Schweizer Wirtschaft hält Rezession auf Distanz

2015 erwies sich nicht als Krisenjahr, wie man es nach dem Frankenschock im Januar befürchtet hatte. Für eine überraschend versöhnliche Note sorgte das Schlussquartal mit einem Wachstum von 0,4 Prozent.

Die Chemie- und Pharmaindustrie hat entscheidend zur Stabilisierung der Schweizer Konjunktur beigetragen - Blick in die Produktion der Fribourger Vifor Pharma.

Die Chemie- und Pharmaindustrie hat entscheidend zur Stabilisierung der Schweizer Konjunktur beigetragen - Blick in die Produktion der Fribourger Vifor Pharma. Bild: Monika Flueckiger/Keystone

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Wie ausserordentlich die Zeiten sind, illustrieren die Zahlen zur letztjährigen Wirtschaftsleistung in der Schweiz. Durchgängig widerspiegelt sich darin das rückläufige Preisniveau auf allen Ebenen. So ist das heimische Bruttoinlandprodukt (BIP) 2015 – gemessen zu laufenden Preisen – um 0,4 Prozent geschrumpft, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) in einer ersten vorläufigen Schätzung errechnet hat. Letztmals verzeichnete unser Land im Krisenjahr 2009 eine nominale BIP-Einbusse. In realer Betrachtung – also zu konstanten Preisen – wuchs die Schweizer Wirtschaft indes um 0,9 Prozent, verglichen mit 1,9 Prozent im Jahr 2014.

Der gesamtwirtschaftliche Rückgang des Preisniveaus um 1,3 Prozent im Berichtsjahr – im Fachjargon spricht man vom BIP-Deflator – ist laut Eric Scheidegger, im Seco zuständig für Wirtschaftspolitik, grösstenteils auf die Frankenstärke und den Preiszerfall auf dem Ölmarkt zurückzuführen. Dadurch gerieten einerseits die Importpreise stark unter Druck – im vierten Quartal registrierte der Import-Deflator ein Minus von nicht weniger als 7,5 Prozent. Anderseits sahen und sehen sich die Schweizer Exporteure zu Preiszugeständnissen zulasten ihrer eigenen Margen gezwungen, um nicht aus dem Markt gedrängt zu werden; dies zeigt sich in einem Minus des Export-Deflators von happigen 5,1 Prozent.

Deflationsgefahr bleibt gering

Aus Sicht von Scheidegger werden die Preisrückgänge hierzulande nicht über eine längere Zeit anhalten, solange kein weiterer Aufwertungsschock respektive Ölpreiszerfall zu verzeichnen sei. Daher erwartet er auch «keine sprunghaften strukturellen Verschiebungen» in der Wirtschaft, zum Beispiel eine ausgeprägte De-Industrialisierungswelle, wie sie die britische Wirtschaft erlebt hat. Hingegen dürften die preislichen Wettbewerbsnachteile hiesiger Exporteure laut dem Seco-Direktor «den normalen Strukturwandel noch beschleunigen». Man müsse wohl davon ausgehen, dass nicht alle Unternehmen den enormen Margendruck überleben würden.

Die Gefahr einer Deflation in der Schweiz – also eine sich selbst verstärkende Spirale sinkender Preise und Löhne – schätzt Scheidegger weiterhin als «sehr gering» ein. Der private Konsum hat zwar zuletzt an Dynamik eingebüsst: Im vierten Quartal stieg er noch real um 0,1 Prozent gegenüber dem Vorquartal – nach 0,3 Prozent im dritten Quartal –, sodass in der Pro-Kopf-Betrachtung sogar ein Rückgang resultierte. Doch angesichts höherer verfügbarer Einkommen der Haushalte ist nach Meinung von Scheidegger nicht mit einer nochmals deutlich sinkenden Konsumlust der Schweizerinnen und Schweizer zu rechnen. Auch zeigten die Umfragen der Schweizerischen Nationalbank, dass die Inflationserwartungen stabil verankert sind. Für die Konsumenten und Unternehmen besteht daher kein Anreiz, ihre Nachfrage einzuschränken, weil sie zu einem späteren Zeitpunkt fürs gleiche Geld mehr bekommen könnten.

«Glücklicher Abschluss»

Den im vierten Quartal 2015 erzielten BIP-Zuwachs von 0,4 Prozent im Vorquartalsvergleich – das grösste Plus im gesamten letzten Jahr – bezeichnete Scheidegger als «glücklichen Abschluss eines insgesamt schwierigen Jahres». Tatsächlich hatten Experten überwiegend mit einer halb so grossen Zunahme der Wirtschaftsleistung gerechnet. Für das dritte Quartal weisen die Seco-Zahlen neu ein Negativwachstum (–0,1 Prozent) aus, nachdem man ursprünglich von einem Nullwachstum ausgegangen war.

Für belebende Impulse sorgten zwischen Oktober und Dezember hauptsächlich der staatliche Konsum (+0,6 Prozent) sowie – einigermassen unerwartet – der Warenexport (+2,9 Prozent, ohne Wertsachen und Transithandel). Allerdings beruht die Dynamik der Ausfuhren, wie schon im Quartal zuvor, auf der Stärke einer einzigen Branche: der Chemie- und Pharmaindustrie. Scheidegger spricht von einer «unglaublich stützenden Funktion» dieses Wirtschaftszweigs. Demgegenüber sieht sich das Segment der Uhren und Präzisionsinstrumente seit dem Sommer zurückgebunden wegen der unsicheren Wirtschaftslage in Asien und der verstärkten Bekämpfung der Korruption in China.

Der Einbruch der Dienstleistungsexporte um 3,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal ist laut dem Seco-Direktor auf die starken Schwankungen einzelner Rubriken des Dienstleistungshandels zurückzuführen. Der Schweizer Tourismus musste einen Rückgang um 0,8 Prozent hinnehmen, dies allerdings bei starken regionalen Unterschieden. Leidtragende waren insbesondere die Kantone Wallis und Graubünden, wogegen der Städtetourismus besser abschnitt.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.03.2016, 16:23 Uhr)

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