Einzigartiges Versagen

Venezuela steuert auf eine humanitäre Katastrophe zu. Der Ölpreiszerfall und jahrelanges Missmanagement haben die Wirtschaft kollabieren lassen. Den Menschen fehlt es an allem.

Tag für Tag werden die Venezolaner auf die Geduldsprobe gestellt - lange Warteschlangen vor einem Supermarkt in Caracas.

Tag für Tag werden die Venezolaner auf die Geduldsprobe gestellt - lange Warteschlangen vor einem Supermarkt in Caracas. Bild: Carlos Garcia Rawlins/Reuters

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Plus 180,9 Prozent und minus 5,7 Prozent. Die erste Zahl steht für die letztjährige Inflationsrate in Venezuela, die zweite für den Einbruch der Wirtschaftsleistung, und veröffentlicht wurden sie gestern von der Notenbank des Landes. Es sind die Eckwerte eines einzigartigen Versagens – so schlecht ist es im vergangenen Jahr keiner anderen Volkswirtschaft ergangen. Erheblichen Anteil am faktischen Zusammenbruch der Wirtschaft hat der seit Mitte 2014 um rund 70 Prozent eingebrochene Ölpreis. Die venezolanischen Exporte bestehen zu über 95 Prozent aus Rohöllieferungen.

Die Ursachen für Venezuelas Malaise reichen aber viel tiefer. Jahrelanges Missmanagement, Korruption und überrissene Sozialprogramme haben die Wirtschaft regelrecht aufgezehrt. Rigorose Kontrollen der Preise und des Kapitalverkehrs schnüren jegliche privatwirtschaftlichen Initiativen ab. Die Bevölkerung muss dafür einen hohen Preis bezahlen – in Form einer allgegenwärtigen Mangelwirtschaft. Das «Wall Street Journal» berichtete kürzlich vom Tod von sechs Säuglingen im Spital der Stadt San Cristróbal; Grund hierfür sollen fehlende Medikamente und Beatmungsgeräte gewesen sein.

Symbolträchtige Erhöhung der Benzinpreise

Allem Anschein nach hat das gepeinigte Land den Höhepunkt seiner schweren Depression noch längst nicht erreicht – im Gegenteil: Für das laufende Jahr geht der Internationale Währungsfonds von einer Inflation von 720 Prozent und einem Einbruch des Bruttoinlandprodukts (BIP) um 10 Prozent aus. Doch selbst diese Horrorprognose dürfte überholt sein, nachdem Venezuelas Präsident Nicolás Maduro am Mittwoch Preiserhöhungen für Benzin sowie eine Abwertung der Landeswährung Bolívar bekannt gegeben hat. Beide Massnahmen werden Venezuela einen neuerlichen Teuerungsschub bescheren. Vor allem die Reduktion der Benzinsubventionen sehen Beobachter als einen Schritt von starker Symbolkraft. Die linkspopulistische Regierung rühmte sich, ihren Bürgern das weltweit billigste Benzin zu offerieren. Und immer noch in traumatischer Erinnerung ist die Benzinverteuerung von 1989, die schwere Unruhen im Land mit Hunderten von Toten auslöste.

Die heute Freitag in Kraft getretenen Preiserhöhungen belaufen sich beim Superbenzin auf über 6000 Prozent: Der Liter kostet neu 6 Bolívares, nach bisher 0,097. Rechnet man den neuen Preis zum geltenden Schwarzmarktkurs von über 1000 Bolívares je Dollar um, so liegt er weiterhin bei einigen wenigen US-Cent je Liter. «Das ist eine notwendige Massnahme», sagte Maduro in einer Fernsehansprache, die sich über mehr als vier Stunden hinzog. «Ich übernehme die Verantwortung dafür.» Die Regierung verspricht sich von den höheren Benzinpreisen eine Entlastung der Staatskasse um jährlich rund 800 Millionen Dollar. Das riesige Haushaltdefizit von über 20 Prozent des BIP wird damit aber nur unwesentlich verringert: Gemäss Experten sollte der Subventionsabbau zu einer Entlastung von gerade mal 2 bis 2,5 Prozent des BIP beitragen.

Drohender Staatsbankrott

Venezuela gilt denn auch als einer der heissesten Kandidaten für einen Staatsbankrott. Sein Schuldenberg türmt sich auf rund 110 Milliarden Dollar, und allein 2016 müssen die Südamerikaner, inklusive des staatlichen Ölkonzerns PDVSA, gegen 20 Milliarden für Zinsen und Kreditrückzahlungen aufbringen – davon geht etwa ein Drittel an China. Bei einem Ölpreis von 32 Dollar je Fass, so schätzen Experten, müsste das Land nicht weniger als 90 Prozent der voraussichtlichen diesjährigen Ölexporteinnahmen für den Schuldendienst aufwenden. Ein wenig realistisches Unterfangen: Venezuela verfügt zwar über die weltweit grössten Rohölvorräte – aber eben nicht über andere Quellen für Deviseneinnahmen.

Bislang hat Maduro der fristgerechten Begleichung der Staatsschulden oberste Priorität beigemessen. Er weiss natürlich, dass ein Zahlungsverzug (Default) die Gläubiger veranlassen dürfte, venezolanische Öltransporte und Vermögenswerte im Ausland zu konfiszieren. Ohne diesen Geldstrom ist es nur mehr eine Frage der Zeit, bis Maduros Regime zusammenbrechen würde. Angesichts dieser Drohkulisse erschien dem Präsidenten die drastische Beschneidung der Importe als das geringere Übel, auch wenn dies mit grossen Entbehrungen und Nöten für die Bevölkerung verbunden ist. Betrug das Einfuhrvolumen 2007 – bei einem damaligen durchschnittlichen Ölpreis von 72 Dollar je Fass – noch 50 Milliarden Dollar, so ist es im letzten Jahr auf 30 Milliarden zusammengeschmolzen.

Der Präsident und seine Hühner

Längst fehlt es in Venezuela an allem, von Grundnahrungsmitteln wie Reis und Milch bis Windeln und Toilettenpapier. Wer es sich leisten kann, versucht sich auf dem Schwarzmarkt einzudecken. Oder packt seine Sachen und kehrt dem Land den Rücken. Laut verschiedenen Schätzungen sind in den letzten zehn Jahren mehr als eine Million Venezolaner ausgewandert.

Die alltägliche Not im Land treibt bisweilen bizarre Blüten. So hat Maduro im Januar ein Ministerium für städtische Landwirtschaft ins Leben gerufen in der Absicht, die Selbstversorgung der Bürger mit Nahrungsmitteln zu forcieren. Der Präsident selber ging bereits mit gutem Beispiel voran: Er habe 50 Hühner zu Hause, liess er verlauten, und seine Landleute sollten sich doch auch in häuslichem Anbau versuchen. Derweil befürchten Experten, dass Venezuela ohne ein baldiges und radikales Umsteuern in der Wirtschaftspolitik auf eine humanitäre Katastrophe zusteuert. Wie die «Financial Times» kürzlich kommentierte, wäre ein Staatsbankrott für die Venezolaner aus heutiger Sicht womöglich noch der beste Ausgang.

(Bernerzeitung.ch/Newsnet)

(Erstellt: 19.02.2016, 19:31 Uhr)

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