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«Ich glaube an den Standort Schweiz»

Von Andreas Flütsch. Aktualisiert am 16.09.2011 22 Kommentare

Der Industrielle und SVP-Politiker Peter Spuhler erklärt, wie er trotz Frankenstärke die Schweizer Arbeitsplätze erhalten will und welche Nachteile ein Umzug in die EU hätte.

Festhalten am Standort Schweiz: Unternehmer Peter Spuhler setzt auch in der Krise auf den einheimischen Werkplatz.

Festhalten am Standort Schweiz: Unternehmer Peter Spuhler setzt auch in der Krise auf den einheimischen Werkplatz.
Bild: Dominic Büttner (Pixsil)

Der Schweizer Selfmademan

Der Betriebswirtschafter HSG übernahm Stadler Rail 1989 mit 18 Beschäftigten und 4,5 Millionen Franken Umsatz. Im letzten Jahr machte die Schienenfahrzeugfirma gut 1 Milliarde Franken Umsatz. Sie beschäftigt an fünf Standorten in der Schweiz 2400 Mitarbeiter, 1600 in Deutschland, Polen, Ungarn und Algerien. Spuhler ist Mehrheitsaktionär bei Stadler Rail und der Aebi-Schmidt-Gruppe, die Landwirtschaftsund Kommunalfahrzeuge herstellt. Er ist zudem massgeblich an Rieter und der im Mai separat an die Börse gebrachten Autoneum beteiligt. Spuhler ist seit 1999 für die SVP im Nationalrat. Der 52-Jährige hat drei Kinder und ist in zweiter Ehe mit der Bauunternehmerin Daniela Hoffmann verheiratet.

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Korrektur-Hinweis

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Die Nationalbank will den Euro um jeden Preis bei 1.20 Franken halten. Ist das realistisch?
Hält die Krise der EU-Südländer an, wird die Nationalbank Mühe haben, diese Marke zu halten. Ob ihr Interventionskurs aufgeht, weiss niemand. Die Nationalbank führt ein Hochrisikoexperiment durch, das ist klar.

Wie gross ist die Gefahr, dass der Euro auf 1.10 Franken abrutscht?
Vieles hängt etwa davon ab, wie schnell die EU nachhaltig Ordnung schafft und die Glaubwürdigkeit des Euro wiederherstellt. Da habe ich ein grosses Fragezeichen. Ich zähle aber darauf: Die Nationalbank muss mit Interventionen lange genug durchhalten. Eine weltweite Rezession würde die Lage zusätzlich verschlimmern. Was aus dem explosiven Gemisch wird, wird man sehen.

Um den Franken nachhaltig zu schwächen, muss die Nationalbank mit Hunderten von Milliarden intervenieren. Ist da ein Inflationsschub in ein, zwei Jahren programmiert?
Die Gefahr, dass die stark ausgeweitete Geldmenge Inflation produziert, ist real. Dann muss man die Geldmenge reduzieren und die Zinsen erhöhen.

Was auch Schmerzen verursacht?
Was ist die Alternative? Den Franken ins Unermessliche steigen zu lassen. Beide Wege bergen grosse Risiken.

Budgetieren Sie Szenarien für Euro bei 1.10 Franken oder gar Parität?
Wir budgetieren für 2012 derzeit mit 1.20. Unsere Branche ist geprägt von langen Durchlaufzeiten. Wir werden dieses Jahr einen Rekordumsatz machen und 2012 nochmals, mit Aufträgen, die wir vor zwei, drei Jahren gewonnen haben.

Stadler Rail macht Riesenumsätze, verdient aber fast nichts mehr?
Das ist leider so. Aber Währungsverwerfungen, Rezessionen oder Finanzkrisen gibt es immer wieder zu meistern.

Als der Euro fast auf 1 Franken fiel, dachten Sie da, als Unternehmer hätten Sie es in der EU leichter?
Wenn man unter Druck kommt, darf man die langfristige Perspektive nicht aus den Augen verlieren. Ein so schwacher Euro ist eine Herausforderung für exportorientierte Unternehmen. Aber in der EU wäre unser Handlungsspielraum massiv eingeschränkt.

Was heisst das konkret?
In der EU zahlen wir 2 bis 3 Prozent höhere Zinsen. Gewinnsteuern sind fast doppelt so hoch, und die mindestens 15 Prozent hohe Mehrwertsteuer vernichtet Kaufkraft. Je nach Standort wird pro Woche zwei bis vier Stunden weniger gearbeitet bei mehr Ferientagen. Bei Entlassungen wird in Deutschland ein Jahresgehalt als Abfindung fällig. Es gibt in der EU viel mehr Auflagen, Behördenentscheide dauern länger.

Diese Vorteile wiegen doch die 20 bis 30 Prozent höheren Preise, die EU-Kunden ihren Schweizer Lieferanten vorhalten, nicht auf.
Kurzfristig stimmt das. Auch wir wurden innert 18 Monaten mit den gleichen Produkten wegen der Frankenstärke bis 30 Prozent teurer. Jetzt mit einem Euro bei 1.20 ist der Margendruck bereits kleiner. Sobald der Euro noch stärker anzieht, entschärft sich das Problem.

Kann Ihre Firma Stadler Rail mit einem Euro von 1.20 leben?
Nein. Aber wir müssen wohl damit leben. Wir verdienen aber bei diesem Wechselkurs kaum noch. Wir hoffen, dass wir am Standort Schweiz 2011 zumindest eine schwarze Null, vielleicht einen leichten Gewinn erreichen. In ausländischen Werken ist die Lage besser.

Was, wenn der Euro bei 1.20 bleibt?
Dann müssen wir vermehrt im Ausland Komponenten einkaufen. Teils müssen wir die Kostennachteile mit besseren Produkten auffangen. Mehrere Kostensenkungsprogramme laufen. Wir müssen über Produktivitätsfortschritte den Anschluss wieder finden, wie in den Siebzigerjahren, als die D-Mark auf 75 Rappen fiel. Wir brauchen aber eineinhalb Jahre, um die Kosten so weit zu senken, dass wir bei einem Euro von 1.20 bis 1.25 wieder mithalten können.

Sie laden Schweizer Zulieferer aus?
Wir haben rund 40 Prozent interne Wertschöpfung, weitere 40 Prozent stammen von Schweizer Zulieferern, 20 Prozent aus der EU. Wir haben im November, als sich die Euroschwäche abzeichnete, die Anteile der Zulieferer aus der Schweiz und der EU neu bei je 30 Prozent festgelegt, also 10 Prozent aus dem Franken in den Euro verschoben.

Ihre Schweizer Zulieferer verloren also ein Viertel ihres Volumens?
Ja, prozentual gibt es eine Verschiebung. Das kompensieren wir zurzeit mit Mehrgeschäft, ihr Volumen bleibt konstant. Bessert sich die Währungssituation nicht, gibt es aber eine zusätzliche Verlagerung des Einkaufs in den EU-Raum.

Haben Sie wegen des Frankens bereits Aufträge verloren?
Wir sind mittendrin. In Basel werden wir wohl einen Grossauftrag für Trams verlieren gegen Konkurrenten, die in der EU produzieren. In Italien läuft eine grosse Ausschreibung für 70 Züge, auch da sehe ich schwarz wegen des Euro.

Verlagern Sie Aufträge ins Ausland?
So schnell geht das nicht. Wird die Währungssituation nicht besser, ist die nächste Stufe, margenschwache Aufträge an einen Billigstandort zu verlagern, etwa in unser Werk in Polen. In Polen ist der Stundensatz etwa ein Drittel so hoch wie die Kosten in der Schweiz, bei fast vergleichbarer Qualität.

Also wird bald ein Auftrag nach dem anderen ins Ausland verlagert?
Das hoffe ich nicht. Ich glaube nach wie vor an den Standort Schweiz. Als grosser Befürworter des Werkplatzes setze ich alles daran, die eigenen Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten. Aber auch wir können nicht zaubern – wir sind mitten im Anpassungsprozess.

Wird die Zahl der gut 2400 Mitarbeiter in der Schweiz abnehmen?
Derzeit bauen wir noch aus, um das Auftragspolster bis 2012 abzuarbeiten. Solche Spitzen decken wir seit langem mit bis zu 20 Prozent Temporären und über Auslagerungen an Unterlieferanten ab.

Also würde dort zuerst abgebaut?
Ja, zuerst würde bei den Temporären abgebaut, und die Auslagerungen würden reduziert. Bisher habe ich noch nie fest angestellte Mitarbeiter aus wirtschaftlichen Gründen abgebaut. Ich werde alles tun, um auch in dieser Krise meine Stammbelegschaft zu halten.

Ist die Schweizer Stammbelegschaft in fünf Jahren noch gleich gross?
Ich bin zuversichtlich, dass wir das heutige Niveau halten können.

Gewachsen ist Stadler Rail aber vor allem ausserhalb der Schweiz?
Im Ausland beschäftigen wir bald 1600 Leute – in Deutschland gegen 1000, in Ungarn gut 250 und in Polen 250 Leute.

Haben Sie in wenigen Jahren im Ausland mehr Mitarbeiter als hier?
Mein erklärtes Ziel ist es, die Arbeitsplätze in der Schweiz zu halten, lieber noch weiter auszubauen.

Wie zuversichtlich sind Sie für die Schweizer Industrie?
Noch ist die Maschinen- und Elektroindustrie recht gut mit Aufträgen ausgelastet, die sie gewonnen hat, als der Euro bei 1.45 oder 1.50 stand. Nächstes Jahr rechne ich aber mit deutlich höherer Arbeitslosigkeit. Normalisiert sich die Lage innerhalb Jahresfrist und kehrt der Euro zur heutigen Kaufkraftparität zwischen 1.35 und 1.40 zurück, kommen wir mit einem blauen Auge davon. Bleibt die Währungssituation über Jahre so angespannt, führt das zwangsweise zu Verlagerungen.

Zu einer Welle von Verlagerungen?
Diese Gefahr besteht.

Was halten Sie vom Hilfspaket des Bundesrats?
Nichts. Es ist extrem schwierig, gezielt Sektoren wie Industrie oder Tourismus mit Konjunkturspritzen zu beleben. Anstatt Geld mit der Giesskanne zu verteilen, schlägt das SVP-Revitalisierungsprogramm darum gezielte Kostenentlastungen der Unternehmen vor. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.09.2011, 18:40 Uhr

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22 Kommentare

Paul Giger

16.09.2011, 20:41 Uhr
Melden 13 Empfehlung

Es ist sonnenklar, dass P.Spuhler nicht zugeben will, dass seine Firma sehr gut verdient hat., was mich freut. Eines ist klar, auch wenn diese Firma weniger verdient, geht es ihr immer noch sehr gut.Er erwähnt aber nicht, dass eine Auslagerung nicht so einfach ist zeitraubend und viel Geld kostet.Er möchte lieber alle Steuern reduzieren, und die anderen zahlen lassen.Guter Trick der SVP. Antworten


Alexandre Blatter

16.09.2011, 19:08 Uhr
Melden 12 Empfehlung

Der Herr Stadler ist einer der wenigen in der SVP, die wissen, von was sie reden. Leider werden die gescheiten Kräfte in der SVP regelmässig mundtot gemacht. Schade. Antworten



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