Lohnt sich die Schnäppchenjagd in Lörrach?
Von Mathias Born. Aktualisiert am 07.03.2011 90 Kommentare
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Die Expedition droht gleich am Anfang zu scheitern: Bis morgen Mittag sei alles erledigt, sagt der Fahrradmechaniker. Ich schlucke leer – und insistiere: Die Reparatur sollte, wie vereinbart, am Abend fertig sein. Dann müssten wir nach Hause. Und eine zweite Reise von Bern nach Lörrach sei zu umständlich. Der Mechaniker wirft einen sorgenvollen Blick ins Auftragsbuch. Dann sagt er: Wir sollten kurz vor Ladenschluss vorbeikommen. Ich atme auf.
Am Abend zuvor: «Weshalb Lörrach?», fragt die aus Deutschland stammende Arbeitskollegin. Es gebe schönere Städte. Zweifellos, entgegne ich. Aber das ausgewählte Velogeschäft befinde sich nun mal dort. Zudem sei der Grenzort von Bern aus einfach zu erreichen: Die Reise dauere per Zug eineinhalb bis zwei Stunden.
Der tiefe Euro lockt
Die Vorbehalte der Kollegin hallen noch nach, als wir uns auf den Spaziergang durch Lörrach machen. Doch sie werden rasch zerstreut: Das Zentrum besteht aus einer schönen Flaniermeile. Einkaufsläden und Restaurants gibts in der Stadt, die mit ihren 48000 Einwohnern irgendwo zwischen Thun und Biel einzuordnen ist, genügend, um einige Schnäppchen zu machen. Und genau darum geht es auf dieser Expedition.
Der Euro ist auf einem historischen Tiefststand. Die Kreditkartenfirma verlangt am Reisetag pro Euro 1.32 Franken – 35 Rappen weniger als Ende 2007, als die Währung vor Stärke strotzte.
Waren Arbeit und Waren bereits vor der Eurokrise in den umliegenden Ländern günstiger, so lässt sich jetzt ein rechter Batzen sparen. Das zumindest rechnen wir uns aus. Und andere offenbar auch: Im Fernsehen sind Bilder von überfüllten Einkaufszentren auf der Euroseite zu sehen, und leeren in der benachbarten Schweiz. Für die Schweizer, die nahe der Grenze leben, ist der Einkauf im Ausland längst normal. Doch ist er auch für uns «Innerschweizer» attraktiv?
Viele Produkte sind günstiger
Bald schon ist Zeit fürs Mittagessen. Im einfachen Restaurant mit Cachet kostet der Teller Teigwaren 6,90 Euro, also gut 9 Franken. Etwas später gönnen wir uns in einem anderen Lokal eine Tasse Kaffee. Kostenpunkt: 2,20 Euro (Fr. 2.90). Noch günstiger ist der (Filter-)Kaffee in der Crêperie, in der wir das Zvieri essen: Er kostet dort 1,50 Euro. Dafür leisten wir uns die teuerste Crêpe für 4 Euro. In der Schweiz kriegt man für 5.30 Franken wohl nicht einmal eine «Crêpe au sucre».
Die Schweiz ist noch immer eine Hochpreisinsel. Allerdings ist die Differenz nicht mehr so gross wie noch vor wenigen Jahren. Das zeigt eine Studie, die das Forschungsinstitut BAK Basel im Auftrag grosser Detailhändler durchgeführt hat: 2005 waren Produkte in der Schweiz 20 Prozent teurer als im Durchschnitt in den Nachbarländern Deutschland, Frankreich, Italien und Österreich. 2009 lag die Differenz bei 11 Prozent. Das hat Auswirkungen aufs Einkaufsverhalten, wie eine Studie von Coop zeigt: 2005 kauften Schweizer im Ausland Lebensmittel und Güter des täglichen Bedarfs im Wert von 2,1 Milliarden Franken. 2009 waren es noch 1,8 Milliarden. Allerdings: Den tiefen Euro sieht man erst in der nächsten Statistik – und damit wohl auch die Renaissance des Einkaufstourismus.
Aber klar: Die paar Rappen, die man an einem Tag mit günstigem Kaffee spart, schenken nicht ein. Nur wer dick einkauft, profitiert wirklich. Allerdings wird der Einkauf komplizierter: Was über den Freibetrag von 300 Franken hinausgeht, muss verzollt werden.
Das sei kein Problem, sagt die Möbelverkäuferin. Die Lieferung in die Schweiz sei im Preis schon inbegriffen. Die Kunden bräuchten sich auch nicht um die Zollformalitäten zu kümmern. Seit der Euro tief ist, kämen viele Schweizer vorbei. Ähnlich tönt es in einem zweiten Geschäft. Dort bietet die Verkäuferin zudem an, Möbel nach eigenen Wünschen fertigen zu lassen – «bei unserem polnischen Schreiner».
Sollen Möbelstücke aus einheimischem Holz wirklich durch halb Europa gekarrt werden, fragen wir uns draussen. Und nach und nach kommen weitere Zweifel an Schnäppchenexpeditionen wie der unsrigen: Ist es vertretbar, regelmässig so weit zu fahren, um einige Franken zu sparen? Die Bahnreise von Bern nach Lörrach schlägt laut dem Ökorechner der SBB pro Person mit 0,89 Kilogramm CO2 zu Buche; eine Autofahrt mit 20,2 Kilogramm. Und ist es fair, aus blossem Profitdenken im Ausland einzukaufen – wenn Teile des eigenen Lohns von Schweizer Unternehmern stammen? Aber: Es ist zweifellos ethisch, die tief in der Krise steckende europäische Wirtschaft zu stützen.
Ein Halbpreis-Haarschnitt
Schräg vis-à-vis dem Kulturzentrum bleiben wir vor einem Friseurgeschäft stehen. Hier brauche man sich nicht anzumelden, steht deutsch und deutlich an der Türe. Eine Minute später sitze ich auf dem Stuhl. Haare waschen, schneiden, trocknen – die Seconda erledigt dies mit deutscher Effizienz in bloss 20 Minuten. Kostenpunkt: 13,50 Euro oder rund 18 Franken. Zu Hause bezahlte ich das Doppelte.
Gegen Abend holen wir das Velo ab. 450 Euro kostet der grosse Service mitsamt der Komponenten und der Mehrwertsteuer von 72 Euro. Ausländer könnten diese zurückfordern, erklärt der Angestellte. Also ab zum zwei Kilometer entfernten Zoll. Ein Beamter stempelt das Formular ab. Ein Haus weiter: Die Beamtin der Eidgenössischen Zollverwaltung prüft die Unterlagen und kassiert die Schweizer Mehrwertsteuer ein: 39.45 Franken. «Vergisst» denn niemand, diese zu bezahlen? Das komme vor, sagt die Beamtin. Wer erwischt werde, müsse aber zusätzlich zur Steuer eine Busse in Höhe der doppelten Abgabe entrichten. Dass man erwischt wird, ist nicht unwahrscheinlich: «Der Schweizer und der deutsche Zoll arbeiten hier in der Region eng zusammen», sagt Markus Ückert vom Hauptzollamt Lörrach. «Es gibt durchaus die Möglichkeit, sich gegenseitig zu informieren, um Zollverstösse vermeiden beziehungsweise verfolgen zu können.»
Nun aber schnell zurück zum Fahrradgeschäft. Kurz vor Betriebsschluss erstattet der Verkäufer die deutsche Mehrwertsteuer zurück. Wenig später sitzen wir müde im Zug nach Bern. Die Beute des Tages: Ein im Verhältnis zur Schweiz günstigerer Veloservice, einige Pflegeartikel, ein Haarschnitt zum halben Schweizer Preis und ein Picknick für die Heimreise. Abzuziehen ist das Bahnbillett, das mit Halbtax gut 40 Franken kostet, sowie in unserem Fall die Tageskarte fürs Velo. Und doch hat sich der Ausflug gerechnet. Aber nur, wenn man Freude am Shopping in der Fremde hat und die investierte Zeit nicht rechnet. Schon gar nicht zu Schweizer Stundenansätzen. (Berner Zeitung)
Erstellt: 07.03.2011, 10:52 Uhr
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90 Kommentare
Mit der Mehrwertsteuer zurück ist der Kurs fast 1:1. Für die Anwohner im Grenzgebiet (BS, teilweise BL, SH, Bodensee) ist das Abstempeln des Zollformulars reine Routine und dauert meist nur 2 Minuten. Obwohl vieles nur die Hälfte kostet, rentiert eine Anreise aus Bern trotzdem nur bei entsprechender Planung. Aber wer z.B. zum Autohändler fährt für den spielt diese Frage mit Sicherheit keine Rolle. Antworten
immer wieder lustige, weit her geholte Stories. Natürlich ist Einkaufen im grenznahen Raum nur optimal für Leute die entlang der Grenze wohnen... aber dann rentiert es gewaltig. Geht man nämlich zu Zweit erhöht sich der Freibetrag auf 600 Fr. Und à propos Profit... die Grossverteiler und die die Schweizer Industrie machen es vor... sie kaufen vorzugsweise im billigeren Ausland ein. Antworten
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