Wirtschaft
Rasantes Wachstum der Hypothekarkredite
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 14.01.2010
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Vor allem die Kantonal- und Raiffeisenbanken haben in letzter Zeit deutlich mehr Kredite erteilt. Wie solid ist der Schweizer Hypothekarmarkt? Die Frage steht im Raum, seit der frühere Nationalbank-Präsident Jean-Pierre Roth und der Direktor der Finanzmarktaufsicht (Finma), Patrick Raaflaub, im Dezember vor den Versuchungen und Risiken der ausserordentlich tiefen Hypothekarzinsen gewarnt haben.
Tatsächlich ist das grundpfandgesicherte Kreditvolumen zuletzt deutlich gestiegen. Laut Angaben der Schweizerischen Nationalbank lagen die inländischen Hypothekarforderungen der Banken mit 721 Milliarden Franken per Ende Oktober 2009 um 5,1 Prozent über dem Stand des Vorjahres. Im November 2008 war die Wachstumsrate mit 3,2 Prozent am Tiefpunkt angelangt.
Die Finma will sich nun von den Kreditinstituten genauer ins Bild setzen lassen. Dies, so Finma-Sprecher Alain Bichsel, geschehe «im Rahmen der laufenden risikoorientierten Überwachung». Dabei wollten sich die Aufseher vergewissern, dass «die Banken ihr Risikomanagement im Griff haben».
«Neue Dynamik im Markt»
Auffallend sind die stark unterschiedlichen Wachstumsraten der einzelnen Bankgruppen bei der Finanzierung von Wohnimmobilien. Konnten die Kantonalbanken ihren Hypothekenbestand in den zwölf Monaten per Ende Oktober um knapp 6 Prozent und die Raiffeisen-Gruppe gar um 8 Prozent steigern, so verzeichneten die zwei Grossbanken nur eine Zunahme von 1,5 Prozent.
Aus Sicht von Fredy Hasenmaile, Leiter des Immobilien-Research der Credit Suisse, haben die drastisch gesunkenen Hypothekarzinsen «eine neue Dynamik in den über lange Zeit stabilen Markt gebracht». Grund zur Beunruhigung bestehe jedoch nicht, so Hasenmaile. Das rasante Wachstum der Hypothekarkredite sei nicht damit zu erklären, dass es die Banken mit der Bonitätsprüfung ihrer Kunden weniger genau nähmen.
Firmen nutzen Hypotheken
Martin Loosli, Leiter Produktmanagement Finanzierungen der Zürcher Kantonalbank, teilt diese Einschätzung: «Ein Überborden des Marktes kann ich nicht erkennen.» Die starke Kreditausweitung ist laut Loosli «marktgetrieben». Will heissen: Trotz Wirtschaftskrise besteht ein überdurchschnittlich grosser Bedarf an Neufinanzierungen, was sich wiederum in der anhaltend robusten Verfassung des Bau- und Immobilienmarktes spiegelt. Als Hypothekennachfrager treten laut Loosli nicht nur Privatpersonen auf, sondern ebenso Firmen, die ihre Finanzierungsbedürfnisse aufgrund der attraktiven Konditionen über diesen Kanal decken.
Auch Adrian Wenger, als Leiter Hypothekenberatung beim VermögensZentrum Zürich in einer neutraleren Rolle, sind «Auswüchse des Marktes in grösserem Stil nicht bekannt». Die Banken verhielten sich bei der Kreditvergabe so, als müssten sie Risikoszenarien momentan keine besondere Beachtung schenken - «und das kann ich nachvollziehen», ergänzt Wenger. In diesem Marktsegment hätten die Institute noch «beträchtliche Kostenreserven».
Auswüchse in Einzelfällen
Geteilter Meinung sind die Experten bezüglich der Wettbewerbsintensität im Hypogeschäft. Während sich laut Loosli «der zwischen 2004 und 2008 extreme Preiswettbewerb mit den gesunkenen Zinsen entschärft hat» und die Sicherheit der Bank für die Kunden wieder wichtiger geworden sei, spricht Wenger von einem «unvermindert starken Wettbewerb». Die Gewinnchancen im Hypobereich seien so gut, dass die Banken laut Wenger «weiterhin Vollgas geben».
Patrik Gisel, stellvertretender Geschäftsleitungsvorsitzender der Raiffeisen-Gruppe, taxiert den Markt ebenfalls als «sehr kompetitiv», wenngleich mit regionalen Unterschieden. Besonders intensiv sei die Konkurrenz in der Region Basel sowie generell in Agglomerationsräumen.
Da wissen Marktbeobachter von «einzelnen Banken», welche die übliche Belehnungsgrenze von 80 Prozent des Werts eines Wohnobjekts auf bis zu 90 Prozent ausdehnen. Wenger ist auch wiederholt auf Fälle gestossen, in denen Institute bei Tragbarkeitsberechnungen selbst Bonuszahlungen vollumfänglich zum festen Einkommen von Hypothekarschuldnern zugeschlagen haben.
Ist von «aggressiven Banken» die Rede, fällt meist der Name Raiffeisen. Ein Insider sagte, wenn Bankberater auf Hypothekengesuche nicht eintreten könnten, gäben sie oft den Tipp, es bei der Raiffeisen-Bank zu versuchen. Gisel räumt ein, Raiffeisen sei «aktiv im Vertrieb». Doch dabei profitiere man von der starken regionalen Verankerung und nicht zuletzt «von den Reputationsproblemen der Grossen». Zudem betont er: «Wir gehen sicher nicht jeden Preis mit.» Dass Raiffeisen die Finanzierungs- und Tragbarkeitsgrundsätze weiterhin beachte, sei auch an den «beinahe rekordtiefen» Rückstellungen und Wertberichtigungen zu erkennen, so Gisel.
Limiten längst nicht ausgereizt
CS-Immobilienmarktspezialist Hasenmaile hebt dabei hervor, dass der hiesige Hypothekarmarkt seine Limiten weder bei den Firmen- noch bei den Privatkunden ausgereizt habe. Für Letztere belaufe sich die Belehnungsquote im Landesdurchschnitt auf rund 50 Prozent, sei damit in der Mehrheit der Fälle von der 80-Prozent-Grenze also noch weit entfernt. Zudem, so Hasenmaile, sei das Gros der Haushalte nicht überschuldet und verfüge im Gegenteil über finanziellen Spielraum - selbst für den Fall, dass die Zinsen demnächst stärker als erwartet steigen sollten. Trotz Wirtschaftskrise ist die Nachfrage nach Hypotheken überdurchschnittlich hoch. Der Immobilienmarkt ist sehr robust. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 14.01.2010, 11:23 Uhr
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