Städte unter dem Frankenjoch
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 24.08.2011 47 Kommentare
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Unter dem teuren Schweizerfranken leiden nicht nur Schweizer Exportunternehmen. Das auch schon im letzten Jahrzehnt aussergewöhnlich tiefe Zinsniveau der Schweiz hat weltweit viele zu einem Handeln gebracht, das als «Carry Trade» bezeichnet wird: Dabei hat man sich in der Tiefzinswährung Franken verschuldet, diese gegen eine andere Währung verkauft und die gekaufte Währung dann in höher rentierende Projekte investiert. Ein Nebeneffekt dieses «Spiels» war ein sich durch diese Verkäufe stark abschwächender Franken. So erreichte die Schweizer Währung im Herbst 2007 einen derart tiefen Wert, dass ein Euro 1.68 Franken kostete.
An diesem scheinbar besonders lukrativen Geschäft beteiligten sich allerdings nicht nur Hedgefonds und andere internationale Grossspekulanten. Bestens bekannt ist, dass auch viele Immobilienbesitzer hauptsächlich in Osteuropa über solche «Carry Trades» ihre Hypotheken bezahlt haben und jetzt, wo der Frankenkurs zwischenzeitlich nur um wenige Rappen die Parität zum Euro verpasst hat, unter dadurch massiv erhöhten Schulden leiden.
Städte als «Carry-Trader»
Weniger im Fokus der Öffentlichkeit steht dagegen, dass sich auch viele europäische Städte an der Frankenspekulation beteiligt haben, was ihnen mittlerweile ebenfalls grosse Probleme beschert. Darunter sind wiederum viele aus Osteuropa, die ihre Schulden wegen der tiefen Zinsen noch vor der Krise in der Schweizer Währung aufgenommen haben. Verkäufer der entsprechenden Anleihen waren dort vor allem lokale Banken.
Selbst die Stadt Wien hat Anleihen für 2 Milliarden Franken aufgenommen, was Ende 2010 rund der Hälfte der gesamten Schuld der Stadt entsprochen hat. Gestern hat der Wiener Finanzdirektor Richard Neidinger erklärt, man wolle von weiteren solchen Krediten künftig absehen. Probleme der Stadt mit der teuren Währung versuchte er allerdings herunterzuspielen. Besonders glaubhaft ist das nicht. Entsprechend stark steht die Stadtregierung deshalb bereits in der öffentlichen Kritik.
Ein komplexes Frankenprodukt für das Ferienparadies
Enorme Probleme mit dem teuren Franken haben laut einem Bericht des «Wall Street Journal» auch französische Gemeinden wie das Touristenparadies Saint-Tropez. Die Stadt hat ein Darlehen über 6,7 Millionen Euro aus dem Jahr 2007 in den Büchern, dessen Zinskosten über ein komplexes Finanzkonstrukt an den Frankenkurs gekoppelt sind. Konkret beläuft sich der Zins momentan noch auf 3,94 Prozent und bleibt bis zum Mai 2012 fixiert, dann jedoch soll er vom Wert des Frankens abhängen. Wenn dieser sich nicht deutlich vom momentanen Höhenflug erholt, werden die Bürger von Saint-Tropez für ihre auf 20 Jahre lautenden Anleihen einen Zinssatz von rund 30 Prozent bezahlen müssen. Dies würde die Stadt nach Auskunft von Verantwortlichen nicht bezahlen können.
Das Finanzkonstrukt, das Saint-Tropez heute in Schwierigkeiten bringt, trägt mit Verweis auf die Schweiz den Namen «Helvetix». Die Stadt hat das Produkt im Jahr 2007 von einer Investmentbank gekauft. Will sie den kommenden hohen Zinszahlungen entgehen, kann sie das nur tun, wenn sie eine Konventionalstrafe von 2,9 Millionen Euro für den Vertragsausstieg bezahlt. Das entspricht 6 Prozent der städtischen Gesamtschuld von 48 Millionen Euro.
Wenn der Franken-Pfund-Kurs über den Zins entscheidet
Unter dem teuren Franken leidet auch Saint-Etienne. Diese Stadt hat von der Deutschen Bank im März 2008 ebenfalls ein strukturiertes Frankenprodukt gekauft, das ihr damals 22 Millionen Euro in die Stadtkasse spülte. Der Zinssatz dafür lautete bis zum April 2010 auf 4,3 Prozent. Seit diesem Datum hängt er vom Unterschied des Kurses des Schweizer Frankens zum britischen Pfund ab. Da der Franken sich seither drastisch aufgewertet hat und das Pfund gleichzeitig (auch gegenüber anderen Währungen) deutlich an Wert verlor, wirkt sich die Vereinbarung jetzt verheerend aus. Um wieder aus dem Vertrag auszusteigen, müsste Saint-Etienne der Deutschen Bank eine Konventionalstrafe von 17 Millionen bezahlen. Die Stadt hat 2009 die Bank mit der Behauptung verklagt, man habe sie unkorrekt beraten.
Neben Saint-Tropez und Saint-Etienne sollen laut einem Bericht des staatlichen Rechnungshofs (Cour des Comptes) noch viele weitere französische Gemeinden im Gesamtumfang von 10 bis 12 Milliarden Euro in solche hoch riskanten Anleihen investiert haben. Im schlimmsten Fall kann der Zins sogar über 50 Prozent ansteigen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 24.08.2011, 06:27 Uhr
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47 Kommentare
Es werden wohl schon bald die ersten posts auftauchen, das sei auch nur die "Schuld" der Schweizer Rosinenpicker-Profiteure und nicht der "armen und ausgenutzten" Finanzkonstrukteure in ganz Europa, die eigtl. ganz unschuldig uns bösen Anti-EU-taisten auf den Leim gekrochen sind..
Bitte, bitte (auch wenn's heiss ist draussen) ^versucht nicht einfach drauflos zu plärren, "WIR" haben nix davon, ok?
Antworten
Na ja, von selbst sind die Stadtkämmerer wohl nicht auf die Idee gekommen. Gut, haben sie sich an den örtlichen, regionalen, nationalen oder internationalen Banker ihres Vertrauens gewandt, um solch nachhaltige Geschäfte zu tätigen. Antworten
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