Schweizer Wirtschaft schrumpfte so stark wie nie seit 1975

Im Sog der weltweiten Rezession ist die Schweizer Wirtschaft 2009 so stark geschrumpft wie noch nie seit der Ölkrise in den 1970er-Jahren. Erstaunlich ist, wie sich die Konsumenten trotz Krise verhalten haben.

Bruttoinlandprodukt Schweiz 1991-2009

Bruttoinlandprodukt Schweiz 1991-2009


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Quelle: BfS


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Das Bruttoinlandprodukt (BIP) sank real um 1,9 Prozent. Nur weil kräftig konsumiert wurde, ging das BIP nicht noch stärker zurück. Die Schweizer Wirtschaft ist deutlicher geschrumpft als gedacht: Bislang rechnete das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) mit einem Rückgang um real 1,5 Prozent. Zu laufenden Preisen, also nominal, sank das BIP im vergangenen Jahr um 1,6 Prozent, wie das Bundesamt für Statistik (BFS) am Donnerstag weiter mitteilte.

2008 war das BIP real noch um 1,9 Prozent gewachsen. In den letzten dreissig Jahren hat es nur viermal abgenommen, jedoch weniger stark. Einen noch grösseren Rückgang als im letzten Jahr hatte es letztmals 1975 gegeben (–6,7 Prozent).

Aussenhandel darbt

Besonders die Exportwirtschaft kam 2009 ins Trudeln: Die Schweizer Unternehmen verkauften 8,7 Prozent weniger im Ausland als im Jahr zuvor, die Importe verringerten sich um 5,4 Prozent.

Wie bedeutend das Ausland für die Schweizer Industrie ist, verdeutlicht die Maschinen-, Elektro- und Metallbranche: Sie verkauft rund 80 Prozent ihrer Güter ausserhalb der Landesgrenzen.

Neben der Industrie spürte auch der Handel (ohne Detailhandel) den Effekt der weltweiten Rezession. Die Banken wiederum litten unter der Finanzkrise, während sich das Wachstum der Versicherungen verlangsamte aufgrund höherer Schadensaufwendungen und tieferen Erträgen aus Anlagen.

Lockerer Geldbeutel

Besser lief es hingegen im Bausektor, der namentlich vom intensiven Wohnungsbau profitierte: Die Wertschöpfung der Branche verbesserte sich um 3,3 Prozent.

Auch der Detailhandel verzeichnete ein gutes Jahr, weil die Haushalte in der Schweiz kräftig konsumierten. Konsumentinnen und Konsumenten zeigten sich nicht knausrig, weil viele im 2009 eine deutliche Lohnerhöhung erhalten hatten. Ebenfalls eine Rolle spielte die anhaltende Zuwanderung.

Anders als der Aussenhandel ging die Nachfrage in der Schweiz insgesamt nur leicht zurück (–0,3 Prozent). Dies ist vor allem dem robusten Privatkonsum zu verdanken, und auch die Bauinvestitionen hatten eine positive Wirkung.

Banken im Ausland erfolgreicher

Im Gegensatz zum BIP nahm das Bruttonationaleinkommen (BNE, früher als Bruttosozialprodukt bekannt) im 2009 kräftig um 10,2 Prozent zu. Es berücksichtigt auch Kapital- und Arbeitseinkommen im Ausland. Der starke Anstieg des BNE erklärt sich auch mit einem Basiseffekt: 2008 war es um 3,8 Prozent geschrumpft.

Ins Ausland flossen 2009 fast 50 Prozent weniger Vermögenserträge als im Jahr zuvor. Der Zustrom der Vermögenserträge aus dem Ausland erhöhte sich hingegen um 7,9 Prozent. Dies ist unter anderem auf die Schweizer Banken zurückzuführen, deren Auslandsniederlassungen profitabler wirtschafteten. (sam/sda)

(Erstellt: 26.08.2010, 12:42 Uhr)

Traf es besonders hart: Schweizer Industrie. (Bild: Keystone )

Das BIP

Das Bruttoinlandprodukt (BIP) ist die wichtigste Kennzahl zur Beurteilung der Wirtschaftskraft eines Landes. Es gibt Auskunft über den Wert aller Waren und Dienstleistungen, die von Unternehmen und Staat in einem bestimmten Zeitraum - meist in einem Jahr - produziert werden.

Die Veränderung des BIP (englisch: Gross Domestic Product, GDP) zeigt das Wachstum einer Volkswirtschaft an. Wird das BIP zu laufenden Preisen bewertet, spricht man vom nominalen BIP. Wird es um die Teuerung bereinigt (mit Hilfe des BIP-Deflators), spricht man vom realen BIP.

Obschon das reale BIP der wichtigste Gradmesser ist, kann es nur bedingt herangezogen werden, um Wohlstand und Lebensqualität eines Landes zu beurteilen. Denn ökologische und soziale Faktoren - beispielsweise Umweltschäden oder unbezahlte Arbeit - werden darin nicht berücksichtigt.

Weiter gefasst ist das Bruttonationaleinkommen (englisch: Gross National Income, GNI), früher als Bruttosozialprodukt bekannt. Es umfasst alle von inländischen Produktionsfaktoren (Arbeit und Kapital) erbrachten Waren und Dienstleistungen. Es berücksichtigt auch Kapital- und Arbeitseinkommen im Ausland, beispielsweise die Löhne von Schweizer Grenzgängern.

Die aus Schweizer Sicht sehr wichtigen grenzüberschreitenden Kapitalflüsse sind nur schwierig zu schätzen. Aus diesem Grund trat die Bedeutung des Bruttonationaleinkommens zur Beurteilung der Wirtschaftskraft in den Hintergrund. Die Ökonomen bevorzugen das statistisch einfacher zu erfassende BIP.

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