«Er muss Feuerwehr spielen»
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 06.10.2011 1 Kommentar
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Jean-Claude Trichet tritt um 14.30 Uhr in Berlin vor die Medien. Bernerzeitung.ch/Newsnet berichtet live ab 14.15 Uhr.
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Wenn Jean-Claude Trichet heute vor die Medien tritt, ist der Zinsentscheid einmal mehr sekundär. Stattdessen könnte der Auftritt des scheidenden EZB-Präsidenten zum Spektakel werden: Einerseits muss Trichet Nothilfe leisten, damit Europas Banken nicht untergehen. «Er muss Feuerwehr spielen», zitiert Bloomberg heute Morgen einen Analysten.
Andererseits ist es Trichets allerletzte Medienkonferenz, bevor er Ende des Monats an Mario Draghi übergibt. Er wird darum wohl noch einmal um Anerkennung für seine Leistung ringen – wie bei seinem letzten Auftritt, als er die Journalisten anschrie, doch endlich seinen Einsatz für die Preisstabilität zu würdigen. «Er wird um sein Vermächtnis kämpfen», schreibt das «Wall Street Journal». Trichets Auftritt, heute Nachmittag um 14.30 Uhr in Berlin, verspricht, spannend zu werden.
Gefährlicher Kreislauf
Es brennt lichterloh in Europa: Am Montag setzte die Bank Dexia einen Hilferuf ab. Das französisch-belgische Institut braucht Unterstützung vom Staat, weil es aufgrund der grossen Zahl griechischer und italienischer Staatsanleihen in seiner Bilanz das Vertrauen der Märkte verloren hat – Dexia erhält nur noch zu horrenden Preisen Kapital. Es droht der brandgefährliche Misstrauenskreislauf, der die Finanzmärkte bereits 2008 in die Krise stürzte. Trichet, 68-jährig und wenige Wochen vor seinem Ruhestand, soll die Panik verhindern helfen. Die EZB stehe bereit, «dem Markt, falls nötig, langfristig Liquidität zu geben», kündigte Jens Weidmann, Präsident der deutschen Bundesbank, bereits gestern gegenüber Reuters an.
Das werden Trichet und seine Kollegen nach Erwartungen der meisten Analysten tun, indem sie heute längere Laufzeiten für die an die Banken vergebenen Kredite ankündigen. Ausserdem werden sie wohl den Instituten anbieten, ihnen mit Hypotheken oder anderen Sicherheiten gedeckte Papiere abzukaufen – das pumpt weiteres flüssiges Geld in den Markt. 2008 hatte Trichet mit Erfolg zu denselben Instrumenten gegriffen, um die Bankenpleite in Europa zu verhindern.
«In Stein gemeisselt»
Den Zins jedoch werde die EZB wohl bei 1,5 Prozent belassen, schätzt die Mehrheit der von den Wirtschaftsagenturen befragten Analysten. Zwar hat sich in Europa eine Rezession gegen Ende des Jahres angekündigt, was eigentlich nach einer Zinssenkung ruft. Doch vermutlich wird diese erst im November oder Dezember von Draghi verkündet. Denn Trichet fürchtet tiefe Zinsen: Seine oberste Priorität war stets die Preisstabilität. Die Rolle der EZB als deren Hüterin sei «in Stein gemeisselt», sagte er einst bei seinem Amtsantritt. Tatsächlich ist es ihm und seinem Team im Grossen und Ganzen gelungen, die Inflation bei um die 2 Prozent zu zügeln.
Doch Lorbeeren erhält Trichet dafür keine. Stattdessen muss sich Trichet seit Monaten heftige Kritik wegen seiner Rolle in der Schuldenkrise gefallen lassen. Sein Entscheid, Staatsanleihen gefährdeter Eurostaaten im Umfang von rund 160 Milliarden Euro aufzukaufen, sorgt insbesondere in Deutschland für einen Sturm der Entrüstung – Trichet habe die verbotene Grenzzone zur Politik übertreten, heisst es. Selbst der deutsche Bundespräsident Christian Wulff übte öffentlich Kritik. Aus der restlichen Eurozone und den USA kommt die gegenteilige Rüge: Trichet müsse endlich Dogmen überwinden und sich bereit erklären, mit EZB-Geld den Europäischen Stabilitätsfonds (EFSF) abzusichern.
Bei seiner letzten Pressekonferenz platzte Trichet ob all der Nörgeleien der Kragen: «Ich würde sehr gerne einmal ein paar Gratulationen für diese Institution hören, die Deutschland nun 13 Jahre lang Preisstabilität beschert hat», schrie der EZB-Präsident die Journalisten an. Es ist zu erwarten, dass Trichet auch heute, bei seinem allerletzten Auftritt, noch einmal um Anerkennung für seine Leistung kämpft. Insbesondere, nachdem gestern ein prominenter französischer Investor einen scharfzüngigen offenen Brief an Trichet in vier wichtigen europäischen Zeitungen schaltete. «Leben Sie wohl, man wird Sie nicht vermissen», begann das Schreiben von Edouard Carmignac, der ein Vermögen von 50 Milliarden Euro betreut. Carmignacs Kritik: Trichet hätte schon viel früher die Zinsen senken und unbeschränkt Staatsanleihen aufkaufen müssen. «Schliesslich ist ein schwacher Euro besser als gar kein Euro.» Jetzt, so schrieb Carmignac, habe Trichet eine letzte Chance, sich als «wahrer Staatsmann» zu zeigen. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 06.10.2011, 13:16 Uhr
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