Wirtschaft
Parkhäuser, Flughäfen, Zoos – alles steht im Ausverkauf
Von Walter Niederberger, San Francisco. Aktualisiert am 25.08.2010 24 Kommentare
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In Pittsburgh will der Bürgermeister die städtischen Parkuhren für 300 Millionen Dollar vermieten. Damit hofft er ein Loch in der Pensionskasse zu stopfen, wenn auch nur notdürftig. Selbst wenn der Deal gelingt, muss die Stadt noch immer 17 Millionen Dollar pro Jahr in die Kasse einschiessen; Geld, das ihr wegen der sinkenden Steuereinnahmen schlicht fehlt. Noch schlechter sieht die Rechnung auf längere Sicht aus. Die Parkuhren sind eine verlässliche Einnahmequelle. Wenn sie wie geplant für 50 Jahre privatisiert werden, dann entgehen der Stadt rund 3,5 Milliarden Dollar.
Doch Pittsburgh hat kaum Alternativen, und Pittsburgh ist längst nicht mehr allein. Chicago, Los Angeles, Miami, Dallas, Milwaukee, Las Vegas, Indianapolis, Hartford – immer mehr Städte sehen sich gezwungen, öffentliche Anlagen und Dienstleistungen an private Investoren zu verkaufen oder für 50 bis 100 Jahre zu vermieten. Und stark verarmten Städten wie Harrisburg, die im ausgedünnten Industriegürtel des Landes liegen, droht sogar ein offenes Insolvenzverfahren. Fast überall im Land, sagt Felix Rohatyn, «sind wir bankrott». Der Banker des Traditionshauses Lazard blickt auf eine lange Erfahrung mit überschuldeten Städten zurück. In den frühen 1970er-Jahren war er Berater der Stadt New York, die mit drastischen Sparschnitten einen Bankrott vermeiden konnte.
Fast überall im Land bankrott
Anders als damals haben die Städte heute ihre Sparanstrengungen weitgehend ausgeschöpft. Weil aber die Steuereinnahmen als Folge der Finanz- und Immobilienkrise noch weiter sinken werden, sehen sie sich in einer einmaligen Zwangslage. Die «kafkaeske Angst» vor privaten Investoren, vor allem ausländischer Herkunft, gehe langsam zurück, so Rohatyn. Die Städte denken um, wie ein Blick auf die ausgeschriebenen Projekte zeigt. So standen vor zwei Jahren erst Anlagen und Dienstleistungen für 4 Milliarden Dollar zur Privatisierung bereit, wie es in einem vom «Wall Street Journal» zitierten Bericht der Royal Bank of Scotland heisst. Inzwischen haben über ein Dutzend Städte gegen 40 Projekte freigegeben, und die Investitionssumme ist um mehr als das Zehnfache auf 45 Milliarden Dollar gestiegen.
Investmentbanken wie Morgan Stanley, Goldman Sachs und Credit Suisse machen heute ebenso Druck auf die Städte wie Private-Equity-Gruppen vom Kaliber einer Kohlberg Kravis und Carlyle. Allein in den PE-Gruppen warten mehr als 60 Milliarden Dollar darauf, neu investiert zu werden, und zwar ausserhalb des kränkelnden Immobilienmarktes. In 10 bis 20 Jahren könnten Anlagen in den Städten (und Bundesstaaten) ein grösseres Geschäft für Banken sein als Immobilien, sagt Mark Weisdorf, Chef der Infrastrukturinvestitionen bei JP Morgan. Zum Vergleich: Während des Booms 2006 und 2007 wickelten die Banken Immobiliendeals für über 500 Milliarden Dollar ab. Dass die Gemeinwesen als aussichtsreiches Ziel erscheinen, leuchtet ein. Strassen, Parkhäuser, Flugplätze, aber auch Verwaltungsgebäude sind in einem schäbigen Zustand. Jede achte Brücke ist baufällig, schätzt die American Society of Civil Engineers. In den nächsten fünf Jahren müssten laut Experten sofort 2200 Milliarden Dollar in die Infrastruktur investiert werden.
Budgetprobleme bleiben
Dem schnellen Stopfen von Finanzlöchern folgt oft das Bedauern. Chicago gilt als warnendes Beispiel, den privaten Investoren gut auf die Finger zu schauen. Die Stadt vergab 2008 ihre Parkinguhren für 1,16 Milliarden Dollar an ein Konsortium unter Leitung von Morgan Stanley. Das Geld wird für laufende Ausgaben beinahe aufgebraucht, ohne dass ein einziges Budgetproblem gelöst wäre. Dafür ergaben Nachrechnungen, dass die Banken ihre auf 75 Jahre angelegte Investition schon in 20 Jahren abbezahlt haben. Die Parkinggebühren wurden massiv erhöht, was die Stadt zuvor wegen politischer Widerstände nicht durchgebracht hatte. Dafür entgehen Chicago Einnahmen von mindestens 1 Milliarde Dollar.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 25.08.2010, 08:55 Uhr
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24 Kommentare
Dem Niedergang der USA folgt auch derjenige von Europa...! Ueberschuldung kann nicht gelöst werden, in dem wieder neue Schulden erzeugt werden! Es folgt zwangsläufig die Hyperinflation und der Staatsbankrott! In unserem Fiat Money Geldsystem entsteht Geld mit Schulden und wird Geld durch Schulden und nicht durch Edelmetalle oder Leistung gedeckt! Good bye unlce Sam! Good bye Europa und € mit EU! Antworten
Die Schweiz sollte daraus lernen. Letztendlich ist das, was sich hier gerade abspielt nichts anderes als die Konsequenz einer unverantwortlichen Schuldenwirtschaft. Aber einmal wird abgerechnet, und dieser Zeitpunkt ist jetzt eben gekommen. Auch bei uns werfen die Politiker freizügig mit Geld um sich. Auch wir werden so enden, wenn nicht endlich Gegensteuer gegeben und massivst gespart wird. Antworten
@berner 9:23: Exakt. Je mehr Privatisierung, desto weniger Demokratie. Denn alles, was privatisiert wird, kann kein Abstimmungsgegenstand mehr sein. Es ist ohnehin erstaunlich, dass etwas gesellschaftlich derart existenzielles wie die Wirtschaft auf privater und nicht auf demokratischer Ebene organisiert wird. Antworten
BAZONLINE - Parkieren wie die Götter... Herzog & de Meuron haben in Miami ein Parkhaus gebaut, das so schön ist, dass darin auch Hochzeitsfeste gefeiert werden. Preis. Schlappe 65-Millionen-Dollar!!! Das Gebäude gilt in Amerika als eines der besten Architekturdesigns des Jahres. Da wunderet es mich nicht, dass fast überall im Land bankrott herrscht. Da muss es keine mehr wundern, dass Antworten
@Schneider: Ich glaube, wir sprechen hier nicht darüber, ob die Sozialisten böser sind als die Kapitalisten, oder? Abgesehen davon hat es auf beiden Seiten schon ähnliche Experimente gegeben. Tatsache ist, dass ein ungezügeltes kapitalistisches System gleichwohl nicht zu besseren Lebensbedingungen für die breite Masse führt. Antworten
Dieses Fiat-Geldsystem, in dem Banker mit Falschgeld reale Werte aufkaufen können, Wetten abschliessen und wenn sie die Wetten verloren haben, der Steuerzahler dafür aufkommen muss , hat Nichts mit Kapitalismus zu zun. Dies ist eine Art Kommunismus für die Banker und deren Grosskonzerne, die sie kontrollieren. Die Verschmelzung von Staat und Wirtschaft ist gemäss Mussolinis Definition Fascismus. Antworten
@Bölzli 100 Millionen Tote sind für ein Experiment (Sozialismus kommunistischer Prägung) sind genug. Bitte zuerst denken und nachher was von Fabrikarbeiter schwaffeln. Wir sind uns alle einig, dass die jetztige Form des Kapitalismus da und dort Anapssungen braucht. Und ja, das was die USA machen ist wiedermal sehr kurzfristig gedacht. Antworten
Anstatt zu sparen, wird das Tafelsilber verhökert. So versuchen Politiker wiedergewählt zu werden. Schulden und noch mehr Schulden. Das Land der unbegrenzten Schulden! Unsinnige Kriege wegen ein paar Terroristen haben den Waffenhändler und Ölmultis Milliarden US$ in die Kasse gespült. Leider geschieht die Entschuldiung über den Dollar und die intern. Gläubiger müssen ebenfalls bluten. Traurig! Antworten
@Heinz Gerber: Das sehen sie aber falsch. Die neoliberale Marktwirtschaft unterscheidet sich im Endeffekt in gar nichts vom Sozialismus: eine stinkreiche Elite, der Mittelstand verschwindet, viel Armut und schlussendlich bankrotte Kommunen und Staaten. Wenn mir nichts mehr zum leben bleibt, ist es mir schlussendlich egal, ob die reiche Elite kommunistisch/sozialistisch oder kapitalistisch ist. Antworten
Genau das gleiche Gefühl wie beim Herrn E. Wehrle entsteht bei mir langsam aber sicher auch. Eine Supermacht, die im Inneren hochverschuldet und immer zerbrechlicher wird. Die immensen Kriegs- und Rüstungsausgaben machen sich jetzt bemerkbar: Das Resultat einer eher kurzsichtigen Politik, vorangetrieben von der Waffenlobby und den Falken, die Terroristen zuerst züchten um später zu bekämpfen. Antworten
Wenn eine Wirtschaft nur aufgrund von Konsum auf Pump, Wertvermehrung der nicht effektiv dem Wert entsprechenden Immobilien und dann daraus resultierend, auf Konsum durch Erhöhung des Wohn-Kredites basieren, wird die Rechnung irgendwann nicht mehr aufgehen. Die USA müssen endlcih wieder etwas produzieren, konkret, statt einfach Krieg als Wirtschafts-Ankurbelung zu betrachten. Gruss nach Washington Antworten
Ich sehe es mit Besorgnis, wie schnell der Niedergang der USA vorangeht. Diesem Niedergang wird sehr schnell auch derjenige von Europa und der Schweiz folgen. Offenbar geht der Wechsel des Wohlstands vom alten Westen an China, Indien und Ostasien schneller vonstatten, als man annehmen würde. Antworten
Es droht der Moment, wo Staaten nichts mehr und Investmentbanken sowie Private Equity-Gruppen alles besitzen. Dann braucht keiner mehr zu Wahlen und Abstimmungen zu gehen, denn es gibt niemanden mehr zu wählen und auch über nichts mehr abzustimmen. Das wird alles von der Bürokratie der Kapitalberge geregelt. Wie damals beim Kommunismus, aber jetzt auf kapitalistisch. Credit Suisse statt Freiheit? Antworten
Geld ist vorhanden, es ist bloss in den Händen von Investoren, welche die Interessen bloss der Reichen vertreten. Den Turbo-Privatisierern mag das wie das Paradies erscheinen, unter dem Strich wird hier die Demokratie ausgehebelt. Privatisiere die Parkuhren, dann hat das Volk nichts mehr zu Parkgebühren zu sagen, und Parkieren wird massiv teurer. Dasselbe passiert mit Strom, TV, Mobilität etc. Antworten







Andre Perret
@ B.Radke (12:07)...hört doch bitte mal auf mit dem "Konsum auf Pump". DieUSA (& Kanada) ist eine von den Banken kreierte 'cash-less society'. Mit Bargeld - ohne credit card - kann man heutzutags nicht mal mehr den tank füllen oder ein Motelzimmer mieten (ausser vielleicht einige Std im 'no-tell-motel'..lol). Jedoch zum Thema des Artikels: Stadträte sind leider keine Buchhalter! Sell the assets... Antworten