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Teuflische Zyklen

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 16.02.2012 12 Kommentare

Professor Walter Wittmann macht in seinem neuen Buch «Superkrise» den Kondratjew-Zyklus für das Platzen einer Superblase verantwortlich. Was meint er?

Vermehrt sich exponentiell: Die Nymphaea (Seerose) aus der Gattung der Nymphaeaceae.

Vermehrt sich exponentiell: Die Nymphaea (Seerose) aus der Gattung der Nymphaeaceae.
Bild: Reuters

Bald platzt die Superblase: Walter Wittmann. Sein neues Buch erscheint morgen Donnerstag.

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Wenn Sie jemanden mit einer Fangfrage veräppeln wollen, versuchen Sie es wie folgt: In einem Teich verdoppelt sich die Anzahl der Seerosen jeden Tag. Nach 40 Tagen ist der Teich zugewachsen. Wann war die halbe Wasseroberfläche bedeckt? Die meisten Menschen werden spontan antworten: nach 20 Tagen. Die richtige Antwort lautet jedoch nach 39 Tagen. Das Wachstum der Seerosen ist nämlich exponentiell.

Exponentielles Wachstum heisst, dass lange nichts passiert und dann plötzlich sehr viel. Menschen können sich dieses Wachstum sehr schlecht vorstellen, wir denken linear. In der Natur hingegen ist exponentielles Wachstum sehr verbreitet und meist unerfreulich und führt zum Tode: Krebszellen beispielsweise wuchern exponentiell.

Was hat dies mit wirtschaftlichen Konjunkturzyklen im Allgemeinen und dem von Professor Wittmann erwähnten Kondratjew-Zyklus im Speziellen zu tun? Dieser Zyklus hat seinen Namen vom russischen Wirtschaftswissenschaftler Nikolai Kondratjew. Dieser hat schon in einem 1926 veröffentlichten Bericht darauf hingewiesen, dass sich die europäische Wirtschaft seit 1800 in einem Zyklus von einer Dauer von 50 bis 60 Jahren bewegt. Als Grund für diese langen Wellen nannte Kondratjew die technische Innovation. Eine neue Erfindung, beispielsweise die Dampfmaschine, löst einen solchen Zyklus aus und wird später von einem anderen abgelöst. Die Kondratjew-Zyklen wurden zu einem festen Begriff der Ökonomie, obwohl sie statistisch nie nachgewiesen werden konnten.

Schuldenerlasse gegen das Kippen der Konjunktur

Es gibt jedoch auch andere Erklärungen für Konjunkturzyklen. Schon im alten Testament deutet Josef den Traum des Pharaos von den sieben wohlgenährten und den sieben mageren Kühen als eine Art Zyklus. Die bedeutendste Rolle bei Zyklen wird jedoch dem Geldsystem zugeschrieben, genauer dem Zinseszins. Er führt dazu, dass sich das Geldvermögen nicht linear entwickelt, sondern exponentiell. Exponentielles Wachstum erkennt man an einer sogenannten Eishockeyschläger-Kurve. Diese verläuft lange sehr flach. Wenn sie jedoch – wie die Seerosen im Teich – einen bestimmten Punkt erreicht hat, dann steigt sie steil an. Dieser Punkt wird manchmal auch Tipping Point genannt.

Um solche Tipping Points zu vermeiden, kannte man in biblischen Zeiten den Schuldenerlass. «Zur damaligen Zeit wurden Menschen, deren Schulden so gross wurden, dass sie sie nicht zurückbezahlen konnten, ‹Sklavenarbeiter›. Im Alten Testament wird sehr viel zum Konzept der Freilassung und des Freikaufs von Sklavenarbeitern gesagt», stellt der tschechische Ökonom Tomas Sedlacek in seinem Buch «Gut und Böse» fest. Im Judentum kannte man einen generellen Schuldenerlass, der alle 49 Jahre erfolgte, was ungefähr dem Zeitraum eines Kondratjew-Zyklus entsprach.

Zyklus-Theorien sind letztlich eine Glaubensfrage

Die These, dass sich heute unser Geldsystem wegen des durch Zinseszinsen verursachten, exponentiellen Wachstums wieder an einem gefährlichen Tipping Point befindet, ist weit verbreitet. So schreiben die beiden Wiener Finanzprofessoren Franz Hörmann und Otmar Pregetter in ihrem Kultbuch «Das Ende des Geldes»: «Durch die Verschuldung der Haushalte beziehungsweise der Staaten kommt es auch zu einer Versklavung sowohl grosser Teile der Bevölkerung als auch einzelner Länder, die sich nur durch einen Nachlass, durch Krieg oder durch Vernichtung der Vermögenswerte und ihren Neuaufbau davon befreien können.»

In den verschiedenen Zyklen-Theorien vermischen sich Mythen und Wissenschaft. Sie sind daher letztlich eine Glaubensfrage. Auch Walter Wittmanns These von der Superkrise, die er mit dem Kondratjew-Zyklus erklärt, lässt sich wissenschaftlich nicht beweisen. Das Gefühl jedoch, dass sich unser Wirtschaftssystem einem gefährlichen Tipping Point nähert, ist weit verbreitet – und auch gut begründet.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.02.2012, 22:40 Uhr

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12 Kommentare

max webmax

16.02.2012, 11:43 Uhr
Melden 7 Empfehlung 0

Hervorragend beschrieben - trotzdem wird uns die Oligarchie sehenden Auges in den Abgrund führen; leider. Antworten


Benny Mohr

16.02.2012, 10:44 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Das Problem ist ja nicht in erster Linie das exponentielle Wachstum der Geldmenge, sondern das exponentielle Wachstum der Wirtschaft. Doppelt so viel Strassen, Häuser, Autos, Fernseher etc. alle 20 bis 30 Jahre. Da wird es irgendwann eng im Seerosenteich. Antworten



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