Wirtschaft
Jung, männlich, weiss – und betriebsblind
Von Rita Flubacher. Aktualisiert am 08.03.2010
Auf dem Papier ist der Fall klar: Frauen haben bezüglich der Belastbarkeit in der Wirtschafts- und Finanzkrise gegenüber ihren männlichen Kollegen die Nase vorn. Das schreibt das international tätige Beratungsunternehmen Accenture in seiner jüngsten Studie zum heutigen Weltfrauentag. Die Belastbarkeit ist laut Umfrage unter Entscheidungsträgern für zwei Drittel der Befragten zentrales Kriterium dafür, wen sie im Unternehmen halten wollen.
Frauen müssten begehrt sein
Auf dem Papier steht auch fest: Unternehmen verlieren im globalen Wettbewerb Marktanteile, wenn sie nicht schleunigst Abschied vom tradierten Muster im Topmanagement – männlich, weiss, jung – nehmen. Davor warnt das Strategieberatungsunternehmen Booz & Co. in der im letzten Herbst veröffentlichten Studie «Global War for Talent: Diversität ist der Schlüssel für Wettbewerbsfähigkeit». Die Konklusion daraus: Die Zukunft gehört den Frauen und den Nichtweissen.
Und dann gäbe es noch diverse andere Studien, die belegen, dass Unternehmen mit Frauen in Spitzenpositionen höhere Gewinne und nachhaltigere Erfolge erzielen.
So viel zum Papier – und nun zur Realität. «Die Decke, die wir durchstossen müssen, ist härter als Beton», fasst die Deutsche Monika Schulz-Strelow, Präsidentin des Vereins «Frauen in die Aufsichtsräte» die aktuelle Lage zusammen. Die passenden Zahlen dazu: 97 Prozent der von «Fortune» jährlich aufgelisteten 500 mächtigsten Konzernchefs entsprechen dem gängigen Klischee der weissen, männlichen Führungskraft aus dem Westen (Booz). Dito in der Schweiz: Bei keinem einzigen SMI-Unternehmen findet sich eine Frau an der Spitze, wie das Zürcher Beratungsunternehmen Guido Schilling & Partner AG in einer Studie für das Jahr 2009 schreibt. Der in Frankfurt tätige Personalberater Heiner Thorborg hat wenig schmeichelhafte Worte für solche Chefetagen: «Homogen männlich besetzte Topmanagement-Gruppen entwickeln oft einen Korpsgeist, der in weniger elitären Zirkeln Betriebsblindheit genannt wird.»
Zu wenig Förderung
Und so wird Diversität in Schweizer Unternehmen gelebt: Ausländische Manager ziehen an den Frauen vorbei in die helvetischen Topetagen. Der Anteil der Frauen hat sich von 2008 auf 2009 um einen klitzekleinen Prozentpunkt auf 5 Prozent erhöht. Der Anteil der ausländischen Männer verbesserte sich hingegen im gleichen Zeitraum von 42 auf 45 Prozent, so die Schilling-Studie.
Tut sich wirklich nichts? Die positive Antwort: Ein Fünftel der von Accenture in ihrer jüngsten Studie Befragten in der Schweiz erklärte, man habe die Programme für weibliche Führungskräfte sogar leicht aufgestockt. Die negative Antwort: In keinem anderen von Accenture berücksichtigten Land in der westlichen Welt gibt es mehr Firmen, die keinerlei Programme zur Frauenförderung installiert haben. Ob beim Einsatz von internen Mentoren oder externem Coaching: Die Schweiz hinkt im internationalen Vergleich deutlich hinterher.
Frauen arbeiten oft Teilzeit
Dabei hat sich die Erwerbsquote der Frauen in der Schweiz deutlich vergrössert: Von 33 Prozent im Jahr 1960 auf 62 Prozent in 2009 und liegt damit nur noch ein Prozent unter der Quote der Männer, wie das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) zum heutigen Tag der Frau schreibt. Noch immer ein entscheidendes Hindernis ist die Work-Life-Balance: 77 Prozent der Frauen mit Kindern unter 15 sind erwerbstätig, mehrheitlich jedoch Teilzeit. Laut Berechnungen des Seco arbeitet seit Anfang der Neunzigerjahren über die Hälfte der Frauen Teilzeit, während der entsprechende Wert bei den Männern hartnäckig bei 13 Prozent verharrt.
Auch beim Verdienst hat frau weiterhin nichts zu lachen: Laut Seco hat sich die Lohnschere zwischen Mann und Frau zwischen 2006 bis 2008 von 18,9 Prozent auf 19,7 Prozent vergrössert, nachdem sie in den Jahren zuvor leicht zurückgegangen war. Noch immer sind gemäss Seco 40 Prozent der Lohnungleichheit unerklärbar, also diskriminierend.
Grosse Worte, keine Resultate
Ein schwacher Trost ist, dass es im Ausland derzeit auch nicht besser aussieht: Eine amerikanische Studie, basierend auf Daten von 2703 börsenkotierten Unternehmen enthüllte letzten Herbst, dass Frauen in Führungspositionen in der Wirtschaftskrise dreimal höhere Einbussen bei ihrer Bezahlung hinnehmen mussten als Männer. Karrierefrauen verdienen in den USA ohnehin ein gutes Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen.
Letzten Freitag kritisierte EU-Justizkommissarin Viviane Reding, dass Frauen im EU-Durchschnitt 18 Prozent weniger als die Männer verdienen, in Deutschland sogar 23,2 Prozent weniger. Das sei «inakzeptabel», meinte Reding und kündigte an, dagegen vorzugehen. Ob sie es schafft? Auch der frühere EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla erkannte das Problem: «Obwohl die Frauen in der EU besser ausgebildet sind als Männer, sind sie schlechter bezahlt, ihre beruflichen Karrieren sind kürzer und verlaufen langsamer», kritisierte er immer wieder und forderte Taten. Erreicht hatte er nichts.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 08.03.2010, 11:38 Uhr
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