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Eine Zahl, die vieles bedeuten kann

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 03.08.2010 13 Kommentare

Wieso in den USA Wachstumszahlen als schlecht gelten, die in der Schweiz Euphorie auslösen würden.

Was für die einen gut ist, bedeutet für andere eine Höllenfahrt: Wachstumszahlen sagen für sich genommen wenig aus.

Was für die einen gut ist, bedeutet für andere eine Höllenfahrt: Wachstumszahlen sagen für sich genommen wenig aus.
Bild: Hajo de Reijger /Cagle.com

Die unsinnige Definition der Rezession

Ob sich ein Land in einer Rezession befindet, ist meist dadurch definiert, dass der Gesamtausstoss (das Bruttoinlandprodukt BIP) dieses Landes zwei Quartale nacheinander schrumpft. Diese Definition wurde für die USA als Daumenregel definiert und geht nicht auf eine ökonomische Gesetzmässigkeit zurück. Tatsächlich ist sie ein schlechter Massstab. Ein Beispiel: Ein Land, das in einem Quartal 2 Prozent wächst, dann zwei Quartale negatives Wachstum ausweist und danach erneut 2 Prozent wächst, legt stärker zu, als ein zweites Land, das in jedem Quartal ein minimales Wachstum von 0,1 Prozent ausweist. Doch nur das erste Land war gemäss der Definition in einer Rezession.

Für die Praxis bedeutsamer: Die meisten Leute machen eine Rezession daran fest, ob die Arbeitslosigkeit steigt, beziehungsweise hoch bleibt. Diese hängt davon ab, ob die Gesamtnachfrage einer Volkswirtschaft mit dem Wachstum der Bevölkerung und der Produktivität mithalten kann. In China, wo diese Grössen sehr stark wachsen, würde daher schon ein BIP-Wachstum von 5 Prozent eine schwere Krise auslösen, während die Schweizer Wirtschaft damit rasch stark überhitzt wäre (siehe Text). Das Beispiel zeigt, dass es von den Bedingungen in jedem Land abhängt, bei welcher Wachstumsrate eine Rezession vorherrscht.

Sinnvoller wäre daher, eine Rezession dann zu verkünden, wenn in einem Land das tatsächliche Wachstum deutlich unter jenes des Potenzials fällt. Das ist aber weit komplizierter zu verstehen und verlangt nach mehr Daten als die Definition mit den zwei Quartalen Negativwachstum. Deshalb wird sich diese wohl noch lange halten.

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Ein Wirtschaftswachstum gemessen am Bruttoinlandprodukt BIP von 2,4 Prozent würde im laufenden Jahr die Wachstumserwartungen in der Schweiz übertreffen. In den USA dagegen ist man alles andere als glücklich. Die Wirtschaft hat dort im zweiten Quartal nach vorläufigen Schätzungen und aufs Jahr hochgerechnet in diesem Umfang zugelegt. Und die Zahl hat herb enttäuscht. Selbst die Angst vor einer erneuten Rezession hat dadurch neue Nahrung erhalten. Wie sind solch unterschiedliche Auffassungen möglich?

BIP-Wachstumszahlen sagen für sich genommen wenig aus. Alles hängt davon ab, in welchem Verhältnis sie zum Wachstum des Potenzials stehen. Dieses drückt in Prozent aus, wie stark die Erwerbsbevölkerung und die Produktivität eines Landes jährlich zulegen. Wenn der pro Jahr mit dem BIP gemessene Ausstoss an Waren und Dienstleistungen weniger stark wächst als dieses Potenzial, steigt die Arbeitslosigkeit, weil mehr Leute auf den Arbeitsmarkt strömen, als durch die Produktionssteigerung benötigt werden, beziehungsweise die bereits Beschäftigten ihren Output stärker steigern, als die Nachfrage nach den Produkten zunimmt.

Das alles entscheidende Potenzialwachstum

Das Potenzialwachstum kann nicht direkt gemessen werden, sondern beruht auf Schätzungen. In den USA wird es auf Werte zwischen 2,25 und 2,75 Prozent geschätzt. Sollte die Wirtschaft in den USA nur mit 2,4 Prozent im Jahr wachsen, würde die rekordhohe amerikanische Arbeitslosigkeit von rund 10 Prozent auf diesem Stand verharren. Man könnte also kaum von einer Erholung sprechen. Faktisch würde die grösste Volkswirtschaft der Welt in einer Rezession verharren (zur Rezessions-Definition siehe Box).

Um die Arbeitslosigkeit in den USA um 1 Prozent zu senken, muss das tatsächliche BIP-Wachstum das Potenzialwachstum um 2 Prozent übertreffen: Das besagt eine Faustregel unter Ökonomen. Allein um die Arbeitslosenquote auf rund 9 Prozent zu drücken, wäre daher in den USA ein Jahreswachstum von 4,5 Prozent vonnöten. Um die Arbeitslosenquote wieder auf den Stand von rund 4,8 Prozent zurückzuführen – den Stand, der nicht auf konjunkturelle Gründe zurückgeht – müsste die Wirtschaft nach dieser Rechnung sogar über fünf Jahre so stark wachsen. Das Beispiel zeigt: Selbst ein gewaltiger Aufschwung mit jährlichen Wachstumsraten von beinahe 5 Prozent würde sich auf den Arbeitsmärkten noch über Jahre wie eine Rezession anfühlen. Die vergangene Krise wirft lange Schatten.

In China würden 5 Prozent eine schwere Krise bedeuten

In China würden allerdings sogar Wachstumszahlen von 5 Prozent faktisch einer Rezession mit sehr stark steigender Arbeitslosigkeit entsprechen und damit wohl die Stabilität des gesamten Systems gefährden. Im Milliardenstaat strömen jährlich derart viele neue Beschäftigte auf den Arbeitsmarkt und nimmt die Produktivität derart rasant zu, dass das Potenzialwachstum dort auf zwischen 8 und 9,5 Prozent geschätzt wird. So stark muss die chinesische Wirtschaft also wachsen, nur um die Arbeitslosigkeit stabil zu halten. Der Internationale Währungsfonds schätzt das Wachstum in China gemessen am BIP für das laufende Jahr auf 10,5 Prozent. Das Beispiel zeigt, wie wenig Sinn es macht, Wachstumsraten direkt miteinander zu vergleichen.

In der Schweiz wird das Potenzialwachstum auf rund 2 Prozent geschätzt, rund 0,5 Prozent mehr als noch zur Mitte des Jahrzehnts. Grund für den Anstieg ist vor allem die Einwanderung hochqualifizierter Arbeitskräfte. Sie haben gleichzeitig die Beschäftigung und die Produktivität erhöht. Für das laufende Jahr wird ein tatsächliches BIP-Wachstum erwartet, das sich gerade in der Höhe des Potenzialwachstums befindet, im nächsten Jahr sogar ein geringeres. Treffen diese Prognosen zu, wird die Arbeitslosenquote nicht mehr weiter zurückgehen – momentan liegt sie bei 3,7 Prozent. Entsprechend prognostizieren das die Ökonomen auch. Im internationalen Kontext bleiben diese Arbeitslosenzahlen allerdings äusserst bescheiden. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.08.2010, 12:20 Uhr

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13 Kommentare

Markus Weber

03.08.2010, 12:46 Uhr
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Ein bedingungsloses Grundeinkommen wäre wohl die Lösung. Antworten


Lukas Zürcher

03.08.2010, 12:34 Uhr
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Es ist klar dass das Wachstum nicht unbegrenzt weitergeht, die Erhöhung der Produktivität wird jedoch weitergehen. Die Frage stellt sich nun wie damit umzugehen ist. Da sind wohl neue Ideen gefragt. Antworten



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