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«Tiefe Preise erhöhen den Butterberg»

Von Niklaus Bernhard, Susanne Graf. Aktualisiert am 01.10.2011 4 Kommentare

Diese Woche ist der Verband Schweizer Milchproduzenten (SMP) aus Protest aus der Branchenorganisation Milch (BOM) ausgetreten. SMP-Direktor Albert Rösti erklärt, weshalb eine Milchpreissenkung trotz Überschüssen nicht akzeptabel sei.

Albert Rösti erklärt, warum die Schweizer Bauern nur noch mehr melken, wenn der Milchpreis sinkt.

Albert Rösti erklärt, warum die Schweizer Bauern nur noch mehr melken, wenn der Milchpreis sinkt.
Bild: Andreas Blatter

Branchenorganisation

Es hätte für die Milchbauern eine positive Mitteilung werden können, die die Branchenorganisation Milch diese Woche verschickte. Nun ist klar, dass der Bundesrat die Selbsthilfemassnahmen der Milchbranche für allgemein (auch für Nichtmitglieder) gültig erklärt hat. Das heisst: Die Bauern müssen einen Rappen pro Kilo Milch abgeben. Damit sollen die Butterlager abgebaut werden, was den Druck auf den Milchpreis reduzieren sollte.

Doch gleichzeitig senkte die Branchenorganisation, in der Milchverarbeiter, -produzenten und der Detailhandel vertreten sind, den Richtpreis von heute 68 auf 64 Rappen. Der neue Preis berücksichtige die Wechselkursproblematik im Exportgeschäft und den zunehmenden Importdruck, begründete die Branche den Entscheid. sgs

Reaktionen

Der Schweizerische Bauernverband kann nicht nachvollziehen, warum die
Bauern weniger für die Milch bekommen sollen. Den Richtpreis zu reduzieren und gleichzeitig Marktentlastungsmassnahmen umzusetzen, sei ein nicht erklärbarer Widerspruch. Für die SVP ist dies «skandalös». Sie stützt die Haltung der Schweizer Milchproduzenten.sgs

Herr Rösti, seit über zwei Jahren hat die Milchbranche Probleme, weil zu viel gemolken wird. Eine Wende ist nicht in Sicht. Was macht Ihr Verband eigentlich?
Albert Rösti: Dank unserem Druck kam es bisher zumindest bei der Molkereimilch zu keinem totalen Preiszusammenbruch. Aber das Resultat war nicht befriedigend, wir brauchen mehr Durchschlagskraft.

Wann konkret konnte der SMP zum letzten Mal einen Erfolg verbuchen?
In der Politik konnten wir zusammen mit anderen die Kredite für die Landwirtschaft sichern. Auch unsere Marketingarbeit ist breit anerkannt.

Aber innerhalb der Branchenorganisation konnten Sie nicht verhindern, dass der Richtpreis ab November von 68 auf 64 Rappen sinkt.
Damit bin ich gar nicht zufrieden. Aber das ist auf eine gewisse Zerstrittenheit unter den Produzenten zurückzuführen.

Warum versuchen Sie überhaupt immer noch, alle Produzenten unter ein Dach zu bringen? Mit der Aufhebung der Kontingentierung wurden diese in die Freiheit entlassen. Sie werden doch nie mehr sämtliche Produzenteninteressen vertreten können.
Das einheitliche Kriterium für unseren Einsatz ist der Arbeitsverdienst aller Milchproduzenten. Jetzt steht die Politik einfach vor der Frage, ob sie den Markt wirklich mit aller Härte spielen lassen will, oder ob sie Absicherungsinstrumente einführen will.

Sorgen Sie mit Ihrem Kampf für höhere Preise nicht geradezu dafür, dass Schweizer Milchprodukte nicht exportiert werden können und das Butterlager weiter wächst?
Das Gegenteil ist der Fall. Gerade wegen der sinkenden Preise steigt der Butterberg: Wenn der Milchpreis sinkt, reduziert der einzelne Bauer nicht, sondern stellt eher eine Kuh mehr in den Stall, um den Einkommensverlust zu verkleinern. Wenn man die heutigen Preise halten will, gelingt das nur, wenn man die zu viel produzierte Milch mit einer bestimmten Abgabe belastet, um den Butterberg abzubauen. Nur so können wir das steuern. Mit Preissenkungen verschärfen wir das Problem.

Die Branchenorganisation hatte grünes Licht für eine solche Marktentlastungsmassnahme. Jetzt ist der SMP ausgetreten. Mit welchem Ziel?
Wir hatten die Wahl zwischen Cholera und Pest. Wir erwarten, dass der Detailhandel aufgrund unserer harschen Reaktion die Preise nicht senkt. Mit ihrem Entscheid hat die Branchenorganisation den Bogen einfach überspannt. Man kann nicht gleichzeitig die Preise senken und bei den Bauern einen Rappen pro Kilo Milch für die Marktentlastung einziehen. Zu dieser Abgabe ist der Bauer doch nicht bereit, wenn der Milchpreis sowieso sinkt. Sinn der Branchenorganisation ist es, Wertschöpfung zu erhalten. Jetzt aber wird massiv Wertschöpfung vernichtet.

Die BOM ist paritätisch zusammengesetzt. Warum haben Produzentenvertreter zugestimmt?
Weil einige Produzentenvertreter gleichzeitig Milch handeln und unter massivem Druck stehen, diese verkaufen zu können. Ich kann mir die Zustimmung nur damit erklären, dass Handels- und Produzenteninteressen vermischt wurden. Unsere Rolle als SMP war einfach zu schwach.

Warum rufen Sie als SMP-Direktor Ihre Mitglieder nicht auf, endlich weniger zu produzieren?
Angesichts der komparativen Kostenvorteile ist es am sinnvollsten, wenn in unserem Land Milch produziert wird. Aber – das ist meine innerste Überzeugung – auch in liberalen Märkten brauchen wir minimale staatliche Rahmenbedingungen. Wir erwarten von der Politik in diesem Zusammenhang kein zusätzliches Geld, sondern dass sie uns Produzenten die Allgemeinverbindlichkeit in die Hand gibt, damit wir Abgaben einziehen und für die Überschussverwertung einsetzen können.

Warum sollte die Politik diese Macht allein den Produzenten und nicht der gesamten Branche übertragen?
Weil die Produzenten die einzigen sind, die ein Interesse daran haben, dass keine Überschüsse entstehen. Sie alleine bezahlen die Zeche mit tieferen Milchpreisen.

Das heisst: Die Milchbranche in der Schweiz hat nur eine Chance, wenn der Staat hilft?
Es geht einzig darum, auch jene wenigen Milchhändler und Milchproduzenten auf die Regeln zu verpflichten, die über 90 Prozent der Milchproduzenten beschlossen haben. Diese Selbsthilfemassnahmen müssten jedes Jahr erneuert werden. Die Branchenorganisation hat das Problem der Überschüsse bisher nicht gelöst. Das zeigt, dass dieses Mittel in die Hände der Produzenten gehört.

Werden Sie jetzt zu neuen Milchstreiks aufrufen?
Ich gehe nicht davon aus. Aber im Moment spüre ich einen grossen Frust unter den Bauern, ganz besonders auch unter denen, die vergrössert und ihre Strukturen angepasst haben.

Stehen Sie persönlich auch unter Druck?
Ich lasse mich nicht von Druck leiten. Ich lasse mich vom Bestreben leiten, einen Milchpreis zu realisieren, mit dem der Bauer zusammen mit den Direktzahlungen ein Einkommen erzielen kann, von dem er leben kann. (Berner Zeitung)

Erstellt: 01.10.2011, 16:36 Uhr

4

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4 Kommentare

Walter Egger

02.10.2011, 21:58 Uhr
Melden 5 Empfehlung

Als vor ca. zwei Jahren die Milch in Europa zur Mangelwahre wurde war ich sehr erstaunt, wie rasch unsere schweizer Beruern die Menge erhöhen konnten. Nun in der gegenteiligen Situation kann man scheinbar nichts mehr machen. Sofort wird nach Bundeshilfe gerufen. Ich finde dies ein Skandal! Antworten


René Widmer

02.10.2011, 04:53 Uhr
Melden 3 Empfehlung

Alle Massnahmen in den letzten Jahrzehnten haben nicht den Ueberschuss von Milch und Butter reduziert. Ob das nun mit der 1-Rappen-pro-Kilo-Abgabe ändern wird, ist mehr als fragwürdig. Es ist in der heutigen Zeit absolut unverantwortlich und ethisch und gesundheitspolitisch nicht mehr haltbar, zuviel FETT zu produzieren. Antworten



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