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«Mit bemerkenswert wenigen Ausnahmen...»

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 31.03.2011 65 Kommentare

Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise zeigten Banker und Regulatoren Reue und gelobten Besserung. Davon ist heute nicht mehr viel zu spüren. Das jüngste Beispiel dazu liefert ausgerechnet Alan Greenspan.

Die Erschütterung ist auch von ihm gewichen: Der Ex-Chef der US-Notenbank, «Maestro» Alan Greenspan, wettert wieder gegen Regulierungen und verharmlost die Finanzkrise.

Die Erschütterung ist auch von ihm gewichen: Der Ex-Chef der US-Notenbank, «Maestro» Alan Greenspan, wettert wieder gegen Regulierungen und verharmlost die Finanzkrise.
Bild: Keystone

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Bis zur Krise hatte keine einzige Person auf den Finanzmärkte einen höheren Status und ein höheres Ansehen als er: Alan Greenspan. Der Chef der US-Notenbank Federal Reserve von 1987 bis 2006 wurde ehrfürchtig «Maestro» genannt. Mit seinen meist orakelhaft vorgetragenen Ansichten konnte er wie kein Zweiter die Märkte bewegen. Und er hielt diese Märkte für so robust, dass er sich gegen sämtliche Regulierungsbestrebungen wandte.

Alle Warnsignale, die vor allem in den Jahren unmittelbar vor der Krise immer deutlicher wurden, hat er in den Wind geschlagen. Wenn man eine Person ausmachen will, die mehr als alle anderen mit ihrem Verhalten für die Finanzkrise verantwortlich war, dann hätte Greenspan grosse Chancen, diesen Wettbewerb zu gewinnen.

Die alten Dogmen erwachen wieder

Dann, auf dem Höhepunkt der Krise im Herbst 2008, schien er geläutert. Als er im US-Kongress gefragt wurde, ob ihn seine Ideologie dazu gebracht habe, Entscheidungen zu treffen, die er jetzt bereue, antwortete Greenspan: «Ja, ich habe einen Fehler gefunden. Ich weiss nicht, wie wichtig oder beständig er ist. Aber ich bin darüber sehr erschüttert.» Das konnte man als ein Zeichen auffassen, dass sich nun in der Finanzbranche wirklich alles ändern würde. Mittlerweile sieht es nicht mehr danach aus.

Die Erschütterung ist gewichen, bei Alan Greenspan genauso wie bei Spitzenmanagern internationaler Grossbanken. Gemessen an dem, was Greenspan in einem Kommentar in der «Financial Times» von gestern schreibt, hat er wieder ganz zu seinen alten Überzeugungen zurückgefunden. Sein grösstes Anliegen ist jetzt, die Vorschläge zur besseren Kontrolle der US-Finanzindustrie zu bekämpfen, die unter dem Namen Dodd-Frank-Gesetz laufen – benannt nach den Parlamentariern, die das Gesetz durch die beiden Häuser des US-Parlaments gepeitscht haben.

Richtige Kritik, falsche Konsequenz

Einige Argumente Greenspans sind schlecht von der Hand zu weisen. So schreibt er, dass das umfangreiche und komplexe Gesetz zu Widersprüchen und nicht beabsichtigten Konsequenzen im Finanzsektor führen könne – etwa weil die Banken auf andere Länder ausweichen könnten. Aus diesem Grund wird das Gesetz auch von Befürwortern einer griffigen Regulierung kritisiert. Sie weisen auf den starken Einfluss der US-Bankenlobby bei seiner Ausgestaltung hin und auf die Unglaubwürdigkeit der zur Durchsetzung vorgesehenen Regulierungsbehörden, die mit der Branche eng verbandelt ist. Die Konsequenz für diese Kritiker wäre die Eliminierung des Hauptproblems: der überragenden Macht der Grossbanken, die man wegen ihrer volkswirtschaftlichen Bedeutung immer wieder retten muss. Ein wirksamer Schritt dazu wäre die Aufspaltung dieser Banken.

Greenspans Anliegen ist das Gegenteil: Er will, dass der Staat erneut die Finger von der Branche lässt – obwohl die Geschichte ein klares Verdikt dazu bereithält. Denn kaum hatte man in den 1980er- und 90er-Jahren – und damit vor allem in der Ära Greenspans – die nach der Grossen Depression eingeführten strengen Regulierungen der Finanzbranche aufgehoben, häuften sich Finanzskandale und -krisen.

Unfreiwillige Ironie

Doch Krisen kann man verharmlosen, wie Greenspan es tut. Besondere Beachtung bei international renommierten Wirtschaftsblogs hat in diesem Zusammenhang die folgende Aussage des einstigen «Maestro» erregt: Mit Verweis auf den berühmten Vergleich von Adam Smith aus dem 18. Jahrhundert, wonach Märkte wie durch eine «unsichtbare Hand» gelenkt, optimale Ergebnisse hervorbringen, schrieb Greenspan in Bezug auf die Finanzmärkte: «Mit bemerkenswert wenigen Ausnahmen – wie zum Beispiel 2008 – hat die globale ‹unsichtbare Hand› relativ stabile Wechselkurse, Zinssätze, Preise und Löhne hervorgebracht.»

Der Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman hat auf seinem Blog zu dieser Aussage festgehalten: «Ich war ganz nahe daran, sprachlos zu sein angesichts dieses offen zur Schau gestellten Mangels an Selbsterkenntnis.» Auf den Blogs Crooked Timber des Politologen Henry Farrell und Alphaville der «Financial Times» wurden die Kommentarschreiber sogar dazu aufgerufen, gleich selber Beispiele zu liefern, was alles prächtig wäre, wenn man doch nur von den lästigen «bemerkenswert wenigen Ausnahmen» absehen würde. Farrell hat gleich selber ein eingängiges Beispiel geliefert: So gesehen sei auch russisches Roulette «mit einer bemerkenswerten Ausnahme» ein lustiges, sicheres Spiel für die ganze Familie. Die Leser beider Blogs haben den Ball dankbar aufgenommen und zusammen rund 300 ironische eigene Beispiele geliefert (siehe Links). (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 31.03.2011, 14:53 Uhr

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65 Kommentare

Reto Bucher

31.03.2011, 15:10 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Wenn gewisse Leute gewissen Klisches gerecht werden, müssen sie sich nicht wundern, als das taxiert zu werden, was sie sind. In diesem Fall wieder mal Ruinierer. Ins Röhrchen gucken dabei wir. Im Würgegriff der Lobbies werden wir beschwichtigt, belogen, bekniet und gleichzeitig furchtbar geschlaucht. Antworten


Jens Kummerer

31.03.2011, 16:25 Uhr
Melden 11 Empfehlung

Die Republikaner hebeln Obamas Finanzreform jetzt gerade wieder aus und bringen es zur Zeit Stück für Stück zu Fall. Die Wall-Street-Banker reiben sich die Hände und machen wieder Riesenprofite. Die Amis sind lernunfähig und skrupellos, es hat sich nichts geändert. In Europa sorgten wenigstens einige wenige Regulierungen für Verbesserungen - aber die Amis sind schon wieder an der nächsten Blase... Antworten



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