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Es geht um Arbeitsplätze, Dummkopf

Von Philipp Löpfe. Aktualisiert am 27.01.2010 21 Kommentare

Flexible Arbeitsmärkte haben in den USA massenhaft Jobs vernichtet. Jetzt beginnen selbst liberale US-Ökonomen umzudenken. Und orientieren sich an Modellen, die auch in der Schweiz populär sind.

Kurzarbeitszeitmodelle können Jobs retten: Bangende General-Motors-Angestellte.

Kurzarbeitszeitmodelle können Jobs retten: Bangende General-Motors-Angestellte.
Bild: Reuters

Die «State of the Union Address» von US-Präsident Barack Obama ist nicht irgendeine Rede. Sie wird match-entscheidend sein, gibt sie doch die Richtung der amerikanischen Politik für die nächste Zeit vor. Obamas Rede wird mit Sicherheit rhetorisch brilliant ausfallen, entscheidend wird jedoch ihr Inhalt sein. Genauer: Die Amerikaner interessiert im Moment vor allem eines: Wie will ihr Präsident wieder neue Arbeitsplätze schaffen?

Bis vor der Krise lautete das amerikanische Erfolgsrezept: flexible Arbeitsmärkte. Darin waren sich Demokaten und Republikaner einig. Selbst Ex-Präsident Bill Clinton war stolz darauf, dass damit Millionen von neuen Jobs geschaffen wurden. «Hire and Fire» war kein Schimpfwort mehr, denn wer seinen Arbeitsplatz verlor, hatte ja im Handumdrehen einen neuen gefunden. Flexible Arbeitsmärkte wurden zum Geheimnis des dynamischen und bewunderten angelsächsischen Modells. Das Gegenstück dazu war Deutschland, dessen überregulierter Arbeitsmarkt zum Sinnbild europäischer Dekadenz wurde. Liberale Ökonomen wurden deshalb nicht müde, Reformen zu fordern. Alle hatten letztlich das gleiche Ziel: Die überregulierten Arbeitsmärkte mussten endlich flexibilisiert und den vermeintlich faulen Arbeitnehmern ein kräftiger Tritt in den Allerwertesten versetzt werden.

Mit Hohn und Spott übergossen

Dann kam die Krise, und jetzt alles sieht anders aus. Die Amerikaner lernen sehr schmerzhaft, dass liberale Arbeitsmärkte auch in der Krise sehr flexibel sind – und vor allem, was die Folgen davon sind. In den USA feuerten die Unternehmer ihre Mitarbeiter wie die Weltmeister. Millionen von Arbeitsplätzen gingen im Nu verloren, die Arbeitslosenquote schnellte über zehn Prozent. Präsident Obama – eben noch gefeierter Retter der Nation – wurde zum Buhmann, bevor er die Möbel im Weissen Haus richtig aufgestellt hatte.

Ganz anders die Entwicklung im viel und gern geschmähten Europa und seinen angeblich viel zu komfortablen Sozialstaaten. In Deutschland ist das grosse Massaker auf dem Arbeitsmarkt nicht eingetroffen. Die grosse Entlassungswelle ist bisher ausgeblieben, ähnlich wie übrigens in der Schweiz auch. Grund dafür sind eben die unflexiblen Arbeitsmärkte. Und somit Errungenschaften wie Kurzarbeit, Arbeitszeitreduktionen oder 35-Stunden-Woche. Modelle, die vor der Krise noch mit Hohn und Spott übergossen worden sind. Jetzt sorgen sie dafür, dass Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Die wahren Risiken übersehen

Das ist nicht nur für die Menschen ein Glück, sondern auch ökonomisch sinnvoll. Weil nach wie vor wenig neue Jobs entstehen, ist die Gefahr von Langzeitarbeitslosigkeit massiv gestiegen. Das ist volkswirtschaftlich unsinnig. Langzeitarbeitslose sind nach Gefangenen wohl die teuersten Mitglieder einer Gesellschaft. Die Krise führt deshalb langsam auch bei den Arbeitsmarktspezialisten zu einem Umdenken, selbst innerhalb der OECD. Dort wurde das Loblieb auf die flexiblen Arbeitsmärkte besonders laut gesungen. Jetzt sind plötzlich ganz andere Töne zu hören. Stefano Scarpetta, Chef der Abteilung Arbeitsmarkt, stellte kürzlich in der «Financial Times» fest: «Aufgrund dessen, was wir bisher beobachten konnten, können Kurzarbeitmodelle den Verlust von Arbeitsplätzen erfolgreich stoppen. Selbst öffentliche Arbeitsprogramme können hilfreich sein und wir betrachten sie mittlerweile als zumindest teilweise nützlich.»

Vor der Krise wäre Scarpetta für ein solches Zitat, wenn nicht gelyncht, dann auf jeden Fall sofort entlassen worden. Doch die Krise verändert nicht nur die Arbeitsmärkte, sondern auch die ökonomische Theorie darüber. Selbst in den USA. So bekennt Richard Freeman, Professor für Arbeitsmärkte an der Harvard University, dass die Professoren sich viel zu lang darum gekümmert hätten, Modelle zu entwickeln, die arbeitslose Teenager-Mütter in den Arbeitsmarkt zurückführen, obwohl die Wohlfahrtskosten relativ bescheiden sind. «Wenn jedoch Grossbanken exzessive Risiken eingehen, können sie das gesamte System zum Einsturz bringen», erklärt Freeman weiter. «Wir haben die wahren Risiken des Kapitalismus aus den Augen verloren.» (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 27.01.2010, 12:14 Uhr

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21 Kommentare

Rolf Schlumpf

27.01.2010, 14:11 Uhr
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Arbeit hat es für (fast) alle, nur müsste halt die Firma und die Arbeitnehmer einverstanden sein und die Arbeitszeit (und damit den Lohn) ein wenig zu reduzieren, um anderen Platz zu machen. Das würde nicht nur den Druck bzgl. Arbeitslosenversicherung reduzieren, sondern auch die Flexibilität innnerhalb einer Firma vergrössern (z.B. bei Krankheit eines Arbeitnehmers). Einfacher geht's nicht... Antworten


Reto Friedrich

27.01.2010, 13:52 Uhr
Melden

amerika hat in der krise 10% arbeitslose, deutschland eine sockelarbeitslosigkeit von fast 10%. liberale arbeitsmärkte und kurzarbeitsmodelle oder arbeitslosenversicherung widersprechen sich nicht. dänemark hat einen sehr liberalen arbeitsmarkt und sehr gute arbeitslosen betreuung/versicherung. Antworten



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