«Unter Trichet war die Welt berechenbarer»

Lob für die Nationalbank, Tadel für die EZB: Der ehemalige Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank, Kurt Schiltknecht, glaubt nicht, dass es den Euro noch lange in der jetzigen Form geben wird.

«Die gewaltige Geldmengenschwemme wird nach ökonomischem Ermessen irgendwann in Inflation münden»: Kurt Schiltknecht (Archivbild: Tages-Anzeiger)

«Die gewaltige Geldmengenschwemme wird nach ökonomischem Ermessen irgendwann in Inflation münden»: Kurt Schiltknecht (Archivbild: Tages-Anzeiger)

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Die hochsommerliche Panikstimmung in der Euro-Zone ist verflogen. Doch die derzeitige Ruhe werde nicht lange halten, prophezeit Kurt Schiltknecht, ehemaliger Chefökonom der Schweizerischen Nationalbank (SNB). Das Krisenmanagement der Europäischen Zentralbank (EZB) sei verfehlt und «sozialpolitisch unverantwortlich». Die SNB sollte sich überlegen, ob sie mit Blick auf Mario Draghis unberechenbaren Kurs ihre Wechselkurspolitik nicht an einem ganzen Korb von Währungen statt nur am Euro ausrichten sollte, regt Schiltknecht im Gespräch mit der «Basler Zeitung» an.

Herr Schiltknecht, die Hochsommerwochen waren keine sehr harmonische Zeit in Europa. Wie haben Sie die Stimmung in unseren Nachbarländern erlebt?
Ich war vor Kurzem in Italien und ich spürte eine wachsende Abneigung gegen die Länder im nördlichen Euro-Raum, insbesondere gegen Deutschland und Frankreich.

Als Euro-Skeptiker der ersten Stunde überrascht Sie dies wohl kaum.
Nein. Ich habe schon vor Jahren geschrieben, dass die einfachste Art, die europäischen Staaten gegeneinander aufzubringen, die Einführung des Euro sei. Volkswirtschaftlern war schon lange klar, dass strukturell schwache Länder bei einer gemeinsamen Währung längerfristig grosse Schwierigkeiten bekommen würden.

Der Schweiz brachte die Gemeinschaftswährung lange Zeit einen Stabilitätsgewinn. Das pflegte jedenfalls der ehemalige Nationalbank-Präsident Jean-Pierre Roth zu betonen. War er naiv?
Er war sicher nicht naiv, nur anständig und diplomatisch. Wenn ein Notenbankpräsident über andere Länder und Währungsgebiete Aussagen macht, so darf man diese nie ganz zum Nennwert nehmen. Da gibt es so etwas wie eine politische Höflichkeit. Wir Schweizer schätzen es auch nicht, wenn uns ausländische Notenbanken oder Regierungen dreinreden.

Der gute Start des Euro ist aber nichtsdestotrotz eine Tatsache. Und die Wechselkursnachteile der Schweizer Wirtschaft in den Jahrzehnten vor der Euro-Einführung sind ebenfalls aktenkundig. Warum lassen Sie kein gutes Haar am Euro?
Aus Schweizer Sicht muss man sagen, dass diese früheren Wechselkursvolatilitäten keinen sehr grossen Effekt auf unseren Aussenhandel und die Wachstumsraten der schweizerischen Wirtschaft hatten.

Wenn die schwache Lira oder der schwache Franc für die Schweizer Exporteure kein Nachteil waren, dann kann der Wechselkurs umgekehrt auch für die italienischen und französischen Exporteure kein Vorteil gewesen sein. Glauben Sie das wirklich?
So würde ich diese Aussage nicht machen. Kurzfristig kann ein Wettbewerbsnachteil gemildert werden. Aber langfristig kann ein Land, das ständig abwertet, seinen Exportanteil sicher nicht erhöhen. Die Exportwirtschaft der USA und Englands ist jeweils schlagendes Beispiel.

Die Nationalbank macht mit ihrem Euro-Mindestkurs ja nichts anderes als den Franken abzuwerten. Fährt sie also auf dem falschen Dampfer?
Ich glaube nicht, dass die Nationalbank auf dem falschen Dampfer fährt. Sie hat den Mindestkurs zu einem Zeitpunkt eingeführt, in dem die Devisenmärkte nicht mehr wussten, in welche Richtung sich die Wirtschaftspolitik in Europa und Amerika entwickelt. Deshalb konnten die Wirtschaftssubjekte keine klaren Erwartungen über die künftige Kursentwicklung mehr bilden, und selbst bei übertriebenen Wechselkursausschlägen setzte keine Gegenspekulation mehr ein. In solchen Phasen der Unsicherheit ist es die Aufgabe der Notenbank, dem Markt ein klares Signal zu geben, wo der Wechselkurs ungefähr liegen sollte.

Vertreten Sie nicht die Meinung, dass der Mindestkurs auch schrittweise aufgehoben werden kann?
Meine Anregung ist, dass sich die Nationalbank überlegen sollte, ob eine Wechselkurspolitik gegenüber einem ganzen Korb von Währungen nicht bessere Resultate bringen könnte als eine allein auf den Euro zugeschnittene Mindestkurspolitik. Dies vor dem Hintergrund, dass es viel schwieriger geworden ist, die Entwicklung in Europa vorherzusehen.

War die Welt unter Jean-Claude Trichet besser als unter Mario Draghi?
Sicher war die Welt unter Trichet berechenbarer. Trichet hätte nie eine Inflation zugelassen. Bei Draghi schält sich immer mehr heraus, dass er geldpolitisch ähnlich denkt wie das amerikanische Federal Reserve Board oder die Bank of England. Dort dominiert die Meinung, dass mit dem Öffnen der Geldschleusen die bestehenden Probleme früher oder später gelöst werden können. Man versucht in erster Linie die Lösung der Probleme auf morgen zu verschieben. Ich bin überzeugt, dass man mit dieser Politik irgendwann an die Wand fährt.

Der EZB-Rat hat die Entscheidung, Staatsanleihen aufzukaufen, mit 16 Stimmen gegen die alleinige Stimme der Bundesbank gefällt. Warum machen Sie nur Draghi dafür verantwortlich?
Jemand muss den Vorschlag ja eingebracht haben, normalerweise tun das die Präsidenten. Aber es ist sicher so, dass auch zahlreiche Länder ein Interesse daran haben, dass dieser Entscheid auch umgesetzt wird. Dies ist eine sehr gefährliche Entwicklung. Deutschland kämpfte ja vor der Euro-Einführung mit allen Mitteln dafür, dass so etwas überhaupt nicht möglich werden kann. Ich kann mich erinnern, wie mir der damalige Bundesbankpräsident Schlesinger versicherte, dass alle Verträge so gestaltet seien, dass es niemals eine Situation geben werde, in der die EZB die Staaten finanzieren würde. Für Deutschland muss es eine Katastrophe sein, wenn das ganze Fundament, das für eine stabile Währung gelegt worden ist, schrittweise zerstört wird.

Es herrscht aber Einigkeit darüber, dass dies nur eine transitorische Massnahme der EZB sein darf. Warum soll man das nicht glauben?
Es wird zwar immer gesagt, dass sich die Krise längerfristig nur lösen lässt, wenn die Länder zurück zur Haushaltsdisziplin finden. Und es ist ja auch so, dass ein Spardruck besteht. Doch mit den bisher vorliegenden Sparplänen kommen die Länder nicht aus der Schuldenfalle heraus. Zudem schafft die Nullzinspolitik der Notenbanken in anderen Bereichen neue Probleme mit grosser Tragweite. Wenn die Bankeinlagen oder Wertschriften keine oder fast keine Zinsen mehr abwerfen, gerät zum Beispiel die Finanzierung der Pensionskassen und damit das ganze Vorsorgesystem ins Wanken. Die Nullzinspolitik führt zu gewaltigen Vermögens- und Einkommensumverteilungen. Den Versuch der Notenbanken, den Bankensektor mit billigem Geld zu sanieren, halte ich für völlig falsch und sozialpolitisch unverantwortlich.

Sie kritisieren die Inflationstoleranz der EZB. Doch die Teuerung ist tief – und haben Sie nicht selber schon gesagt, dass sich Inflation verhindern lässt, wenn die Notenbanken rechtzeitig Gegensteuer geben?
Ja, aber meine Aussage bezog sich auf die Schweiz und sie gilt auch weiterhin. Für die Schweizerische Nationalbank ist es viel einfacher, die Geldmenge zu reduzieren, als für die EZB oder für das Federal Reserve. Denn wenn diese Notenbanken beginnen, das Geld zu verknappen, dann werden die Zinsen der Staatsanleihen ziemlich schnell hochgehen. Daraus werden sich unangenehme Folgen für die Zinsbelastung der Länder mit einem hohen Schuldenstand ergeben. Die Schweiz mit ihrer niedrigen Staatsverschuldung hat da weniger Probleme.

Unter dem von Ihnen beschriebenen Inflationsszenario müsste der Aufwertungsdruck auf den Franken weiter zunehmen. Können die Perspektiven für die Schweiz somit nur noch schlechter werden?
Die Schweiz mit ihren hohen Exportraten kann sich aus den Problemen der Wirtschaftspartner nicht vollständig heraushalten.

Warum negieren viele Ökonomen die Inflationsgefahr?
Wir haben die ungute Situation, dass eine ganze Generation von Leuten in der Politik, in den Unternehmen und auch in den Notenbanken nie eine richtige, längere Rezession erlebt hat. Auch die hohen Inflationsraten liegen schon 40 Jahre zurück. Nur wenige Leute haben selber erlebt, was geschieht, wenn sich eine Volkswirtschaft fundamentalen Veränderungen anpassen muss. Vor solchen schmerzhaften Anpassungen haben viele Leute eine Riesenangst und scheuen sich deshalb nicht, die drohende Rezession mit einer gewaltigen Geldmengenschwemme zu bekämpfen, die nach ökonomischem Ermessen irgendwann in Inflation münden wird. Wenn man allerdings einmal so grosse Ungleichgewichte hat wie jetzt bei den Staatsschulden oder auf den Finanzmärkten und im Bankensystem, dann gibt es nur eines: Man muss sich anpassen. Die Staaten müssen schlanker, die Banken mit viel höherer Eigenkapitalausstattung stabiler und die Arbeitsmärkte flexibler werden. Darüber wird zwar viel geredet, aber es geschieht wenig. Statt die Märkte mit immer mehr Geld zu überschwemmen, sollten die fundamentalen Probleme, vor allem der aufgeblähte Sozialstaat und das unterkapitalisierte Bankensystem mit den immer noch völlig ungenügenden Basel-III-Regulierungen, konsequent angegangen werden.

Sie haben für die Schweizer Exportwirtschaft eine nicht sehr erbauliche Prognose gemacht. Wird das Land zum reinen Dienstleistungsanbieter?
Nein. Wenn Sie die Vergangenheit anschauen, sehen Sie, dass es immer wieder neue sehr erfolgreiche Industriezweige gegeben hat. Ein Beispiel dafür ist die Medizinaltechnikbranche, aber Sie können auch die Agrochemie am Beispiel Syngenta nehmen. Als die Firma von Sandoz abgespaltet wurde, hatte sie eine ganz kleine Marktkapitalisierung. Inzwischen ist der Börsenwert von Syngenta wesentlich höher als die Kapitalisierung der Credit Suisse. Auch die Uhrenindustrie ist ein eindrückliches Beispiel für die Wettbewerbsfähigkeit der schweizerischen Exportindustrie. Wichtig ist einfach, dass sich der Staat auf die Schaffung guter Rahmenbedingungen beschränkt und nicht versucht, Einfluss auf die strukturelle Entwicklung der Wirtschaft zu nehmen. Eine Zurückhaltung in Bezug auf die strukturelle Entwicklung bedeutet allerdings nicht, dass die Politik sich nicht auf eine mögliche Rezession vorbereiten und entsprechende Pläne für eine Lockerung der Fiskalpolitik entwerfen sollte.

Sie fordern ja, dass der Staat im Fall einer Rezession seinen Bürgern und den Unternehmen Steuern gutschreibt beziehungsweise zurückbezahlt.
Ja, ich denke, das wäre eine einfache und sehr wirksame Methode.

Haben wir in der aktuellen Krise nicht eben gelernt, dass die Schweiz als kleine offene Volkswirtschaft den Binnenmarkt durch fiskalische Massnahmen gar nicht stimulieren kann? Die Stimuli würden sozusagen im Ausland versickern.
Ich kann Ihnen auch nicht genau vorrechnen, wie gross oder klein der Effekt wäre. Aber es wäre sicher besser, als nichts zu tun. Der Bund und manche Kantone verfügen über einen fiskalischen Spielraum. Und wenn ein Teil der Massnahmen dem Ausland zugute kommt, ist das auch nicht schädlich. Wir leben letztlich in einer wirtschaftlich eng miteinander verbunden Ländergemeinschaft.

Verdankt die Schweiz ihre gute Lage denn nicht auch dem Regierungsprinzip, im Zweifelsfall besser nichts zu tun oder einfach zu sparen?
Diesem Argument will ich gar nicht widersprechen. Ich habe selber an vielen Vorträgen gesagt, dass ein wesentliches Erfolgsmerkmal der Schweiz darin bestanden hat, dass das Land bis vor 20 Jahren nie eine Regierung hatte, die glaubte, regieren zu müssen.

Also ist Nichtstun doch besser?
Gar nichts zu tun, wäre auch falsch. Man sollte zwar nicht versuchen, Rezessionen ganz zu verhindern. Aber man sollte bemüht sein, mit einfachen Massnahmen die schlimmsten Auswirkungen einigermassen zu dämpfen.

Dem Euro steht ein heisser Herbst bevor. Wird er überleben?
In der aktuellen Form wohl nicht. Ein Festhalten an der heutigen Form wäre mit enormen Kosten für die erfolgreichen Länder verbunden und würde diese wirtschaftlich schwächen. Ein Euro unter wirtschaftlich homogeneren Ländern, zum Beispiel in Nordeuropa, hätte dagegen gute Perspektiven. Doch je mehr die Politiker versuchen, den grossen Euro mit staatlichen Mitteln zu retten, umso mehr gefährden sie auch dessen Restbestand. Die Politiker täten gut daran, endlich zu erkennen, dass heute politische Entscheidungen gefragt sind, die sich auf ökonomische Erkenntnisse abstützen. Nur nach politischer Macht zu streben, war noch nie eine gute Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg. (Basler Zeitung)

Erstellt: 25.08.2012, 19:11 Uhr

Kurt Schiltknecht

«Wer nichts mehr bewegen will, muss aufhören», sagt Kurt Schiltknecht. Der 71-jährige Ökonom und Experte für Geldpolitik hat diesen Anspruch noch nicht aufgegeben. In der Diskussion um die Zukunft des Euro und die Wechselkurspolitik der Schweiz ist er um eine kritische Meinung nie verlegen. Dabei liegt seine Karriere als Notenbanker länger zurück. Nach dem Volkswirtschaftsstudium
an der Universität Zürich trat er 33-jährig in die SNB ein, um 10 Jahre später als Chefökonom wieder den Hut zu nehmen – als Mitglied der Sozialdemokraten hatte er im Rennen um einen Posten im Direktorium gegen Hans Meyer den Kürzeren gezogen. Danach verlegte sich Schiltknecht mehr aufs Geldverdienen – als Chef der Nordfinanz Bank, als Präsident der Bank Leu und später als Partner von Finanzinvestor Martin Ebner. Doch Schiltknecht hat seine Liebe zur Wissenschaft gewahrt. Noch heute doziert er als ausserordentlicher Professor an der Universität Basel Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre. (dz)

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