«Jede negative Nachricht führt zu panischen Reaktionen»
Interview: Amir Ali. Aktualisiert am 05.08.2011 13 Kommentare
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Hotellerie stark betroffen
Der starke Franken bleibt für die Schweizer Wirtschaft auch in der zweiten Jahreshälfte das Thema Nummer eins. Laut einer Umfrage, die die Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich (KOF) heute Freitag präsentiert hat, geben sich die Unternehmen mehrheitlich zuversichtlich. Sie sehen aber auch deutliche Signale einer Abschwächung der Konjunktur. Der gegenwärtige Euro-Franken-Kurs um die 1.08 sei unnatürlich, sagte KOF-Leiter Jan-Egbert Sturm vor den Medien. Aber: «Der Euro wird nicht mehr so bald auf 1.40 oder 1.50 Franken steigen.»
Besonders getroffen von der Frankenstärke wird die Hotellerie, wie die KOF-Umfrage zeigt. «Die Hotels befürchten, dass die Absätze massiv einbrechen werden», sagte Ökonom Richard Etter. Die Hoteliers werden deshalb Personal abbauen. Besser ergehe es den Restaurants, die ihren Personalbestand etwa beibehalten dürften.
Zuversichtliche Finanzbranche
Im Finanzsektor bleiben die meisten Banken und Versicherer zuversichtlich. Einige Banken reagieren auf die unsichere Lage aber mit Stellenabbau. In der vergangenen Woche hatten die Grossbanken UBS und Credit Suisse angekündigt, wegen sinkender Erträge als Folge unsicherer Finanzmärkte Stellen abbauen zu wollen.
«Die Resultate sind insgesamt aber nicht so schlecht wie der Schweizer Sommer dieses Jahr», sagte Etter. Die Konjunkturforscher haben im Juli bei 7000 Unternehmen Daten eingeholt. Wie sich der jüngste Einbruch der Aktienmärkte und der nochmals deutlich erstarkte Franken auf die Stimmung auswirken, erfasst die Umfrage somit nicht.
Problemkind Export
Positiv gibt sich gemäss der KOF-Umfrage das Baugewerbe, da der Wohnungsbau boomt. Der erwartete Rückgang im Bauhauptgewerbe findet auf einem sehr hohen Niveau statt.
Die Industrie geht nach einer Phase steigender Aufträge in der Exportindustrie nun von nachlassenden Bestelleingängen aus. Allerdings erwarten selbst die Exporteure noch leicht ansteigende Zahlen. Die Wettbewerbsposition im Ausland, vor allem in der EU, sehen sie aber wegen des starken Frankens deutlich schlechter.
Stellenabbau kein Thema
Die Ertragslage verschlechtert sich als Folge der Währungskrise. Dies dürfte bei den exportorientierten Firmen dazu führen, dass sie kaum noch neue Mitarbeiter einstellen. Stellenabbau war zumindest im Juli, als die KOF die Umfrage durchführte, noch kein Thema.
«Im Detailhandel ist die Lage befriedigend, aber nicht überragend», sagte Etter. Die Branche beobachtet allerdings einen Rückgang der Kundenzahlen. Für das zweite Halbjahr erwarten die Unternehmen langsameres Umsatzwachstum. Der Detailhandel dürfte dennoch verstärkt nach neuen Arbeitskräften suchen. (sda)
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Die Furcht vor einer Rezession in den USA und der Ausweitung der europäischen Schuldenkrise hat heute auch den SMI abstürzen lassen. Anleger-Panik oder Realismus?
Beides. Die Weltwirtschaft verlangsamt sich in der Tat, aber das wissen wir schon seit einiger Zeit. Jetzt stellt sich heraus, dass das Ausmass etwas grösser ist als bisher erwartet – und schon haben wir eine Situation, in der jede negative Nachricht zu panischen Reaktionen führt.
Mit schlechten Nachrichten meinen sie Äusserungen wie jene von EU-Kommissionspräsident Barroso, der gestern sagte, der EU-Rettungsschirm müsse überprüft werden.
Auf solche Nachrichten wartet man jetzt genau nicht. Dieses Statement lässt auf eine unglückliche Koordination schliessen. Mit Sicherheit ist es kontraproduktiv.
Mit den USA und dem EU-Raum stehen die zwei grössten Absatzmärkte des Exportlandes Schweiz sehr schlecht da. Wie wird sich das auf die hiesige Konjunktur auswirken?
Es ist klar, die Schweiz funktioniert nicht isoliert vom Rest der globalen Wirtschaft. Der Export ist wichtig, und er wird betroffen sein. Aber das ist dennoch zu relativieren: Die USA sind zwar noch immer die grösste Volkswirtschaft, die Dynamik auf den globalen Märkten kommt aber schon seit einigen Jahren aus China, Indien und anderen Schwellenländern.
Aber wenn die Nachfrage aus Europa und den USA einbricht, werden das die Schwellenländer nicht auffangen können. Halten Sie ein Wachstum von 2,1 Prozent, wie es das Seco prognostiziert, nach wie vor für realistisch?
Wir sind sogar noch optimistischer. Wir haben 2,8 Prozent Wachstum für dieses Jahr prognostiziert. Unsere nächste Prognose kommt im September, da will ich noch keinen Ausblick geben. Aber auch wenn die Zahlen international enttäuschen, glaube ich an ein gutes Ergebnis für die Schweiz Ende Jahr.
Die verunsicherten Anleger werden sich noch mehr in den Schweizer Franken flüchten und ihn dadurch noch stärker machen. Leidet die Schweizer Exportwirtschaft doppelt?
Genau davor haben wir Angst. Bisher gingen wir davon aus, dass wir den Nachteil des starken Frankens mit einer gesunden Nachfrage aus dem Ausland wenigstens teilweise kompensieren können. Aber auch hier: Wir sollten kein zu düsteres Bild zeichnen. Die Schweiz ist nach wie vor gut aufgestellt. Zudem hat die Nationalbank reagiert, auch das sollte sich noch auswirken.
In den letzten beiden Tagen hatte man den Eindruck, die Ankündigungen der Nationalbank seien verpufft, bevor sie sich überhaupt entfalten konnten.
Es ist noch zu früh, um das zu beurteilen. Immerhin hat sich der Franken seit den Äusserungen von Philippe Hildebrand nicht weiter aufgewertet. Und das wichtigste Signal war die Aussage, dass weitere Massnahmen möglich seien.
Wie viel Handlungsspielraum besteht noch?
Sehr viel. Die Nationalbank kann zum Beispiel direkt am Devisenmarkt eingreifen. Was ich als noch effektiver erachte, ist die öffentliche Festsetzung einer unteren Grenze für den Eurokurs. Die Nationalbank müsste eindeutig kommunizieren: bis hierher und nicht weiter. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 05.08.2011, 15:03 Uhr
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13 Kommentare
seltsam, da reicht es aus wenn die USA treuherzig vortragen, dass die Arbeitsdaten etwas besser sind und das reicht um die Börsen hochnschnellen zu lassen? Vorher waren die Daten grottenschlecht, da passierte auch nichts. Aber die sind ja heute überraschend gut, damit sie morgen leider wieder schlechter sind. was hier abgeht ist die reine Manipulation und miese nachrichten werden gekänzelt. Antworten
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