiben, dass der Feuerwehr langsam das Wasser ausgeht. Mit jeder Krise stieg die staatliche Verschuldung der westlichen Länder an. 2001 betrug sie in der EU durchschnittlich 70 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das hatte die EU damals ermutigt, den Mitgliedsländern ein Ziel von 60 Prozent zu setzen. Spätestens nach der Finanzkrise 2008 war diese Grenze nicht mehr zu halten und betrug nun 85 Prozent. Mit den neuen Programmen wird sie einen weiteren Sprung nach oben machen. Werden die Zinsen dereinst ansteigen, im schlimmeren Fall auf 10 Prozent oder höher, dann wird in hoch verschuldeten Staaten wie Japan bald gegen ein Viertel der nationalen Wertschöpfung für den Zinsdienst benötigt. Das wird umso schneller der Fall sein, wenn sich der Prozess fortsetzen sollte und nun auch ehedem erstklassige Schuldner wie die USA herabgestuft werden.
3.) Im Unterschied zu früheren Krisen scheinen Regierungen, Zentralbanken und internationale Organisationen dieses Mal deutlich ratloser. Das gilt auch für die Schweizerische Nationalbank, die zur Stunde von der Wirkung ihrer neuen Massnahmen zur Schwächung des Frankens überzeugt ist. Ob dies die Finanzmärkte auch sind, werden erst die kommenden Wochen zeigen. Der fehlende Konsens hat damit zu tun, dass es keinen gemeinsamen Theorierahmen mehr gibt. Einst hatte ihn John M. Keynes geliefert, dann sein Gegenspieler Milton Friedman. Mit Keynes müsste die Nationalbank intervenieren, ein Wechselkursziel formulieren und notfalls auch eine Inflation in Kauf nehmen. Mit Friedman dürfte sie die Hände in den Schoss legen und zusehen in der Hoffnung darauf, dass die Märkte ihr Gleichgewicht früher oder später selber finden – die Frage, wie viele Opfer es geben würde, interessiert in diesem Paradigma weniger. Die Nationalbank schlingert wie auch ihre grösseren Schwestern EZB und Fed heute dazwischen: Es dominiert eine Art Intervention light, man setzt auf Placebomedizin – mit ungewisser Beruhigungswirkung auf den Patienten.
4.) In der aktuellen Krise zeigt sich, dass die politische Akzeptanz von Sparprogrammen in demokratischen Staaten immer kleiner wird. Das hat mit den wachsenden gesellschaftlichen Ungleichheiten zu tun, der gestiegenen Staatsverschuldung und mit der Tatsache, dass viele Verantwortliche die Krisenschäden nicht mittragen mussten. Der ehemalige US-Finanzminister Rubin liess sich seine Arbeit an der Spitze der Citigroup ab 2002 mit insgesamt 126 Millionen Dollar entschädigen und berät heute Barack Obama. Das ist mit ein Grund, dass kaum ein Rezept heute politisch mehrheitsfähig ist. Kommt es aus Keynes Küche, so erwächst ihm Widerstand von der Tea Party – kommt es aus Friedmans Küche, so erwächst ihm linker Widerstand. Die Markttheorie ist ratlos, und den Anhängern staatlicher Programme fehlen die Mittel. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 13.08.2011, 06:29 Uhr
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9 Kommentare
Was im Frühling 07 mit dem Platzen der US-Immobilienblase begann und im September 08 mit der Pleite von Lehman Brothers im breiten Bewusstsein ankam, ist noch längst nicht vorbei. Es werden noch einige Krisenwellen folgen: kollabierende Banken, bankrotte Staaten, schlechtere Ratings was allenfalls das Zerbrechen der Eurozone bedeutet. Aber Krisen sind da, um zu bereinigen, was bitter nötig ist!!! Antworten
Der Markt würde eigentlich alles regeln, wenn er denn nur funktionieren könnte. Doch bestimmte Lobbyisten verhindern, dass sich die Märkte bereinigen - weil sie dann einen Totalabschreiber einfahren würden. So kommt es, dass künftige Generationen die Schulden der Verursacher tilgen dürfen. Die Politik hat den Auftrag, die Märkte zum funktionieren zu bringen - nicht die Finanzlobby zu schonen... Antworten
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