Wirtschaft
Nach dem Studium arbeiten sie gratis
Von Henrik Bork, Peking. Aktualisiert am 23.12.2008
Der neue Trend in China ist, umsonst zu arbeiten. Immer mehr Akademiker, frisch von der Uni, müssen das erste Jahr lang auf ihren Lohn verzichten. Li Xu, 25, Ingenieur, ist einer von vielen. «Was bleibt uns anderes übrig», fragt er. «Ein Jahr umsonst arbeiten ist immer noch besser, als überhaupt keinen Job zu finden.» Er hat Wasserbau in Zhengzhou studiert. Fünf von 30 Absolventen seiner Klasse haben Arbeit gefunden. «Die Firmen haben die grosse Auswahl. Beim Einstellungsgespräch verlangen sie, dass man während der Probezeit umsonst arbeitet», sagt Li. Manchmal dauert die Probezeit drei Monate. Oft aber wird ein Jahr lang nicht bezahlt.
Das Gedränge an Chinas Stellenbörsen wird immer grösser. Bis zu 150'000 Studenten kämpfen bisweilen vor den Ständen der wenigen Firmen, die derzeit neu einstellen, so etwa kürzlich in Shenzhen. Ein Viertel der sechs Millionen Studienabsolventen in China, die 2009 auf den Arbeitsmarkt drängen, wird möglicherweise keinen Job finden, heisst es in einer Studie der chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Immer mehr Berufseinsteiger können es sich schlicht nicht leisten, auch noch nach Lohn zu fragen.
Die Hälfte ist dazu bereit
«Für Studenten ist es ein wachsender Trend in China, bei der Einstellung Nullbezahlung zu akzeptieren, um überhaupt eine Anstellung zu finden», schreibt die «Chengdu-Abendzeitung». Als die Südwest-Minderheitenuniversität in Sichuan eine Jobbörse veranstaltete, war dies für viele Absolventen die einzige brauchbare Strategie. Bei acht Firmen, für die er gerne arbeiten wollte, habe er bei der Bewerbung auf den Lohn in der Probezeit verzichtet, berichtete ein junger Mann namens Lu. «Die Hälfte der Studenten meines Jahrgangs ist bereit, umsonst zu arbeiten.»
Das Schicksal der Arbeitslosigkeit trifft in China aber nicht nur Akademiker. Während die internationale Wirtschaftskrise die vom Export abhängige chinesische Wirtschaft stark beutelt, ist die städtische Arbeitslosigkeit gemäss der Akademie der Sozialwissenschaften bereits auf 9,4 Prozent gestiegen, das doppelte der offiziellen Zahl. Chinas kommunistische Führung fürchtet daher nun Unruhen an den Universitäten, von denen zuletzt 1989 der Funke des Protests auf den Rest der Bevölkerung übergesprungen war.
Regime befürchtet Unruhen wie 1989
Premier Wen Jiabao hat daher am Wochenende überraschend eine Universität in Peking besucht. «Studenten, seid beruhigt, für uns hat das Problem der Anstellung von Akademikern Priorität», sagte Wen vor jungen Zuhörern in der Universität für Flug- und Weltraumtechnik. «Eure Schwierigkeiten sind meine Schwierigkeiten, und wenn ihr besorgt seid, dann bin ich noch mehr besorgt», fügte er hinzu.
Eine andere Gruppe von Chinesen, die besonders stark von Entlassungen betroffen ist, macht bereits mit lautstarken, oft gewalttätigen Demonstrationen auf Bahnhofsvorplätzen in vielen Städten auf sich aufmerksam. Wanderarbeiter, von den Manufakturen in Guangdong und anderen Küstenprovinzen zu Millionen entlassen, sind oft monatelang nicht bezahlt worden, bevor sich ihre Arbeitgeber aus China, Südkorea, Hongkong oder Taiwan mit den letzten Geldschatullen aus dem Staub machen. Das Letzte, was Chinas Führung jetzt noch gebrauchen könnte, wären Protestmärsche wütender Studenten. Wen Jiabao warb daher vor den Studenten um «Geduld» für die Konjunkturmassnahmen seiner Regierung.
Im Internet rumort es
Im Internet aber, dem wichtigsten Kommunikationsmedium chinesischer Studenten, rumort es. «Ich habe vor einem Jahr meinen Abschluss gemacht und einen unbezahlten Job während der Probezeit akzeptiert. Ich dachte, es sei eine Chance. Doch jetzt ist ein Jahr um, und ich habe immer noch kein Geld gesehen», schreibt ein junger Akademiker namens Zhou auf dem Onlineportal der «Chinesischen Jugendzeitung». Besonders empört sind viele Chinesen über eine Nachricht, dass sich kürzlich in Guangzhou mehr als 1300 Universitätsabsolventen auf 35 freie Stellen als Metzger beworben haben. «Unglaublich. Warum soll man da noch studieren?», kommentierte ein Student im Internet. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 23.12.2008, 06:46 Uhr
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