Exportriese Deutschland steht am Pranger
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Vertreter der ebenfalls stark exportorientierten Schweizer Wirtschaft reagieren eher skeptisch auf Frankreichs Forderungen, Deutschland müsse die Binnenwirtschaft und den Konsum stärker stimulieren. Deutschland habe den Infrastrukturbau angekurbelt, zudem werde die deutsche Automobilwirtschaft staatlich gestützt und gefördert, sagt etwa Johann Schneider-Ammann, Präsident des Industrieverbands Swissmem und selbst Unternehmer. All diese Massnahmen Deutschlands seien gut für Zulieferer und Exporteure aus der Schweiz. Einen stichhaltigen Grund für Frankreichs Forderungen sehe er nicht, sagt Schneider-Ammann. Deutschland tue bereits viel für die Konjunktur. Ohnehin sei nicht zu erwarten, dass deutsche Exporteure von ihrem Erfolgsmodell ablassen: «Wer in Deutschland produziert, der muss exportieren, der deutsche Markt allein ist zu klein», so der Swissmem-Präsident.
Deutschland sei mit der Förderung des Exports bisher gut gefahren, heisst es auch bei Economiesuisse. Die Arbeitslosigkeit habe in Deutschland weniger stark zugenommen als in anderen EU-Ländern. Das bedeute, dass es die Krise besser gemeistert habe, heisst es bei Economiesuisse. Die deutsche Wirtschaft halte starke Exporte eben weiterhin für das beste Modell. Anzeichen für eine Kursänderung in Deutschland seien nicht sichtbar. (Andreas Flütsch)
Euroland übt sich in Schuldzuweisungen. Gerade noch schienen die Rollen klar verteilt: Als verantwortlich für die Vertrauenskrise der elf Jahre jungen Einheitswährung galten die sogenannten «PIGS»: Das despektierliche Kürzel steht für die südlichen Euroländer, also Portugal, Italien, Griechenland und Spanien, die alle ihren Haushalt nicht im Griff haben. Doch der Wind hat plötzlich gedreht – und jetzt steht Deutschland mit am Pranger.
«Krankt die Eurozone an Deutschland?», fragt die französische Tageszeitung «Le Figaro». Die Einheitswährung leide auch unter den Überschüssen von Exportmeister Deutschland, so die These, die von Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde neu lanciert worden ist. Nun rächt sich, dass Musterschüler Deutschland vielleicht eine Spur zu penetrant den Oberlehrer gespielt hat. Die Griechen müssten erst ihre Hausaufgaben machen, bevor sie auf Hilfe zählen könnten, sagten Bundeskanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble bei Treffen mit EU-Partnern besonders laut.
Kritik aus Neid?
Hat Deutschlands Erfolg in den letzten Jahren den Neid im Euroland geweckt? Noch 2002 war das grösste EU-Mitglied Schlusslicht punkto Wachstum und Produktivität. Das britische Wirtschaftsmagazin «The Economist» machte sich über Deutschland als «kranken Mann» Europas lustig. In der jüngsten Ausgabe bezeichnet es Deutschland als «Europas Motor». Frankreich, Grossbritannien oder Italien seien im Vergleich dazu nur Rädchen. Zum Geheimrezept gehört neben der Innovationskraft der vielen klein- und mittelgrossen Betriebe, dass sich die Deutschen in den letzten Jahren stärker als die Franzosen oder die Griechen bei den Lohnabschlüssen zurückgehalten haben.
Die Deutschen sind zwar die Exportmeister, aber gleichzeitig auch die Konsummuffel Europas. Nur auf den Export zu setzen und die Binnennachfrage zu vernachlässigen, sei kein nachhaltiges Modell, kritisiert Lagarde. Produkte «Made in Germany» sind nicht nur beliebt, weil sie so gut sind. Hinter dem Erfolg der deutschen Exportwirtschaft stehen auch tiefe Löhne. Dadurch können deutsche Unternehmen günstiger produzieren als andere. Die EU-Partner sind die wichtigsten Abnehmer deutscher Qualitätsprodukte. Die bescheiden entlöhnten deutschen Arbeitnehmer aber leisten sich wenige französische oder spanische Konsumgüter.
Mut zum Konsum gefordert
Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin fordert Deutschland darum auf, die inländische Nachfrage anzukurbeln. Die Bundesrepublik könnte zum Beispiel Steuern senken. Bundeskanzlerin Angela Merkel reagiert auf solche Vorschläge skeptisch. Sie glaubt nicht, dass die Regierung das Konsumverhalten der Bürger massgeblich beeinflussen kann. Einen Aufruf, weniger zu sparen und mehr auszugeben, könnten die Deutschen als böses Omen werten – und er könnte sie veranlassen, erst recht auf die Ausgabenbremse zu treten, befürchtet die Kanzlerin. Auch die Kritik am Exportüberschuss will sie nicht hinnehmen: «Wir werden unsere Stärken nicht aufgeben, weil mehr Exportgüter von uns gekauft werden als von anderen Ländern», sagte sie im Bundestag.
Die französische Kritik bleibt in Deutschland aber nicht ungehört: «Mehr Mut zum Konsum», empfiehlt die «Financial Times Deutschland». Die Exportüberschüsse seien nur möglich, weil Spanier und Griechen deutsche Waren kauften und ihrerseits Defizite verbuchten. Und Wolfgang Schäuble stimmte am Montag bei einem Treffen der EU-Finanzminister einer Erklärung zu, wonach innerhalb der Eurozone die Unterschiede bei der Wettbewerbsfähigkeit verringert werden sollen.
Musterschüler Deutschland wird sich auch am EU-Gipfel nächste Woche in Brüssel unangenehme Fragen gefallen lassen müssen. Die Staats- und Regierungschefs wollen darüber reden, wie Europa wettbewerbsfähiger werden kann. Die bisherige deutsche Position, wonach alles in Ordnung kommt, wenn die Mitgliedsstaaten nur ihre Budgetdefizite reduzieren und die Haushalte in den Griff bekommen, dürfte unhaltbar sein. Der Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn, fordert: Länder wie Deutschland müssten die Exportlastigkeit ihrer Wirtschaft korrigieren und die Binnennachfrage stärken. Länder mit hohen Defiziten hingegen weniger konsumieren, mehr sparen und mehr exportieren. Nur so seien die globalen Ungleichgewichte abzubauen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 18.03.2010, 08:30 Uhr
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