Wirtschaft
Neue Bankenkrise oder neue Spekulationsblase?
Von Robert Mayer. Aktualisiert am 06.11.2009 15 Kommentare
Wie die Notenbanken Goldman Sachs «vergolden»
Welche ausserordentlichen Gewinnchancen sich für die Geschäftsbanken dadurch eröffnen, dass die Notenbanken die Märkte mit Liquidität überschwemmen, zeigt Goldman Sachs exemplarisch. Die US-Bank musste im Handelsgeschäft nur an einem einzigen Tag im dritten Quartal einen Verlust verbuchen. Ansonsten resultierte stets ein Gewinn, der an 36 von insgesamt 65 Tagen im Quartal gar die 100-Millionen-Dollar-Marke übertraf. Im zweiten Quartal war Goldmans Bilanz nicht minder beeindruckend: Gerade mal zwei Tage endeten mit einem Verlustsaldo, dafür erzielten die Händler an 46 Tagen einen Gewinn von über 100 Millionen Dollar. Die geringere Anzahl Tage mit einem dreistelligen Gewinn im dritten Quartal führte Goldman Sachs auf die selbst auferlegte Beschränkung auf weniger risikoträchtige Transaktionen zurück.
Alle haben sie «mitgespielt», die grossen Notenbanken, die unter ganz besonderer Beobachtung der Märkte stehen. Sowohl die amerikanische Federal Reserve als auch die Europäische Zentralbank und die Bank of England halten an ihrer extrem lockeren Geldpolitik fest. Der Chef von Letzterer, Mervyn King, will gar zusätzliches Geld in den Markt pumpen, teilte er gestern mit. Zu diesem Zweck weitet die Bank of England ihr Programm zum Aufkauf von Wertpapieren um weitere 25 Milliarden auf 200 Milliarden Pfund aus.
Hinzu kommt: Ein Kurswechsel ist gemäss Aussagen der drei genannten Notenbanken in den nächsten Monaten nicht absehbar. Der mit Spannung erwartete Sitzungsreigen der Währungshüter endete damit so, wie es sich die Finanzmarktakteure erhofft haben.
«Für längere Zeit»
Weiterhin ergiesst sich also eine gewaltige Liquiditätsflut über das Finanzsystem, und sie dient den Börsenhändlern gleichsam als Treibstoff für höchst gewinnträchtige Wetten. Weiterhin ist es für Investoren einträglich, sich zu Minimalzinsen in Dollar zu verschulden und die Mittel in Staatsanleihen mit höher verzinsten Währungen oder in risikoreichere Anlagen wie Aktien, Firmenanleihen, Rohstoffe und Emerging-Markets-Papiere zu investieren. In diesem wohligen Klima konnte auch die jüngste Hausse auf den Finanzmärkten rund um den Globus prächtig gedeihen. Ob Zufall oder nicht: Der Höhenflug begann im März - just als die US-Notenbank erstmals erklärte, sie werde den Leitzins «für längere Zeit» auf einem ausserordentlich tiefen Niveau halten. Dieser Zielsatz liegt derzeit zwischen 0 und 0,25 Prozent.
Besagte Formulierung hat die Federal Reserve seither nach jeder geldpolitischen Lagebeurteilung bekräftigt, zuletzt am vergangenen Mittwoch. Marktbeobachter in den USA deuten den Terminus «für längere Zeit» als eine Periode von mindestens sechs Monaten.
Verunsicherte Märkte
Das unerwartet starke Wachstum der Wirtschaft der USA im dritten Quartal von aufs Jahr hochgerechnet 3,5 Prozent sowie Besserungsanzeichen in der US-Industrie haben die Märkte jedoch verunsichert. Vor etwa zwei Wochen hat der Wind dort gedreht, der Risikoappetit der Investoren nachgelassen. Während die Kurse auf breiter Front und in den Schwellenländern überproportional stark einknickten, konnte sich der Dollar etwas erholen. Offenbar greift die Furcht um sich, dass die westlichen Notenbanken angesichts der konjunkturellen Wiederbelebung früher als erwartet beginnen müssen, die grosszügige Geldversorgung einzudämmen.
Zwar haben die gestrigen und vorgestrigen Äusserungen der britischen, europäischen und amerikanische Notenbank diesen Verdacht, wie gesagt, nicht bestätigt. Dennoch erwarten Beobachter, dass die Währungshüter ihr Publikum in den nächsten Wochen und Monaten auf eine allmähliche Kursänderung in der Geldpolitik vorbereiten werden. Dabei geht es nicht um die Leitzinsen - diese dürften nach Einschätzung der meisten Experten bis in die zweite Jahreshälfte 2010 auf ihren Rekordtiefständen verharren. In den USA bleibt es bei den 0 bis 0,25 Prozent, in Grossbritannien bei 0,5 Prozent und im Euro-Raum bei 1 Prozent.
Liquidität in unbeschränkter Höhe
Hingegen werden die Notenbanken darlegen müssen, wie sie ihre unkonventionellen Massnahmen zur Ausweitung der Geldmenge zurückfahren wollen. Während die Federal Reserve bislang verschiedene Wertpapierklassen im Umfang von mehreren Hundert Milliarden Dollar am Markt aufgekauft hat, konzentrierte sich die Europäische Zentralbank darauf, den Banken Liquidität in unbeschränkter Höhe mit einer Laufzeit von bis zu einem Jahr zum geltenden Leitzins zur Verfügung zu stellen.
Diese Schalthebel umzulegen, erfordert von den Notenbanken ein gewisses Fingerspitzengefühl. Gehen sie zu forsch vor, riskieren sie nicht nur einen konjunkturellen Rückschlag. Auch könnte eine Reihe von Bankhäusern in Turbulenzen geraten, die immer noch mit der Sanierung ihrer Bilanz beschäftigt sind und/oder womöglich vor weiteren Wertberichtigungen und Kreditausfällen stehen. Ein heftiger Einbruch der Aktienmärkte wäre wohl unvermeidlich.
Balanceakt auf schmalem Grat
Nicht minder gefährlich ist der umgekehrte Fall, dass die Währungshüter zu vorsichtig agieren und die exzessive Liquidität eine neuerliche Spekulationsblase auf den Finanzmärkten entstehen lässt. Experten beschleicht vorab mit Blick auf den Anleihenmarkt ein zunehmend mulmiges Gefühl.
Sicher ist nur eines: Auf die Notenbanker wartet im kommenden Jahr ein Balanceakt auf äusserst schmalem Grat. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.11.2009, 10:20 Uhr
WRITE A COMMENT
15 Kommentare
Die Geldmenge M3 (und damit der volkswirtschaftlich relevante Wert für die Liquidität) ist im Euro-Raum nicht aussergewöhnlich gestiegen. Was im Artikel behauptet wird ist zum Teil nachweislich falsch. Sollte (was unsinnig ist) nur M1 gemeint sein, so resultiert deren Anstieg aus einer Umschichtung von Termin- hin zu Sichteinlagen, was nicht verwundert und mit der Liquidität wenig zu tun hat. Antworten
WACHSTUM kann nur durch SCHULDEN erreicht werden. Ergo MUSS die Verschuldung ausgeweitet werden. Erfolgreich ist, wer sich einen Teil dieser "Neuverschuldung" als Gewinn ins eigene Säckchen legen konnte. Was mit den Schuldner passiert, ist ja "egal"- denn wenn die Banken&Kapitalgeber? "kein" Geld mehr haben, kommt die Allgemeinheit dafür auf. Das ist KAPITALISMUS...,also->wen störts? Antworten
Genau vorhersagen, dass kann niemand! Allerdings ist klar, dass die Rechnung für das (zu)viele virtuelle Papiergeld noch kommt, dass nicht mal die Realwirtschaft erhält. Logisch der hohe Goldpreis, da man Edelmetalle im Gegensatz zu Papiergeld nicht beliebig drucken kann! Sind die Länder fähig sich untereinander zu verständigen und das Geld koordiniert wieder einzusammeln? Antworten
Der redlich arbeitende Bürger ist zur permanenten Geldanzapfsäule für Banken, Versicherungen, Staat, Telekommunikation, Mobilität usw. geworden - ich sage Rückfall in die Anfänge der Industrialisierung hoch 100. Er wird alles bezahlen müssen und merkt es nicht mal. Antworten
Ausser Entlassungen und Lohnkürzungen seh ich bei den Arbeitenden weit und breit keinen Aufschwung. Wir sind nur noch "kleine Leute" (auch eine rassistische Bezeichnung!) und haben zu gehorchen, wenn die "Grossen" ihre Misswirtschaft korrigieren (für sich selber). Gebt denen auch noch euer letztes Erspartes. Avenir Suisse und andere praxisfremde Bürotheoretiker werden euch dankend abschreiben. Antworten
Bei all diesen moeglichen oder unmoeglichen Wirtschafts-Szenarien bleibt einem doch schlicht der Appetit weg. Weiss eigentlich irgend jemand wann genau welches Szenarium eintrifft? Leute, genaue Vorhersagen sind gefragt, kanns einer wird er oder sie moeglicherweise als Guru in Stein gemeisselt! Yourgos, Cañas, Panama Antworten
Der ganze Finanzsektor ist zu vergleichen mit einem Bauer der ein Jahr eine riesige Ernte einfährt und für das kommende Jahr nicht mehr ansät. Jemand muss die Gewinne erarbeiten, die da abgeschöpft werden. Da der Finanzsektor kein Wertschöpfer sondern ein Wertabschöpfer ist, ist der Aufschwung nicht nachhaltig. Sinnvoller wäre gewesen, mindestens 50% des Geldes in die Infrastruktur zu investieren. Antworten
Wer hat da noch den Überblick. Die Politik, die Wirtschaft, wir als Bürger, die internationalen Organisationen. Sagen Sie es mir. Im Moment hat es den Anschein, dass die linke Hand nicht weiss, was die rechte Hand gerade tut. Oder sehe ich es falsch? Nur eines ist geblieben, einzelne Top Manager verdienen so gut wie früher. Mit dem Motto: Der Markt wird es schon richten, der Markt hat immer Recht. Antworten
Für die Gelddrucker (Zentralbanker und Politiker) heisst es nun: "Ach die Geister die ich rief ... " Sie haben nun für die aufkommende 2.Krisenphase keinen Spielraum mehr für Zinssenkungen und zusätzlicher Staats-Verschuldung. Bei den Optionen Blase oder Depression haben sie immer Blase gewählt. Sie werden wohl bis zur Hyperinflation weiterfluten. Got Gold? Antworten
Die gesamte Finanzmarkpolitik hat für mich nichts reales mehr und ist höchst unmoralisch. Einige wenige werden sich eine goldene Nase verdienen. Aber das grosse Erwachen wird kommen und die Leidtragenden wird einmal mehr die abreitende Bevölkerung sein. Wann wachen wir endlich auf und wehren uns gegen ide allmächtigen Banken??? Antworten
Es ist offensichtlich wer seit März von der Nullzins-Politik profitiert: Investmentbanken, Hedgefunds, Finanzspekulanten etc. aber sicher nicht der Bürger von der Strasse. Leider hatte niemand den Mut den Banken Bedingungen zu auferlegen, wofür sie die 0-Zins Kredite verwenden dürfen. Also wird weiterspekuliert wie früher, mit den gleichen Risiken wie früher. Schade, nix gelernt. Antworten
Wirtschaft
Emil Frey AG Autocenter Bern
Geniessen sie die Strasse mit dem neuen Subaru XV. Nur im Emil Frey Autocenter Bern.







jakob peier
Es gibt nur eine Lösung: Verstaatlichung der Banken Weltweit. FED = 4 Staatsvertreter gegen 5 Privatiers ?? Alles klar ?? Antworten