«Ein Abkommen mit der Schweiz würde schnell viel Geld bringen»
Von René Lenzin. Aktualisiert am 12.09.2011 11 Kommentare
Alfredo Gysi
Als Auslandschweizer in Mailand aufgewachsen, trat der studierte Mathematiker Alfredo Gysi (63) 1975 in die Informatikabteilung der Banca della Svizzera Italiana (BSI) ein. 1991 stieg er in die Geschäftsleitung auf, 1994 übernahm er die Gesamtleitung der Bank, die zur Generali-Gruppe gehört. Gysi ist Präsident der Auslandbanken in der Schweiz, sitzt im Verwaltungsausschusses der Schweizerischen Bankiervereinigung und ist seit Mai Mitglied des Bankrats der Schweizerischen Nationalbank. (len)
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Im Juli 2009 haben Sie die Abgeltungssteuer im TA erstmals öffentlich lanciert und gefordert, die Verhandlungen müssten schnell vorangetrieben werden. Jetzt sind die ersten beiden Abkommen unter Dach. Ging das schnell genug?
Wenn man bedenkt, dass ich damals relativ allein war, ist es erstaunlich, wie schnell der Konsens gefunden wurde, zuerst in der Schweiz und dann international. Geholfen haben sicher die Krise und der Regierungswechsel in Deutschland. Aber auch die Tatsache, dass die Schweiz sich bewusst geworden ist, dass sie proaktiv vorgehen muss, den bilateralen Verhandlungsweg suchen muss und nicht einfach passiv ihre heutige Position verteidigen kann.
Sind die Abkommen so herausgekommen, wie Sie es sich gewünscht haben?
Bei einer ausgewogenen Lösung müssen beide Seiten Kompromisse machen. Mit dem Gesamtpaket bin ich zufrieden. Kunden, Banken und die beteiligten Staaten haben ihre Ziele erreicht.
Die OECD diskutiert über neue Standards im Informationsaustausch, die USA setzen die Schweiz massiv unter Druck. Sind diese Abkommen nicht überholt?
Ich glaube nicht. Die Abgeltungssteuer löst das Problem der Steuerhinterziehung an der Wurzel und ist unbürokratisch. Ich wage daher die Prognose, dass diese Abkommen lange gelten und sich nicht auf zwei Länder beschränken werden.
Für die Tessiner Banken steht Italien im Vordergrund. Wirtschaftsminister Giulio Tremonti hat sich offener gezeigt als auch schon. Wird nun endlich verhandelt?
Die Signale sowohl Tremontis als auch der veröffentlichten Meinung in Italien deuten jedenfalls darauf hin. Das Bewusstsein wächst, dass die Abgeltungssteuer eine gute Lösung ist. Sowohl für die Altlasten als auch für die Zukunft. Italien hat Schwierigkeiten, seine finanziellen Herausforderungen in den Griff zu bekommen. Ein Abkommen mit der Schweiz würde schnell viel Geld bringen und erst noch künftige Steuerhinterziehung verhindern.
Wie viel italienisches Geld würde bei einer Bereinigung der Altlasten aus der Schweiz abfliessen?
Wir sprechen sicher von substanziellen Beträgen. Der genaue Betrag hängt von der Formel ab. Italien hat eine kürzere Verjährungsfrist und besteuert Vermögensrenditen tiefer als Deutschland und England. Es gilt einen Steuersatz zu finden, der die Banken, die Kunden und Italien zufriedenstellt. Ist er zu hoch, fliessen die Gelder in andere Finanzplätze ab, was weder im Interesse Italiens noch der Banken sein kann.
Laut italienischen Schätzungen befinden sich 100 bis 150 Milliarden Euro Schwarzgeld in der Schweiz. Ist das realistisch?
Ich habe keine Zahlen, und es sind auch noch keine erhoben worden. Bei der letzten Steueramnestie wurden 60 Milliarden Euro aus der Schweiz deklariert. Diese Zahl liefert eine Grössenordnung, was in der Schweiz noch sein könnte.
Italien steckt in der Krise. Ist die BSI als Tochter einer italienischen Versicherung betroffen?
Nein. Generali ist zwar eine italienische Versicherung, aber ein international tätiger Konzern. Die Zukunft von Generali ist deshalb nicht nur von einem Markt abhängig, auch wenn dieser sehr wichtig ist. Sie ist Nummer zwei in Deutschland und in Frankreich. Wenn schon, leidet Generali unter der gesamteuropäischen Krise.
Auch Ihr Halbjahresergebnis war von der Eurokrise und vom starken Franken negativ beeinflusst.
Das Schweizer Private-Banking-Geschäft kann grundsätzlich als Exportindustrie betrachtet werden. Unserer Bank machen das Zinsniveau und die Kursentwicklung des Frankens zu schaffen. 70 Prozent unserer Einnahmen sind in Dollar und Euro, aber 100 Prozent der Kosten in der Schweiz in Franken. Dazu kommt die Krise der Börsen, die uns tiefe Handelsvolumen und hohe Buchverluste bringt.
Die Nationalbank hat dezidiert Gegensteuer gegeben. Wird ihr Manöver gelingen?
Auch wenn der Franken bei einem Wechselkurs von 1.20 immer noch eindeutig überbewertet ist, begrüsse ich die Massnahme. Das Resultat werden wir zwar erst in einigen Wochen oder Monaten abschätzen können. Aber die Ankündigung der SNB ist doch ein Gegenmittel gegen die Spekulation, welche die Entwicklung des Frankens stark beeinflusst hat.
Laut italienischen Medien finden vermehrt wieder Kapitalverschiebungen in die Schweiz statt. Auch zur BSI?
Solche Bewegungen habe ich nicht beobachtet. Ich glaube aber, dass die Attraktivität unseres Finanzplatzes dank der Abgeltungssteuer durchaus wieder zunehmen kann. Wenn wir mit diesen Abkommen den Marktzugang zu grenzüberschreitenden Dienstleistungen erhalten, wird die Attraktivität für versteuerte Vermögen vor allem im oberen Kundensegment zunehmen. Wenn wir das Thema Steuerhinterziehung vom Thema Privatsphäre entkoppeln, wie es mit diesen Abkommen geschieht, bietet sich die Chance für ein neues Businessmodell. Es ist nicht mehr in der Grauzone angesiedelt, sondern im Tageslicht. In diesem Umfeld werden schweizerische Auslandbanken vom Vertriebsnetz der Muttergesellschaften in ihrem Heimmarkt profitieren und Kunden für ihre Tätigkeit in der Schweiz gewinnen können.
Wäre das ein Revival des totgesagten Offshore-Bankings?
Es wäre vielmehr ein Cross-Boarder-Banking, das von der Kompetenz der Schweizer Banken und vom Vertrauen in die Schweiz lebt. Gerade für Leute mit grösseren Vermögen sind diese Faktoren wichtig, auch wenn ihnen das Konto in der Schweiz keine Steuervorteile mehr bringt.
Dieser Optimismus widerspricht den Prognosen vieler Experten. Diese sehen im Personalabbau bei den Grossbanken den Anfang eines grösseren Bereinigungsprozesses.
Der Finanzplatz steht sicher vor einer Restrukturierungsphase. Der Kostendruck, sinkende Margen und Kundenabflüsse werden eine Reduktion der Arbeitsplätze mit sich bringen. Wir gehen in eine Phase mit vielen Unsicherheiten, aber auch Chancen. Das alte Geschäftsmodell hat 80 Jahre lang funktioniert. Die grösste Konkurrenz war die Bank über die Strasse. Neu wird die Konkurrenz weltweit sein. Das weckt Ängste. Wenn wir wirklich so gut sind, wie ich glaube, werden wir mit diesen Problemen aber fertig werden. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 12.09.2011, 08:39 Uhr
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11 Kommentare
Die Attacken auf den Schweizer Finanzplatz nehmen deutlich an Menge und Intensität zu. Alles fing mit dem Einknicken bei den ersten Begehrlichkeiten an. Wir haben der Welt gezeigt, dass man uns mit Moraltaktik und wenig Druck das Geld aus den Taschen ziehen kann.
Den Verantwortlichen geht es weiterhin gut und sie wähnen sich noch immer auf der Siegerstrasse.
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Eine andere Alternative wäre, langfristig wird das so sein müssen, die Strategie von aggressiv auf legal zu ändern, Verantwortung zu übernehmen und sich der Marktwirtschaft zu unterwerfen. Das will heissen wer sich nicht an die Gesetzte hält wird bestraft, der Markt reguliert, d.h. niemand wird so gross dass er vom Staat gerettet werden muss. Es ist Zeit sich von den Banken zu lösen! Antworten
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