Eine Geldschwemme wie nie in der Geschichte

Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 17.09.2009 30 Kommentare

Die Notenbankgeldmenge nahm in den letzten Monaten dramatisch zu. Die Gründe, warum der Schweiz dennoch keine Inflation droht.

Gewagte Geldpolitik mangels Alternative: Das Nationalbankdirektorium mit Philipp Hildebrand, Jean-Pierre Roth und Thomas Jordan.

Gewagte Geldpolitik mangels Alternative: Das Nationalbankdirektorium mit Philipp Hildebrand, Jean-Pierre Roth und Thomas Jordan.
Bild: Keystone

Libor und Repo

Die Nationalbank hat zu ihrem Leitzins den Libor für Schweizer Franken für eine Ausleihfrist von 3 Monaten auserkoren. Der Libor ist der Zins, den sich Banken für ihre gegenseitigen und nicht durch Sicherheiten hinterlegten Ausleihungen verrechnen. Libor steht für «London Interbank Offered Rate», denn in London wird er als Durchschnitt der täglich verlangten Zinsen berechnet. Die Nationalbank kann ihn nur indirekt, durch die Geldversorgung der Banken, steuern. Diese läuft über sogenannte «Repo»-Geschäfte. «Repo» steht für «Repurchase Agreement» und entspricht einem durch Wertpapiere gesicherten Kredit an die Banken. Je tiefer sie den Zins für diese Art von «Kredit» ansetzt, je tiefer sinkt normalerweise auch der Libor.

Während des letzten Jahres hat dieser Mechanismus allerdings zeitweise nicht mehr funktioniert. Das Misstrauen der Banken hat dazu geführt, dass der Liborsatz im letzten Herbst sogar angestiegen ist, als die SNB diesen Leitzins offiziell gesenkt hat. Die grösste Schwierigkeit für die Notenbank besteht darin, dass sie die Reposätze praktisch nicht mehr senken kann, da diese sich bereits bei 0,05 Prozent (für ein einwöchiges Repogeschäft) befinden. Die SNB hat daher wie andere Zentralbanken auch, zu anderen und bisher als gefährlich gehaltenen Methoden gegriffen, um weiter Geld in die Wirtschaft zu pumpen. So hat sie unter anderem begonnen, Wertpapiere von Unternehmen aufzukaufen.

Die Konjunkturbeobachter sind sich einig: Die Schweizerische Nationalbank (SNB) wird heute den Leitzins unverändert lassen, sie wird weiterhin einen Wert des «Libor» von 0,25 anstreben. Tatsächlich stellt sie das Geld den Banken wie andere Zentralbanken auch, praktisch gratis zur Verfügung – aufs Jahr hochgerechnet zu einem Satz von 0,05 Prozent pro Woche für sogenannte Repogeschäfte (siehe Kasten links).

Die grosszügige Geldversorgung zeigt sich auch in einer gewaltigen Zunahme der Geldmenge in den meisten entwickelten Volkswirtschaften. Das wiederum weckt Inflationsängste. Sie sind unbegründet. Das neu geschaffene Geld kommt nämlich gar nicht in der Wirtschaft an, wie die Statistiken der Schweizerischen Nationalbank zeigen.

Grösste je gemessene Geldmengenzunahme

Laut dem neuesten «Statistischen Monatsheft» der Nationalbank hat die von ihr direkt steuerbare, sogenannte Notenbankgeldmenge, im Juli im Vergleich zum gleichen Vorjahresmonat um 140,4 Prozent auf 109,3 Milliarden Franken zugenommen. Ein ähnlich hoher Anstieg zeigt sich in keinem anderen Jahr der bis 1950 zurückreichenden SNB-Statistik. Von 1951 bis Ende 2007 belief sich die durchschnittliche Zunahme der Notenbankgeldmenge jeden Monats (im Vergleich zum Vorjahresmonat) auf bloss 3,9 Prozent. Seither ist dieser Durchschnitt auf beinahe 54 Prozent angestiegen. Im Jahr 2009 allein erreichte er bisher sogar den gigantischen Wert von 125 Prozent.

Nach einem Blick in die Geschichte müssten nach einem solchen Geldmengenexzess eigentlich alle Warnlampen blinken. Nach dem mit 59,2 Prozent bisher zweithöchsten Anstieg der Notenbankgeldmenge im Februar 1972 (nach dem Ende des «Bretton Woods Systems» fixer Wechselkurse) stieg die Inflation bis zum Dezember 1973 auf beinahe 12 Prozent an.

Der Wert des Geldes nimmt zu

Eine solche Entwicklung ist trotz dieser beeindruckenden Geldmengenexplosion diesmal nicht zu erwarten. Eine Inflation entsteht dann, wenn das Geld die Nachfrage stimuliert und so die Preise hochtreibt. Bisher geschieht in der Schweiz das Gegenteil: Statt dass die Inflation ansteigt, geht sie seit dem Sommer 2008 stetig zurück. Im August belief sie sich auf minus 0,8 Prozent. Der Wert des Geldes nimmt zu, beziehungsweise das Preisniveau sinkt.

Der Grund: Das viele neu geschaffene Geld kommt nicht in der realen Wirtschaft an. Die Banken parken es postwendend wieder bei der Nationalbank, von der sie es beziehen. Die auf den Konten bei der SNB gehaltenen Gelder (den «Girokonten inländischer Banken») haben im Juli bezogen zum Vorjahresmonat um sage und schreibe um das Zwölffache zugenommen. Die bei der Zentralbank gelagerte Summe belief sich im Juli auf 64,3 Milliarden Franken. Im monatlichen Durchschnitt hielten die Finanzinstitute seit 1950 dagegen bloss einen Betrag von 4,2 Milliarden auf ihren Konten bei der Nationalbank.

Die Banken trauen sich noch immer nicht über den Weg

Die enorm hohe Geldhaltung der Banken hat mit dem anhaltenden Misstrauen zu tun, den diese gegenüber ihresgleichen haben: «Die Banken tauschen das Geld immer noch nicht im selben Ausmass wie früher unter sich aus, sondern über die Nationalbank,» erklärt Nationalbanksprecher Werner Abegg. Dass die Geldkanäle nach wie vor nicht normal funktionieren, zeigt auch die Schwierigkeit der Nationalbank, den Zinssatz für Geschäfte zwischen den Banken (Libor) mit ihrer Geldpolitik auf den gewünschten Satz von 0,25 Prozent zu drücken. Noch immer liegt er bei 0,3 Prozent.

Die drastische Zunahme der Notenbankgeldmenge und die tiefen Zinsen der Nationalbank finden daher auch keinen Niederschlag in der Kreditstatistik. Diese misst auch die vergebenen Hypotheken, die die Statistik dominieren. Sowohl die von den Banken gewährten Limiten wie auch die Beanspruchung der Kredite hat in der Schweiz zwar zugenommen, aber beide mit einem Durchschnitt von unter 5 Prozent deutlich weniger als im letzten Boomjahr 2007, als die Kredite um bis zu 15 Prozent zugelegt haben.

Firmen brauchen keine Kredite

«In der Schweiz ist nach wie vor keine Kreditklemme zu beobachten», sagt Abegg von der Nationalbank. Trotz der grosszügigen Geldversorgung der Nationalbank wird das Kreditvolumen dennoch aller Wahrscheinlichkeit sogar noch weiter abnehmen. Abegg nennt drei Gründe, die alle auf die anhaltend schwache Konjunkturlage zurückgehen. Erstens seien die Banken wegen steigenden Ausfallrisiken bei der Kreditvergabe zurückhaltender; zweitens würden die Unternehmen wegen geringerer Investitionen weniger Kredite nachfragen und drittens finanzierten sich viele kleine und mittlere Unternehmen selbst oder zumindest nicht über Bankkredite.

Mit Blick auf die Daten erstaunt es daher kaum, dass die Nationalbank trotz ihrer eigenen drastischen Geldmengenzunahme noch immer mehr eine Deflation (ein sinkendes Preisniveau) fürchtet, als eine Inflation. Darin liegt auch der Grund, dass sie ihre expansive Geldpolitik noch einige Zeit weiter fortsetzen wird. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.09.2009, 12:00 Uhr

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30 Kommentare

Rolf Glauser

17.09.2009, 10:25 Uhr
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Die ueberhohen Bankspesen und Gebuehren senken waere das Eine. Und dem Otto Normalbuerger etwas mehr Zins auf dem den Banken zur Verfuegung gestellten Spargeld zahlen, waere das Andere. So billiges Geld wie das Spargeld wuensche ich mir fuer meine Hypothek. Die Nationalbank duerfte auch wieder mal den Normalbuerger begluecken. Antworten


Hans-Peter Widmer

17.09.2009, 08:04 Uhr
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Kann bitte jemand erklären, weshalb die Nationalbank Geld in den Markt pumpt, obwohl es niemand will/benötigt? Kommte das Geld aus der Notenpresse? TIA Antworten



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