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Im Hamsterrad des Wachstumswahns

Von Claude Chatelain. Aktualisiert am 21.07.2012 5 Kommentare

Jedermann ist klar, dass die Wirtschaft nicht immer wachsen kann. Die Ressourcen sind nicht unendlich vorhanden. Die Produktivität kann nicht unendlich gesteigert werden. Und doch hat der Wachstumswahn kaum abgenommen. Warum eigentlich?

«Nur ja nicht ausbrechen, aus dem Rennen, immer mehr»: Nach diesem Motto ist die Wachstumsgesellschaft laut Trendforscher David Bosshart unterwegs.

«Nur ja nicht ausbrechen, aus dem Rennen, immer mehr»: Nach diesem Motto ist die Wachstumsgesellschaft laut Trendforscher David Bosshart unterwegs.
Bild: Colourbox

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«Ja dann wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt», röhrte «Geier Sturzflug» sarkastisch. Dieser Hit – man glaubt es kaum – wird nächstes Jahr 30 Jahre alt. Die deutsche Rockgruppe traf mit ihrem gesellschaftskritischen Song den Nerv jener Zeit. 1972 veröffentlichte der Club of Rome den viel beachteten Bericht «Die Grenzen des Wachstums». Doch die Kritik am Wachstumswahn der westlichen Zivilisation ist noch älter.

Der amerikanische Ökonom Kenneth Boulding hat schon in den späten 1960er-Jahren geschrieben, das Wachstum sei in der westlichen Welt zur Religion geworden. «Wer in einer begrenzten Welt an ein unbegrenztes Wachstum glaubt, ist entweder ein Verrückter oder ein Ökonom», sagte der 1993 verstorbene US-Wirtschaftswissenschafter. All diesen Warnungen zum Trotz: Heute, 2012, ist der Wachstumswahn noch immer nicht gebändigt. Mehr noch: Wachstumskritische Voten sind eher noch seltener geworden als vor vierzig Jahren.

Selbst die Linken wollen mehr Wirtschaftswachstum

Kaum mehr jemand nimmt Anstoss daran, wenn Politiker von links bis rechts ein höheres Wirtschaftswachstum fordern. So etwa der ehemalige Volkswirtschaftsprofessor und heutige Präsident Frankreichs François Hollande. Nach seiner Auffassung müssen Europäer in die Hände spucken und Wirtschaftswachstum erzeugen. Nur so lasse sich die Euro- und Schuldenkrise Europas meistern. Während die Sozialisten Europas vor 40 Jahren für ein Nullwachstum eintraten, werden heute auch von linken Kreisen nachhaltige Investitionen gefördert, um das Wachstum anzukurbeln und dadurch das Bruttosozialprodukt (BSP) zu steigern.

Nur einzelne Denker mit Weitblick halten dagegen. «Unsere Volkswirtschaft wächst immer weiter und spekuliert auf fortwährendes Wachstum», schreibt der deutsche Philosoph David Richard Precht im «Spiegel». Und dennoch fühle sich die Bevölkerung seit Ende der Sechzigerjahre nicht glücklicher. «Wir verbrauchen immer mehr Ressourcen, plündern die Umwelt und unterspülen die Fundamente der Moral, und am Ende sind wir nicht zufriedener als vorher.»

«Wir sind von der Idee des Wachstums viel zu besessen»

Gemäss dem tschechischen Starökonomen Tomas Sedlacek ist die Menschheit von der Idee des ständigen maximalen Wachstums regelrecht besessen. Das gehe so weit, «dass wir sogar bereit sind, uns dafür hoch zu verschulden». Und dies nicht nur in Rezessions- und Krisenzeiten, wie das noch sinnvoll wäre, sondern auch in Zeiten eines relativ grossen Wirtschaftswachstums. «Die Schuldensteroide haben so viel Wachstum hervorgerufen, dass in den letzten Jahren weniger das Bruttoinlandprodukt stieg als vielmehr das Bruttoschuldenprodukt. Wir sind von der Idee des Wachstums viel zu besessen», kritisiert Sedlacek. Wachstum auf Dauer, so sagte er der «Finanz und Wirtschaft», sei nicht möglich – schon gar nicht das mit Krediten finanzierte Wachstum, das die westlichen Volkswirtschaften in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. Sedlacek ist Chefökonom der grössten tschechischen Bank CSOB und früherer Wirtschaftsberater von Václav Havel. Mit seinem Buch «Die Ökonomie von Gut und Böse» hat sich der 34-Jährige auf die Bestsellerlisten gesetzt.

«Wir sind Weltmeister im Hinausschieben»

Warum feiert der Wachstumsfetischismus eine Renaissance, wenn man doch weiss, dass Wirtschaftswachstum nicht glücklich macht? «Wir sind Weltmeister im Hinausschieben», sagt David Bosshart. «Seit den ‹Grenzen des Wachstums› () wissen wir, dass es so nicht weitergehen kann – und machen trotzdem mehr oder weniger weiter.» Bosshart ist Geschäftsführer des Gottlieb-Duttweiler-Instituts in Rüschlikon. Tomas Sedlacek führt diese Entwicklung auf die Konsumsucht zurück. «Je mehr wir haben, desto mehr scheinen wir zu wollen», schreibt der tschechische Starökonom in «Die Ökonomie von Gut und Böse». Wenn wir immer mehr Konsum brauchten wie Trinker Alkohol, um ihre Trunkenheit aufrechtzuerhalten, zeige der Konsum aber die gleichen Charakteristika wie Stoffe, die süchtig machen: «Sind wir nicht süchtig geworden, wenn wir aufgrund einer Stagnation beim BIP oder eines niedrigen Wachstums in eine Depression verfallen?», fragt Sedlacek rhetorisch. «Weshalb können wir denn nicht vernünftig sein? Weil der Konsum wie eine Droge ist.»

Laut dem Philosophen David Richard Precht wäre es die wichtigste Aufgabe unserer Wirtschaftspolitik, «eine neue Idee von Wachstum zu entwickeln». Aber dies werde nicht diskutiert. Stattdessen ergreife die bürgerlichen Mittelschichten ein fühlbares Unbehagen. «Soll man sich mitfreuen», so Precht im «Spiegel», «wenn sich der Wirtschaftsminister über den Aufschwung nach der Finanzkrise freut? Hurra, wir dürfen weiter unreflektiert den gleichen Mist machen wie vorher.»

Das Wirtschaftswachstum gilt als das A und O

Ein angemessenes und stetiges Wirtschaftswachstum gehört schon seit Jahrzehnten neben der Preisstabilität, der Arbeitslosigkeit und dem aussenwirtschaftlichen Gleichgewicht zu den meistbeachteten volkswirtschaftlichen Kennziffern. Man spricht vom magischen Viereck. Mittlerweile auch vom magischen Fünfeck, Sechseck bis Neuneck, weil in der jüngeren Vergangenheit auch ein ausgeglichener öffentlicher Haushalt, eine gerechte Einkommensverteilung, die Erhaltung einer lebenswerten Umwelt, humane Arbeitsbedingungen und die Sicherung von Ressourcen an Bedeutung gewannen.

Je mehr solcher Ziele, desto magischer werden sie, desto mehr reiben sie sich aneinander. Doch keiner dieser Indikatoren wird von Politikern und Ökonomen so häufig bemüht wie das Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttosozialprodukt. Wann immer eine Konjunkturforschungsstelle wie die KOF oder BAK oder eine Grossbank die neuen Wachstumsprognosen bekannt geben, sind ihnen fette Schlagzeilen gewiss, so als hänge das Wohl einer Gesellschaft vom Wachstum des Bruttosozialproduktes ab.

Der Wettbewerb der Wirtschaftssysteme

Schon zu Zeiten des Kalten Krieges rückte das Wachstum ins Zentrum der wirtschaftspolitischen Aktivität. Die Sowjetunion wollte beweisen, dass ihr System effizienter sei als das kapitalistische der westlichen Welt. Es gab einen Wettkampf der Wirtschaftssysteme. «Setzte der Osten einst seine Hoffnung auf einen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems als Folge der sich verschärfenden Wirtschaftskrisen, so war es nunmehr der Glaube, den Westen durch anhaltend höhere reale Zuwachsraten nicht nur ein-, sondern überholen zu können.» Das schrieb 1965 der deutsche Ökonom Gottfried Bombach, der an der Universität Basel lehrte.

In der Tat erzielte die damalige UdSSR höhere Wachstumsraten als die meisten Länder des Westens. Dies ist nur zum Teil darauf zurückzuführen, dass die Sowjetunion einen Nachholbedarf hatte, indem die Grösse des Sozialproduktes pro Kopf tiefer war als in den westlichen Ländern. Die Ursache des überdurchschnittlichen Wachstums lag vor allem darin, dass die Sowjetunion gezielt die Schwer- und Rüstungsindustrie förderte. Das steigerte das Bruttosozialprodukt.

Wohlstand wird häufig mit Wohlfahrt verwechselt

Das zeigt, dass die Zuwachsrate des Bruttosozialprodukts eine höchst unzulängliche Kennziffer darstellt. In der ökonomischen Theorie wird die Höhe des BSP zwar mit Wohlstand gleichgesetzt. Selbst die Ökonomen vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) schrieben kürzlich in «Die Volkswirtschaft»: «Wachstumspolitik ist Wohlstandspolitik.» Doch Wohlstand ist nicht Wohlfahrt. Ersterer ist ein materieller Begriff. Die kaum messbare Wohlfahrt steht dagegen für die Gesamtheit des Nutzens einer Gesellschaft. Wird am Rand einer Stadt eine Fabrikanlage mit einem hohen Ausstoss an CO2 errichtet, ist das gut für das BSP. Würde gleichenorts ein schöner Park angelegt, wäre das nicht wirtschaftsfördernd, vermutlich jedoch für die Bevölkerung von einem höheren Nutzen.

«Die Zunahme des Bruttosozialprodukts sagt nicht nur nichts darüber aus, ob es einer Gesellschaft und den Menschen in ihr besser oder schlechter geht», schreibt David Bosshart im 2011 erschienenen Buch «The Age of Less». Es sei Inbegriff des von uns selbst gebauten Hamsterrads: «Immer mehr, mehr, mehr – und immer mehr vom selben, nur ja kein Ausbrechen aus dem Rennen.»

Schon einer von Bossharts Vorgängern, Hans A.Pestalozzi, sagte 1977 in einem Vortrag in Luzern, dass die steigende Selbstmordrate, der Zwang zur Flucht aus der Wirklichkeit durch Alkohol, durch Drogen, durch Medikamentenmissbrauch oder die «in horrendem Masse» zunehmenden neurotischen Erkrankung mehr sagen über die Befindlichkeit einer Gesellschaft als das Wirtschaftswachstum.

Wirtschaftswachstum dank ausländischer Arbeitskräfte

Noch aus einem anderen Grund ist das BSP als Gradmesser für eine prosperierende Gesellschaft ein höchst zweifelhafter Indikator. Man lobt das Wachstum, ohne zu bedenken, dass es in der Schweiz zu einem erheblichen Teil der Zuwanderung von ausländischen Arbeitskräften zu verdanken ist. Will man von Genf bis Romanshorn ein zersiedeltes Singapur schaffen, nur um alljährlich ein höheres Bruttoinlandprodukt ausweisen zu können? (Berner Zeitung)

Erstellt: 21.07.2012, 12:57 Uhr

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5 Kommentare

Hermann Battaglia

21.07.2012, 13:29 Uhr
Melden 17 Empfehlung 1

Diesen hervorragenden Beitrag sollte man zur Pflichtlektüre für alle Politiker, Finanzgrössen, Oekonomen und Wirtschaftsprofessoren erklären. Er zeigt die heutige Situation kompetent auf und gibt wertvolle Impulse für den neu einzuschlagenden Weg. Wo nötig müssten halt Nachhilfestunden angeboten werden oder Tipps zur Abmonatge der Scheuklappen. Antworten


Timothée Mollet

21.07.2012, 15:23 Uhr
Melden 6 Empfehlung 0

Wachstum setzt sich aus mehreren Faktoren zusammen. Zwei wichtige Davon sind Ressourcen und Technologie.
Technologie kann unbeschränkt wachsen und gleichzeitig die Menge an Ressourcen vergrössern.
Zukünftige Ressourcen könnten sein: Thorium(LFTR) oder einfach Wasser(Fusion).
Antworten



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