Mehr Ferien gibt es nicht zum Nulltarif
Von David Vonplon. Aktualisiert am 15.03.2011 16 Kommentare
Stichworte
Korrektur-Hinweis
Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.
Arbeit macht immer häufiger krank. 60 Prozent der Beschäftigten klagen mittlerweile über Stress. Abhilfe schaffen will dem die Gewerkschaft Travail Suisse mit der Volksinitiative «Sechs Wochen Ferien für alle». Am Donnerstag wird die Vorlage im Nationalrat behandelt, nächstes Jahr kommt sie voraussichtlich vors Volk. So verlockend die Vorstellung von mehr Ferien ist – wie teuer kommt es die Volkswirtschaft zu stehen, wenn sich Schweizerinnen und Schweizer sechs Wochen lang von den Strapazen der Arbeit erholen dürfen?
Laut Angaben des Bundesrats erhöht eine Woche mehr Ferien die Lohnkosten um zwei Prozent. Geht man davon aus, dass die Ferien um eine Woche erhöht werden – der durchschnittliche Ferienanspruch in der Schweiz liegt heute bei fünf Wochen –, betragen die volkswirtschaftlichen Kosten der Initiative damit rund 6,6 Milliarden Franken. Ihnen stehen 10 Milliarden Franken Kosten gegenüber, die laut einer Studie des Bundes durch Krankheitsausfälle, Invalidität und Fluktuation entstehen, die auf Stress am Arbeitsplatz zurückzuführen sind. Mit ausgeruhteren Mitarbeitern sei die zusätzliche Ferienwoche eine lohnende Investition, argumentieren deshalb die Gewerkschafter.
Mehr Ferien, weniger Stress?
Bereits heute bieten zahlreiche Firmen älteren Mitarbeitern oder Kadern sechs Wochen Ferien. Bei ABB Schweiz erhalten die Angestellten fünf Wochen Ferien, hinzu kommen aber zwischen fünf und zehn freie Tage über die Festtage. «Wir glauben, dass dies die Regeneration der Mitarbeiter fördert», sagt Lukas Inderfurth, Sprecher des Industriekonzerns. Die Frage sei allerdings stets, ob die Mitarbeiter die Ferien auch wirklich einziehen würden.
Laut Dieter Kissling, Chef des Instituts für Arbeitsmedizin in Baden, tun sich damit gerade jene Mitarbeiter schwer, die besonders gefährdet sind, eine stressbedingte Krankheit zu erleiden: «Sie arbeiten auch in den Ferien zu Hause weiter oder sind nicht in der Lage abzuschalten.» Kissling sieht in der zusätzlichen Ferienwoche trotzdem einen medizinischen Nutzen. Gerade bei Jobs mit zeitlich und emotional hoher Belastung sei dies sinnvoll, da es möglich sei, einmal im Jahr drei Wochen Ferien am Stück zu beziehen. «So viel Zeit braucht es, um abzuschalten und die Batterien aufzuladen.» Stressfolgekrankheiten wie Depressionen, Erschöpfung und Schlaflosigkeit sowie körperliche Schmerzerkrankungen würden so zurückgehen. Laut Kissling jedoch spricht gegen die Volksinitiative, dass sich KMU die zusätzlichen Ferienwochen kaum leisten könnten.
«Erwiesen ist, dass wir Entlastung bei der Arbeit brauchen»
Für Arbeitspsychologe Theo Wehner, Professor an der ETH Zürich, bedeuten mehr Ferien nicht zwangsläufig weniger Stress. Entscheidend sei, ob die zusätzlichen Ferienwochen zu einer weiteren Verdichtung der Arbeit führten oder vielmehr durch Neueinstellungen ausgeglichen würden. «Wir haben wenig gewonnen, wenn wir mit mehr Ferien nur die Selbstausbeutung der Arbeitskräfte steigern», so Wehner.
Darauf deuten Erfahrungen aus der Vergangenheit hin: Es gibt keine verlässlichen Daten, die zeigen, dass die Einführung des Obligatoriums von vier Wochen Ferien im Jahr 1984 dazu führte, dass die Firmen neues Personal eingestellt hätten. Die Folge: Die Belastung für die Berufstätigen wurde nicht kleiner, sondern grösser. Wehner kritisiert auch, es sei nicht belegt, dass allein mehr Ferien einen medizinischen Nutzen für Berufstätige bringen würden. «Erwiesen ist nur, dass wir mehr Entlastung bei der Arbeit brauchen.» Dazu sei aber eine Grundsatzdiskussion nötig, wie sich Arbeit mit dem Familien-, Vereins- und Privatleben vereinen liesse.
Senkung des Lohnniveaus
Yngve Abrahamsen von der Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) ist skeptisch, dass zusätzliche Ferien die Arbeitsproduktivität heben: «Es ist unwahrscheinlich, dass die Beschäftigten aufgrund der zusätzlichen Ferienwoche spürbar mehr Elan zeigen.» Natürlich sei die Regeneration für die Beschäftigten wichtig: «Effektiver wäre aber eine Verkürzung der wöchentlichen Arbeitszeit.» Die Arbeitnehmer erhielten den erhöhten Ferienanspruch nicht zum Nulltarif: Zwar seien keine unmittelbaren Lohnkürzungen zu befürchten. «Aber ihre Position bei den Lohnverhandlungen würde geschwächt, da die Ertragslage der Unternehmen verschlechtert wird», so Abrahamsen. Langfristig drohe gar ein Absinken des Lohnniveaus.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.03.2011, 12:03 Uhr
Kommentar schreiben
Verbleibende Anzahl Zeichen:
16 Kommentare
Initiative „Sechs Wochen Ferien für alle“: Mehr Lebensqualität statt Konsum auf Kosten der Umwelt!
Auch wenn sechs Wochen Ferien für alle teilweise auf Kosten des Einkommens oder von Einkommenserhöhungen gehen sollten, wären sie ein Gewinn für die Lebensqualität und die Umwelt. Neben der Reduktion der Arbeitslast würden wegen des geringeren Konsums auch weniger Ressourcen verbraucht und damit die Umwelt weniger belastet. Alex Schneider, Küttigen
Antworten
2% Lohnkosten für ein Woche mehr Ferien? Wer hat bloss diese Rechnung gemacht? Die HSG oder die ETH Lausanne? Klar ist, dass es nicht gratis zu haben ist. Rechnen wir aber mal die ganzen unbezahlten Überstunden, die Subventionen, die Steuerentlastung von Unternehmen ab, dann sind wir bei ein Schnitt von ca. 0%. Aber da wir ja nicht mit Geschenken rechnen, ist 1/4 % real, mehr ist Science Fiction! Antworten
Wirtschaft
- 20:38Novartis-Präsident Vasella kritisiert die Einwanderungspolitik
- 16:29Swisscom-Chef: «Den Meisten sind Roaming-Gebühren egal»
- 13:17So günstig zum Eigenheim wie nie
- 26.05.2012Bund prüft Abschottung des Schweizer Kapitalmarkts
- 26.05.2012Das sind die demokratischsten Firmen der Schweiz
- 26.05.2012UBS verliert bis zu 30 Millionen Dollar bei Facebook-Börsengang
Remund führend in Werbetechnik
Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.
Live @ Sunset
11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!
Online-Wettbewerb
Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Bitte warten

