Wirtschaft

  • Region
  • Schweiz
  • Ausland
  • Wirtschaft
  • Börse
  • Sport
  • Kultur
  • Panorama
  • Leben
  • Auto
  • Digital
  • Wissen
  • Forum

«Klugheit ist von der Politik nicht zu erwarten»

Interview: Bernhard Fischer. Aktualisiert am 22.06.2011 17 Kommentare

Bernerzeitung.ch/Newsnet hat Eurozonen-Analyst Stefan Bruckbauer zur Währungsstabilität befragt. Der Chefvolkswirt der Bank Austria hält ein Scheitern des Euro auch nach der Abstimmung in Griechenland weiterhin für möglich.

Nach den Griechen legt sich nun die spanische Bevölkerung gegen die Sparmassnahmen der Regierung quer: Demonstranten vor dem spanischen Parlament.

Nach den Griechen legt sich nun die spanische Bevölkerung gegen die Sparmassnahmen der Regierung quer: Demonstranten vor dem spanischen Parlament.
Bild: AFP

Artikel zum Thema

Stefan Bruckbauer ist Chefvolkswirt der Bank Austria/Unicredit, der grössten österrechischen Bank und Chefanalyst des Finanzinstituts für die Eurozone.

Stichworte

Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Hat sich der Nervenkitzel im griechischen Parlament ausgezahlt?
Die Zuspitzung der Dramaturgie, die sich die EU für Griechenland ausgedacht hat, führte dazu, dass Griechenland schneller gehandelt hat. Der Zeitplan sieht jetzt vor, dass die Griechen in Kabinett und Parlament die weiteren Massnahmen zur Sanierung des Staatshaushalts beschliessen.

Das Griechen-Bashing war also hilfreich?
Durch die Debatte in Deutschland wurde der Druck auf Griechenland erhöht, dass das Land augenscheinlich mehr tun soll. Davon wurde die nächste Finanzierungstranche abhängig gemacht. Aber das Drama ist, dass keiner so genau weiss, was jetzt von Brüssel aus zu tun ist, um das Geld für Griechenland europaweit einzusammeln. Das ist aber immer noch die bessere Lösung. Die Alternative wäre gewesen, dass Anleihen nicht mehr zeitgerecht bedient werden können und der Staat in die Pleite schlittert. Alles, was die EU in den vergangenen eineinhalb Jahren für Griechenland beschlossen hat, wäre wegen einiger Abgeordneter sinnlos geworden.

Was müssen die Griechen jetzt tun?
Sie müssen jene Gesetze beschliessen, die die Privatisierungen vorantreiben. Und das Sparpaket muss einigermassen sozial verträglich umgesetzt werden.

Ist das realistisch?
Es ist nicht möglich, dass ein Land in einer Situation wie jener Griechenlands in fünf Stunden oder fünf Monaten den hohen Schuldenberg von 20 Jahren bedient. Hinzu kommt die viel zu geringe Wettbewerbsfähigkeit.

Schäuble hatte die Idee, Griechenland solle künftig Solarstrom exportieren, um damit Geld zu verdienen.
In absehbarer Zeit ein Silicon Valley aus Griechenland machen zu wollen, ist gelinde gesagt mies. Da müssten zu viele Dinge optimal werden.

War ein Ausschluss Griechenlands aus der Eurozone nie eine Option?
Die EU hat keine Alternativen. Die Koordination der Rettung Griechenlands hat aber sehr schlecht funktioniert. Die Europäische Union und mit ihr die Eurozone hat alle Voraussetzungen, aber strukturell und politisch desaströse Schwächen. Obwohl die Verschuldung der Euroländer, vor allem im Vergleich zu den USA, überschaubar ist. Vor eineinhalb Jahren habe ich noch gesagt, die Wahrscheinlichkeit, dass Griechenland pleitegeht, ist nahezu null. Heutzutage liegen die Wahrscheinlichkeiten für eine Staatspleite oder den Zerfall der Eurozone im ein- bis zweistelligen Prozentbereich.

Ihr Rezept?
Erstens muss man Griechenland so behandeln, als ob das Land kein Problem für die Eurozone wäre. Die Solidarität muss gestärkt werden, das psychologische Signal ist wichtig für die Märkte. Erst dann ist die dritte Priorität, Griechenland finanziell aufzuhelfen. Und vor allem: Die Eurozone darf einfach nicht von so knappen politischen Abstimmungen abhängen.

Hat die EZB die Eurokrise verschlafen?
Ich kann die Kritik an der EZB nicht nachvollziehen. Die Europäische Zentralbank nimmt Rücksicht auf die gesamte Region und nicht auf einzelne Befindlichkeiten der Länder. Gelingt diese europäische Sicht nicht, scheitert das Euro-Projekt. In den nächsten Monaten zählt weniger, was der Boulevard sagt. Wie man dort liest, wiederholen sich die Slogans der 30er-Jahre. Das Gemeinschaftliche geht verloren und die Stimmungen dominieren. Die Menschen haben das Gefühl, Griechenland wäre ein Fass ohne Boden. Das stimmt aber nicht, das Land steht besser da als noch vor einem Jahr.

In den 30ern war Sparen für den Fiskus oberste Priorität. Macht die EU einen Fehler, das jetzt von Griechenland zu verlangen?
Die 30er waren in der Tat vom fiskalischen Spargedanken geprägt. Das wiederum führte zu Deflation, dann Arbeitslosigkeit und schliesslich dem Zweiten Weltkrieg. Dementsprechend werden die nächsten fünf bis zehn Jahre von einer deflationären Politik geprägt sein. Aber: Auch in den 30ern waren die Ökonomen keine Steinzeitmenschen, die damalige Fiskalpolitik würde ich sogar als durchaus progressiv bezeichnen.

Heute tagt der EZB-Rat. Was können wir erwarten?
Einige unangenehme Themen liegen auf dem Tisch: Das italienische Direktoriumsmitglied Bini Smaghi wurde vom italienischen Ministerpräsidenten Silvio Berlusconi zum Rücktritt aufgefordert. Das ist nicht klug, aber Klugheit ist derzeit offenbar von der Politik mit Blick auf die EZB ohnehin nicht zu erwarten.

Wie werden die Zinsschritte aussehen?
Die nächste Zinserhöhung ist mehr oder weniger vorbereitet. Die EZB hat es mit den Zinserhöhungen eilig, weil sie weiss, das Fenster dafür ist nicht besonders gross. Man braucht den Spielraum, um später die Zinsen auch wieder senken zu können. Das ist ein wichtiges Signal an die Märkte, besonders deshalb, weil in der zweiten Jahreshälfte die Konjunktur wieder abschmieren wird. Die EZB wird dieses Jahr sicher noch zwei Zinserhöhungen machen, auch eine dritte ist noch möglich. Die Zinserwartungen gehen deutlich nach oben. Das war übrigens in den 30ern das Problem, als die grassierende Inflation mit Gewalt runtergeschraubt wurde. Um heute die Zinserhöhungserwartung zu brechen, hat die EZB die Flucht nach vorne angetreten. Leider macht ausgerechnet Deutschland die EZB madig und zwingt die Zentralbank damit, umso aggressiver zu reagieren. Die Inflation kann die EZB aber nicht bekämpfen, die kommt vom Öl. Sondern nur die Erwartungshaltung in den Köpfen der Menschen.

Wird die Wahl des neuen EZB-Chefs Auswirkungen auf die Zinspolitik haben?
Im Herbst wird der Italiener Mario Draghi dem amtierenden Direktor Jean-Claude Trichet nachfolgen. Um Reputation zu gewinnen, wird er eher den Hardliner geben. Das heisst, im Zweifelsfall wird er die Zinsen noch rascher erhöhen.

Welche Auswirkungen hat das auf die Banken im Euroraum?
Hier gilt es zwei Faktoren zu berücksichtigen: Das Griechenland-Engagement war für das europäische Bankenwesen ausserhalb Griechenlands nie destabilisierend. Das Obligo der Banken gegenüber Griechenland war immer überschaubar. Die Frage ist vielmehr: Ist die politisch propagierte Solidarität auch echt, Länder nicht pleitegehen zu lassen? Denn wenn so hohe Preise für Anleihen möglich bleiben wie im Fall Griechenland, dann wird die Refinanzierung der Banken unmöglich. Banken decken sich zu einem wesentlichen Teil mit diesen Anleihen ein, um Finanzierungen und Geschäfte zu gewährleisten. Die Refinanzierungskosten für Anleihen spielen im Interbankengeschäft eine wichtige Rolle. Und die hohen Kosten gelten damit auch für Firmen, die die hohen Risikokosten mittragen müssen. Kleine und Mittelständische Betriebe in Ehren, aber die grossen Industrien bleiben die Speerspitze einer Volkswirtschaft. Und für diese grossen Unternehmen spielen die horrenden Refinanzierungskosten eine grosse Rolle. Derzeit kommt es nicht nur auf die Bonität einer Bank an, sondern auch darauf, in welchem Land sie sich befindet. Das darf in einer Eurozone nicht sein.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 22.06.2011, 13:49 Uhr

17

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

17 Kommentare

Peter Studer

22.06.2011, 12:08 Uhr
Melden 41 Empfehlung

Kann man Rauchen die Aussagen des Herrn Bruckbauern. Der Mann arbeitet für eine Bank und ist deshalb in seiner Meinung nicht neutral. Wohin es führt, wenn man auf die Banken hört, zeigt sich in den vergangenen Krisen. Auch am Griechenland Debakel ist "Goldie" Sachs nicht ganz unbeteiligt und freut sich über den guten Abschluss! Verantwortung funktioniert anders!! Antworten


Ursi Brock

22.06.2011, 12:42 Uhr
Melden 19 Empfehlung

Privatiserungen!? Wann blos hört man endlich mal auf damit, mit diesem Neoliberalen Gesellschaftsumbau der uns ja gerade erst in den Bankrott befördert hat mit seinen Deregulierungen, Selbstregulierungen??? Das sind die letzten noch verbleibenden Systeme, generell auch noch profitabel und gleichzeitig für die Bürger bezahlbar, die noch am Leben sind. Nun soll auch noch das verhöckert werden? Antworten



Wirtschaft

Populär auf Facebook Privatsphäre


Online-Wettbewerb

Jetzt mitmachen!: Gewinnen Sie einen Abend als Statist bei den Tellspielen Interlaken!

Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

FÜR IHRE FREIZEIT

Für Ausgehtipps in der Region, nutzen Sie einfach unsere Agenda.

Remund führend in Werbetechnik

Kein Wunsch zu aufwendig, kein Format zu gross - Remund Werbetechnik löst jede Aufgabe mit modernster Technik.