«Die grossen Firmen haben begonnen, China zu verlassen»
Aktualisiert am 16.07.2010 63 Kommentare
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Chinesische Fabrikarbeiter fordern immer massiver höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen. Damit steigen für ausländische Firmen die Produktionskosten in der Volksrepublik, deren südliche Küstenregion bislang als Fabrikhalle der Welt galt. «China macht eine sehr dramatische Zeit durch», sagt Rick Goodwin, dessen Firma Geschäfte zwischen ausländischen Käufern und chinesischen Anbietern vermittelt. «Die grossen Firmen haben damit begonnen, das Land zu verlassen.»
Viele ausländische Firmen sind infolge der steigenden Produktionskosten von der südlichen Küstenregion in Gebiete im Landesinneren Chinas oder sogar in andere Schwellenländer ausgewichen. Denn die Hersteller von Weihnachtsbäumen bis hin zu technischen Geräten wie dem iPad von Apple sind auf niedrige Produktionskosten angewiesen, um im internationalen Wettbewerb mithalten zu können.
Dass der Ära der Billigproduktion in China das Ende droht, hat vor allem eine Reihe von Arbeiterstreiks in den vergangenen zwei Monaten klar gemacht. Aber auch Land-, Wasser- und Energiekosten sind gestiegen und der Transport ist teurer geworden. Zudem hat Peking beschlossen, den chinesischen Yuan nicht mehr strikt an den US-Dollar anzubinden, wodurch der Wechselkurs unvorhersehbarer geworden ist. Allesamt Entwicklungen, vor denen Goodwin seine internationalen Kunden warnt: «Ich sage ihnen, ‹zieht eure Helme auf, es wird ungemütlich›.»
Arbeitskosten steigen jährlich um etwa 15 Prozent
Seit 2007 gibt es keine Steuerbegünstigungen für ausländische Firmen mehr und seit 2008 sind die Arbeitskosten jährlich um etwa 15 Prozent gestiegen. Grund dafür ist ein vor zwei Jahren eingeführtes Arbeitsvertragsgesetz, das chinesische Arbeiter auf ihre Rechte aufmerksam gemacht hat.
Viele chinesische Fabrikarbeiter sind heute zudem zielstrebiger und wählerischer, was Löhne und Arbeitsbedingungen angeht, als es ihre Eltern früher waren. «Die Konflikte stellen die derzeitige Anordnung von niedrigen Löhnen und geringem Automatisierungsgrad bei der Produktion infrage und könnten die Wandlung des industriellen Sektors Chinas beschleunigen», sagte Yu Hai, ein Soziologieprofessor an der Fudan Universität von Shanghai.
Löhne verdoppelt
Die grösste Veränderung spielt sich offenbar in und nahe der Stadt Shenzhen ab, wo Tausende Exporthersteller zu Hause sind, auch der taiwanesische Elektronikhersteller Foxconn. Das Unternehmen geriet in jüngster Zeit mit einer Selbstmordwelle unter seinen 400'000 Arbeitern am Standort Shenzen in die Schlagzeilen. Als Reaktion auf die Suizide hat Foxconn die monatlichen Arbeiterlöhne auf umgerechnet knapp 230 Euro verdoppelt. Auch die von Streiks betroffenen Automobilhersteller Honda und Toyota haben die Löhne angehoben.
Um den höheren Löhnen im Süden des Landes zu entgehen, will Foxconn zusammen mit einigen der weltweit grössten Computerhersteller in der westlichen Stadt Chongqing das womöglich grösste Laptop-Produktionszentrum der Welt aufbauen. In der 32-Millionen-Stadt Chongqing sind die Lohnkosten nach Schätzungen 20 bis 40 Prozent niedriger als in den Küstenstädten.
Tausende Produktionsstätten bereits geschlossen
Hersteller von Spielzeug, Modeschmuck, Weihnachtsbäumen und billigen Schuhen haben bereits zu Tausenden ihre Produktionsstätten in China geschlossen oder die Produktion verlegt. Einige sind nach Vietnam, Indonesien oder Kambodscha ausgewichen. Diese Länder haben jedoch nicht so viele Arbeitskräfte wie China und verfügen nicht über die Infrastruktur und die Märkte, die China vorzuweisen hat. Zudem werden auch dort Forderungen nach höheren Arbeitslöhnen laut.
Doch auch andere Wirtschaftssektoren, wie die Pharma- und Biotechindustrie, überlegen sich aus Kostengründen, China als Produktionsstätte den Rücken zu kehren. «Unternehmen im Bereich der Biowissenschaften haben ihre Produktion von China zurück in die USA verlegt», sagt Sean Correll von der Beraterfirma Emptoris. «In einigen Fällen wurden es in den USA billiger», erklärt er.
Umzug ist nicht einfach
Für Firmen, die ihre Verkäufe im schnell wachsenden chinesischen Inlandsmarkt ankurbeln wollen, stellt die Verlagerung der Produktion ins Landesinnere die realistischste Alternative dar. Dort kommen viele der Wanderarbeiter her und die Kosten sind niedriger. Doch der Umzug wird nicht einfach sein. Es fehlen die in Südchina vorhandenen komplexen Zulieferketten und Logistiksysteme.
Die chinesische Regierung will den Wechsel dennoch vorantreiben und investiert in Regionen, die der industriellen Entwicklung nachhinken. Grosse Investitionen in Strassen, Schienenwege und andere Infrastruktur verringern bereits die Isolation der Städte im Landesinneren. (sam/dapd)
Erstellt: 16.07.2010, 13:04 Uhr
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63 Kommentare
Das war so sowas von vorauszusehen - und es wird sich in den anderen Ländern auch noch 5-10 Jahre bilig produzieren lassen, aber eben mit Wohlstand wachsen die Begehrlichkeiten und somit auch die Löhne. In 50 Jahren sind alle wieder in Europa wo sie abgewandert waren. Antworten
Oh wie schade, selbst dort lassen sich die Arbeitskräfte nicht mehr wie eine Zitrone auspressen? Sofort ein neues Land suchen wo das noch geht. --> durch den dauernden Neuaufbau der Anlagen werden die Hersteller irgendwann vielleicht aber doch merken dass es so nicht funktioniert. Antworten
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