Falke oder Phantom?
Aktualisiert am 30.12.2010 1 Kommentar
Zwei Bewerber, ein Posten: Jean-Claude Trichet (r.) wird seinen Posten bald abgeben. Mögliche Nachfolger sind Axel Weber (oben) und der italienische Notenbankchef Mario Draghi (l.). (Bild: Keystone )
Langsames Wachstum für 2011
Die Erholung der Weltwirtschaft wird sich 2011 dem Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge unterschiedlich schnell fortsetzen. Während die Schwellenländer nach vorne preschen, wachsen industrialisierte Volkswirtschaften demnach nur langsam.
IWF-Chef-Ökonom Olivier Blanchard betonte am Donnerstag per Online-Newsletter weiter die Notwendigkeit flexiblerer Wechselkurse und anhaltender Schuldenkontrollen. «Wenn wir die Wirtschaft nicht weltweit ins Gleichgewicht bringen, wird es keine gesunde Erholung geben», warnte der Experte.
Dies sei ein komplexer Prozess: Keine Einzelmassnahme, kein einzelnes Land kenne allein die Lösung der Probleme. «Aber eine Anpassung der Wechselkurse ist ein wesentlicher Bestandteil dieser Entwicklung.»
Der IWF hatte Staaten, die wie die USA sehr auf die heimischen Konsumausgaben angewiesen sind, dazu aufgefordert, mehr zu sparen und zu investieren. Exportabhängigen Nationen wie China hatte der Fonds zu mehr Konsum im eigenen Land geraten.
Besonders Europa steht Blanchards Meinung nach eine schwierige Zeit mit vielen Reformen bevor. Selbst wenn die Finanzkrise hätte verhindert werden können, wären die europäischen Staaten jetzt in Schwierigkeiten. «Sie hatten die heimische Nachfrage übermässig hochgefahren und einige hatten grosse Haushaltslöcher entstehen lassen.»
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Jean-Claude Trichet verlässt Ende Oktober 2011 die Spitze der Europäischen Zentralbank (EZB) – turnusmässig nach acht Jahren. Die Staats- und Regierungschefs der EU-Länder müssen sich bald auf einen Nachfolger festlegen.
Gerüchte kursieren seit Monaten. Auf zwei Kandidaten haben sich die Flüsterer auf Europas Fluren eingestimmt: den Präsidenten der Deutschen Bundesbank, Axel Weber, und den Gouverneur der italienischen Notenbank, Mario Draghi. Die Rede ist von Tauschgeschäften unter den Staaten – vor allem den Schwergewichten Deutschland und Frankreich –, von ausgeklügelten Coups und Paketlösungen. Dementi folgt auf Dementi – doch die Gerüchte werden dadurch eher angeheizt als ausgelöscht. Nur zwei sagen nichts: Weber und Draghi.
Sein grösster Feind heisst Inflation
Der Deutsche galt vor einigen Monaten als für den Posten gesetzt. Axel Weber, der Lehrerssohn aus einem pfälzischen 5000-Seelen-Dorf. Seine Ziele entsprechen in gewisser Weise dem, was das Klischee von einem erwartet, der bodenständig in der konservativen Provinz aufwuchs: Der 53-Jährige steht für Sicherheit, kein Risiko für den Euro, sondern Stabilität. Er ist der geldpolitische Falke, sein grösster Feind heisst Inflation.
Dem Wirtschaftsprofessor wird das Denken eines Wissenschaftlers und die Durchsetzungskraft eines Politikers nachgesagt. Alles, was einer braucht, der in ein Amt strebt, dessen Besetzung von der Politik abhängt, in dem man gleichzeitig aber unabhängig von den Regierungen agiert.
Chancen für Mario Draghi steigen
Doch dann wurde es Mai. Es kam die Griechenland-Krise, es kam die Entscheidung der Zentralbank, Staatsanleihen von in Schieflage geratenen Staaten zu kaufen, es kam ein Interview mit der «Börsen-Zeitung», in dem Weber sagte: «Der Ankauf von Staatsanleihen birgt erhebliche stabilitätspolitische Risiken, und daher sehe ich diesen Teil des Beschlusses des EZB-Rats auch in dieser ausserordentlichen Situation kritisch.» Er kritisierte öffentlich die Entscheidungen der EZB. Ein Affront. Ein Ausrutscher? Kaum. Weber ist Profi.
Es war der Punkt, ab dem die Chancen für Mario Draghi zu steigen begannen. Geräuschloser als Weber arbeite er, heisst es. Abwartend, wie ein Phantom, gehe der ehemalige römische Jesuiten-Schüler vor. Als Vorsitzender des Financial Stability Boards versucht der 63-Jährige eine nächste Wirtschaftskrise zu verhindern. Anders als Weber ist Draghi kein Quereinsteiger, war Vizepräsident der Investmentbank Goldman Sachs.
Ein heisses Duell
Flankiert wurde sein vermeintlicher Aufstieg von weiteren Gerüchten um Weber. Mit dem Chefposten beim Internationalen Währungsfonds wurde Weber in Verbindung gebracht. Auch als Nachfolger von Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann wurde Weber schon gehandelt.
Doch auch Draghi kam auf Abwege, ebenfalls via Zeitung. In der «Financial Times» warnte er kürzlich davor, den Ankauf von Staatsanleihen weiter voranzutreiben und sprang Weber damit in dessen EZB-Kritik indirekt zur Seite. «Ich bin mir voll und ganz darüber im Klaren, wie riskant es ist, einen bestimmten Punkt zu überschreiten, an dem wir alles verlieren, was wir haben, nämlich unsere Unabhängigkeit», sagte der Italiener.
Steht es nun unentschieden zwischen Weber und Draghi? Die Gerüchte gehen weiter – die Dementi auch. (bru/AFP)
Erstellt: 30.12.2010, 22:46 Uhr
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1 Kommentar
Das wär ja noch schöner! Ein Mann aus einem schwer verschuldeten und nur pseudodemokratischen Land soll die EZB führen! Die Club-Med-Länder werden sich freuen, während die Nord-Staaten des Euro-Verbunds schon zähneknirschend die Transferzahlungen berechnen. Nein, das kann nicht gut gehen. Weber und kein anderer muss an die Spitze der EZB! Antworten
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