Erstmals mehr Lehrstellen als Lehrlinge
Aktualisiert am 20.06.2011 22 Kommentare
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In diesem Jahr bieten die Betriebe in der Schweiz erstmals mehr Lehrstellen an, als es junge Leute gibt, die sich für eine Lehrstelle interessieren. Viele Jugendliche suchen aber nicht, was angeboten wird oder sind für die angebotenen Stellen nicht geeignet.
Das Lehrstellenbarometer des Bundesamtes für Berufsbildung und Technologie (BBT) weist 81'000 Lehrstellen aus, die Unternehmen in der Schweiz für 2011 ausgeschrieben haben. Das sind 5000 mehr als noch vor einem Jahr. Die Zahl der Jugendlichen, die eine Lehrstelle suchen, blieb aber gegenüber dem Vorjahr unverändert bei 77'000.
Erstmals seit es das Lehrstellenbarometer gibt, interessieren sich damit weniger Leute für Lehrstellen, als es Lehrstellen gibt, wie das BBT mitteilte. Im April waren noch rund 20'000 Lehrstellen offen. «Die Entwicklung gibt Anlass zur Sorge», sagte BBT-Direktorin Ursula Renold am Montag vor den Medien in Bern.
Mechaniker und Techniker gesucht
Der Berner Erziehungsdirektor Bernhard Pulver stellte eine grundlegende Änderung am Lehrstellenmarkt fest: Während vor einigen Jahren noch Betriebe ermuntert werden mussten, Lehrstellen anzubieten, hätten die Unternehmen heute Mühe, gut ausgebildete junge Leute für ihre Ausbildungsplätze zu finden, sagte er.
Prekär ist die Situation vor allem bei den anspruchsvollen technischen Berufen. Dort ist das Angebot laut Lehrstellenbarometer deutlich höher als die Nachfrage: 20'500 Lehrstellen stehen 15'000 interessierten Jugendlichen gegenüber. In anderen Branchen liegen Nachfrage und Angebot zumeist näher beieinander.
Eine immer grössere Rolle spielt aber auch die Demografie. Die Zahl der Schulabgänger nimmt ab, so dass weniger Leute Lehrstellen suchen, während die Zahl der Lehrstellen steigt.
Kampf um Talente
Am Lehrstellenmarkt bricht wegen der demografischen Entwicklung mehr und mehr der Kampf um die Talente aus, wie Hans-Ulrich Bigler, Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbandes (sgv), festhielt. Die Schweizer Volkswirtschaft sei aber auf die Praktiker mit Lehrabschluss angewiesen.
Ein Dorn im Auge ist Bigler deshalb die steigende Maturitätsquote. Er forderte die Kantone auf, Gymnasialklassen nicht mit schlecht qualifizierten Schülern zu füllen, die ebenso gut eine Lehre absolvieren könnten. Die Akademisierung verwässere schleichend das Niveau der Berufsbildung. Bigler fordert daher eine Begrenzung der Maturitätsquote auf 24 Prozent.
Bigler wies auch darauf hin, dass laut einer Studie aus dem Kanton Bern ein Fünftel der Lehrlinge ihre Lehre abbrechen. Die Gründe dafür seien häufig Überforderung oder falsche Vorstellungen von einem Beruf, weil die Berufswahl nicht sorgfältig getroffen wurde.
Andere Seite der Medaille
Angebot und Nachfrage entsprechen sich auf dem Lehrstellenmarkt häufig nicht: Trotz dem Überangebot an Lehrstellen haben schlecht ausgebildete Schüler oft Mühe, den Einstieg zu finden.
Im Kanton Bern, der als typisches Beispiel für die Deutschschweiz gilt, besucht jeder fünfte Jugendliche ein Brückenangebot. Dort landen Jugendliche, weil sie sich beispielsweise auf ihren Wunschberuf konzentrierten und dort keine Lehrstelle fanden oder weil sie ihr schulisches Niveau noch verbessern müssen.
Angebote für Schlechtqualifizierte
Damit diese Jugendlichen nicht zwischen Stuhl und Bank fallen, setzen Bund, Kantone und Wirtschaft auf eine Reihe von Massnahmen, wie etwa niederschwellige Angebote oder ein Fall-Management, mit dem gezielt mit Jugendlichen gearbeitet wird, die Probleme haben, eine Lehrstelle zu finden.
Dennoch lauert aus Sicht des Luzerner Nationalrats Otto Ineichen (FDP) eine «Sozialbombe», weil immer mehr Jugendliche aus der Arbeitslosenkasse ausgesteuert werden und deshalb in die Sozialhilfe abdriften. Der Präsident der Stiftung Speranza, die sich gegen die Jugendarbeitslosigkeit engagiert, schätzt die Zahl auf derzeit 25'000 Ausgesteuerte im Alter von 18 bis 25 Jahren.
BBT-Direktorin Renold konnte die Zahl nicht bestätigen, räumte aber ein, dass viele Gemeinden Mühe hätten, Problem-Jugendliche in die Arbeitswelt zu vermitteln. (miw/sda)
Erstellt: 20.06.2011, 13:13 Uhr
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22 Kommentare
Mich wundert das nicht. Die Gesellschaft stellt immer höhere Anforderungen an die jungen Menschen die sie einfach nicht erfüllen können. Die Gründe sind vielfältig. Es fängt an bei einfachen Umgangsformen die Junge nicht beherrschen (Anstand, Respekt). Andererseits wird den Jungen leider immer weniger vorgelebt was wir selber erwarten (Fleiss, Disziplin, Durchhaltewille). Tja, zu wenig Vorbilder. Antworten
ja, ich mach mir auch Sorgen, wenn ich sehe wie die "Bundes-Bildungsherren" in den oberen Etagen vor sich her wursteln. Die FH`s sollen nun jeden aufnehmen -aber die Abgänger haben nur ein halbgültiges Diplom, die Mastergänge sollen das Non-Plus-Ultra werden und sind heute schon überrannt, dafür können die Abgänger der obl. Schule kaum Deutsch. ..und da hat das BBT noch Sorgen ? zynisch nicht ? Antworten
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