Wirtschaft

Notenbanken drohen Kontrolle über langfristige Zinsen zu verlieren

Obwohl die Währungshüter in den USA und Grossbritannien in grossem Stil Staatspapiere aufkaufen, steigen die Renditen.

Höchst Ungewöhnliches erleben wir dieser Tage. Da reitet Angela Merkel eine Attacke gegen die Notenbanken der USA, Grossbritanniens und Europas, weil diese mit unkonventionellen Mitteln – dem Kauf von (Staats-)Anleihen – enorme Geldmengen in die Märkte pumpen oder dies beabsichtigen. Damit wollen die Währungshüter die langfristigen Zinsen tief halten und so die Konjunktur stützen. Nur eine Nacht später hält US-Notenbankchef Ben Bernanke dagegen: Er stimme «bei allem Respekt» nicht mit der Sichtweise der Kanzlerin überein, gab er bei einem Kongresshearing zu Protokoll. Selten zuvor sind Meinungsverschiedenheiten zwischen Amerikanern und Deutschen bei der Bekämpfung der Finanz- und Wirtschaftskrise so deutlich zutage getreten.

60 Milliarden Euro für Pfandbriefe

Nun rücken sie zu einem delikaten Zeitpunkt ins Blickfeld. Zum einen hat die Europäische Zentralbank Donnerstag präzisiert, wie sie am Markt Pfandbriefe im Volumen von 60 Milliarden Euro kaufen will. Merkels Vorstoss kurz zuvor offenbarte, wie gross die deutschen Vorbehalte gegenüber einer solchen Politik der quantitativen Lockerung sind.

Zum andern, und viel wichtiger, scheint sich unter den Anlegern ein gewisses Unbehagen über die extrem expansive Politik der Notenbanken, aber auch über die ausufernden Staatsdefizite zu verbreiten. Einen Fingerzeig dafür liefern die Renditen von Staatsanleihen, die in den letzten Wochen und Monaten zum Teil markant zugelegt haben. Augenfällig sind etwa die Renditesprünge bei US-Papieren: Der seit Anfang Jahr zu beobachtende Anstieg um 1,5 Prozentpunkte bei den 10-jährigen Treasuries ist der steilste seit 15 Jahren.

Furcht vor inflationärem «Overkill»

Einen Teil des Renditezuwachses darf man sicherlich der Rückkehr zur Normalität zuschreiben. Der vorangegangene Absturz bei den 10-jährigen US-Staatsanleihen bis auf 2,1 Prozent im Dezember 2008 entsprang einer Panik der Investoren, die allesamt in mündelsichere Anlagen flüchteten. Von der damaligen Untergangsstimmung ist heute so gut wie nichts mehr zu spüren. Dementsprechend hat der Risikoappetit unter den Marktakteuren wieder zugenommen, wodurch die Staatsanleihen an Attraktivität verlieren.

Dies ist aber, wie gesagt, nicht die ganze Erklärung. Nachdenklich stimmt, dass die Renditen von amerikanischen und britischen Staatspapieren in letzter Zeit gestiegen sind, obwohl die Notenbanken beider Länder solche Papiere in grossem Stil und mit frisch gedrucktem Geld aufkaufen. Ihr Ziel, die Zinsen möglichst tief zu halten, verkehrt sich damit ins Gegenteil. Besonders beunruhigend: Die steigenden Renditen in den USA ziehen auch die dortigen Hypothekarzinssätze nach oben, was natürlich Gift ist für den nach wie vor darniederliegenden Immobilienmarkt.

Misstrauische Investoren

Was läuft schief? Auf einen kurzen Nenner gebracht: Die Investoren werden zusehends misstrauischer und verlangen eine höhere Risikoprämie für besagte Staatsanleihen. Sie befürchten, dass die weit offenen Geldschleusen der Notenbanken und die Defizitpolitik der öffentlichen Hand – beides in der Absicht, den konjunkturellen Absturz zu vermeiden – früher oder später in einen inflationären «Overkill» münden. Das mag überraschen, liegt doch die derzeitige Inflationsrate in etlichen Ländern bei null Prozent oder darunter. Die Inflationserwartungen der Marktakteure können aber rasch steigen, vor allem wenn sich die Anzeichen für eine allmähliche Stabilisierung der Weltkonjunktur mehren.

Darauf zielte wohl auch die Einlassung von Merkel ab, die offenkundig als Sprachrohr der Bundesbank diente. Was die deutschen Währungshüter – und manche Investoren – nervös macht, ist der Umstand, dass die mit der ganz grossen Kelle hantierenden Notenbanken in Washington und London bisher nicht erkennen liessen, wie sie zum Zeitpunkt X aus ihrer unkonventionellen Geldpolitik aussteigen wollen. Vielmehr bekräftigte die Bank of England ihr Vorhaben, Staats- und Unternehmensanleihen im Wert von 125 Milliarden Pfund (knapp 220 Milliarden Franken) zu kaufen, obwohl auch britische Konjunkturindikatoren auf ein absehbares Ende der wirtschaftlichen Talfahrt hindeuten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2009, 22:27 Uhr

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8 Kommentare

Ronnie König

05.06.2009, 12:51 Uhr
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@Nadine Binsberger: Genau! Und sollten wir tatsächlich mal einen Kredit benötigen, spielen wir Euromillions. Antworten


Nadine Binsberger

05.06.2009, 12:32 Uhr
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Was interessiert uns der Finanzmarkt überhaupt noch? Wir wissen ja, dass er keine realen Werte schafft. Die Sonne scheint, das Gras wächst, das Wasser fliesst, die Kuh weidet, etc. auch ohne Finanzmarkt. Alles was wir brauchen, erschaffen wir uns mit Hirn, Herz und Hand: Nahrung, Kleidung, Behausung, Energie, Transport, Kommunikation, Pflege, Bildung, etc. liegen in unseren (sichtbaren) Händen! Antworten


Dieter Wundrak

05.06.2009, 12:04 Uhr
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Ich kann nur all den 5 Kommentatoren gratuliern. Es kommt selten vor, dass alle, die hier etwas geschrieben haben, es genau richtig sehen. Ich möchte aus Höflichkeit hier nichts mehr hinzufügen. Nur dies sagen: So sehe ich es auch. Und leider müssen wir damit leben, ob wir wollen oder nicht. Wie, das wird die Zukunft zeigen. Politiker wie auch Wirtschaftsvertreten wissen es nämlich auch nicht. Antworten


Renato Tosoni

05.06.2009, 10:56 Uhr
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Es wird wohl das grösste finanzielle Experiment aller Zeiten werden und keiner weiss genau wo es enden wird. Fakt ist. Diese Krise wurde durch eine gigantische Überschuldung ausgelöst und nun versuchen die Zentralbanken dieses Problem zu lösen, indem noch viel mehr Schulden aufgehäuft werden. Wenn das nicht gelingt, dann steht die Welt wohl vor einen realen Scherbenhaufen. (Wertlosen Geldhaufen) Antworten


Markus Meier

05.06.2009, 10:01 Uhr
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Die Überflutung der Märkte mit neu "gedrucktem" Geld, wie in den USA, GB und der Schweiz praktiziert, wird eine massive Geldentwertung und eine Flucht in Sachwerte zur Folge haben. Staatsanleihen, auch wenn der Zins noch so hoch sein wird, sind nur nominal sicher. Real werden sie, im besten Fall, keine Rendite abwerfen. Im schlimmsten Fall sind sie bei der Rückzahlung wertlos. Antworten


Marc Dimanch

05.06.2009, 09:53 Uhr
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Wir müssen uns darauf einstellen, dass die riesigen Schuldenberge nicht zurück bezahlt werden!Wie auch? Es wäre von Vorteil, wenn wir unsere GOLDLAGER in den USA zurück holen, dann wären wir weniger er(noten)pressbar! Papiergeld entwertet sich von selber,bis zum Heizwert... Mich schaudert, wenn ich unsere demographische Entwicklung anschaue&bedenke, wohin unser Erspartes endet.... Antworten


andreas Zimmermann

05.06.2009, 08:13 Uhr
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Die langfristigen (realen) Zinsen können die Zentralbanken grundsätzlich nicht kontrollieren, die Zinsstruktur von der Zentralbank nur am kurzen Ende beeinflusst werden kann, weil (1) die Inflationserwartungen im mittel der tatsächlichen Inflation entsprechen (2) eine unstete Geldpolitik die Zinsen nicht systematisch lenken kann. Antworten


Oliver Schmid

04.06.2009, 22:56 Uhr
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Ein weiteres Problem: Heute kaufen die Hedgefunds und andere Spekulanten schon wieder im grossen Stil Rohstoffe. Vor allem der gestiegene Oelpreis zeigt das gut; die Preise sind stark gestiegen obwohl die Lager voll sind (USA 15 Jahreshoch). Dadurch werden sie automatisch die Inflation beschleunigen obwohl in der Realwirtschaft noch gar kein Wachstum stattfindet. So werden die Zinsen weiter steige Antworten




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