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«Die aktuelle Erholung ist nicht dauerhaft»

Von Simone Boehringer und Catherine Hoffmann. Aktualisiert am 17.08.2009 10 Kommentare

Er ist Chef einer der grössten Fondsgesellschaften der Welt: Mohamed El-Erian. Er glaubt, dass die Krise nicht einfach vorbei geht. Vielmehr hat sie die Welt, wie wir sie kennen, verändert.

El-Erian: «Wir werden über Jahre hinweg mit niedrigeren Gehältern auskommen müssen.»

El-Erian: «Wir werden über Jahre hinweg mit niedrigeren Gehältern auskommen müssen.»

Mohamed El-Erian

Mohamed El-Erian ist eine bekannte Grösse in der Welt der Investoren. Der Pimco-Chef tritt regelmässig in Nachrichtensendungen der Fernsehstationen Bloomberg und CNBC auf. Er schreibt für die «New York Times» und fürs «Wall Street Journal». Seinen ersten Job hatte der Sohn eines ägyptischen Diplomaten beim Internationalen Währungsfonds. 1999 arbeitete er ein erstes Mal für Pimco, übernahm nach sechs Jahren aber die Leitung des legendären Fonds der Harvard University. Seit 2008 ist der 51-Jährige Chef von Pimco. Seit kurzem ist er zudem Lead Portfolio Manager bei einem neuen Pimco-Fonds. Pimco gibt es seit 1971. Das Unternehmen beschäftigt 1200 Mitarbeitende. (aba)

Mohamed El-Erian, 50, verantwortet die Anlage von beinahe 800 Milliarden Dollar und beherrscht den weltweiten Handel mit Anleihen. Von Newport Beach aus, einem luxuriösen Ferienort im Süden Kaliforniens, steuert der Diplomatensohn die Geschicke von Pimco, einer Tochter von Allianz Global Investors. Seit September 2007 leitet El-Erian das Unternehmen. Der berühmte Investor spielte in der Finanzkrise die Rolle des frühen Warners. Finanzminister und Notenbankchefs hören auf ihn, Wallstreet-Banker fürchten ihn.

Wird das Börsenjahr 2009 am Ende genauso schlecht ausfallen wie 2008?
Einen Weg zurück zu den idyllischen Zeiten vor 2007 gibt es nicht. Viele Märkte werden künftig stark schwanken, weil sie unter einer Entziehungskur leiden: Es gibt keine günstigen Kredite mehr. Wenn die staatlichen Konjunkturprogramme und sonstigen Massnahmen auslaufen, wird es an den Börsen ein wildes Auf und Ab geben. Erst noch total überdreht, dann kippt die Stimmung schlagartig. Per Saldo wird es aber nicht aufwärts gehen.

Warum genau erwarten Sie keinen neuen Aufschwung an den Börsen?
Die aktuelle Erholung wird sich als nicht dauerhaft herausstellen. Sie entsteht, weil die Lagerbestände nach dem extremen Abschwung weltweit wieder aufgefüllt werden, sowie durch den gewaltigen Umfang staatlicher Hilfen. Die Profitabilität der Unternehmen wird aktuell von harten Kosteneinsparungen und nicht durch nachhaltiges Ertragswachstum getrieben. Solange nicht die Gesamtnachfrage von Konsumenten und Unternehmen die Basis der konjunkturellen Belebung bildet, ist die Erholung nicht von Dauer. Warum sollten die Konsumenten gerade jetzt mehr konsumieren, da ihnen Arbeitslosigkeit droht und sie beträchtliche Vermögenseinbussen zu verkraften haben?

Haben wir denn wenigstens das Schlimmste dieser Jahrhundertkrise überwunden?
Das Schlimmste liegt hinter uns, das Undenkbare, das zeitweise denkbar war, ist nicht geschehen. Es wird aber weiter turbulent zugehen, weil wir nun die Konsequenzen dieser Systemkrise zu spüren bekommen.

Was war das Undenkbare?
Im Herbst 2008 standen wir zweimal kurz vor einem totalen Stillstand des Finanzsystems. Ich habe meine Frau zweimal angerufen und sie vorsorglich zum Geldautomaten geschickt: einmal im September nach der Pleite von Lehman Brothers und einmal im Oktober, als weltweit ein Land nach dem anderen massive Verwerfungen und Abflüsse von seinen Kapitalmärkten meldete. Hätte der US-Kongress nicht das Rettungspaket bewilligt, wäre das System binnen Stunden zusammengebrochen. Was uns am Ende der derzeitigen holprigen Wegstrecke erwartet, bezeichnen wir bei Pimco als die «neue Normalität».

Was meinen Sie damit?
Diese Krise endet nicht so einfach, wie sie gekommen ist. Die Auswirkungen werden ökonomisch, politisch und gesellschaftlich so massiv sein, dass es keinen Weg mehr zurück gibt zur alten Normalität vor 2007. Wir werden über Jahre hinweg mit geringeren Wachstumsraten, höheren Arbeitslosenquoten und niedrigeren Gehältern auskommen müssen, vor allem in den Vereinigten Staaten. Unsere Demokratien werden es nicht akzeptieren, dass die Profite der Banken privatisiert wurden, solange es gut ging, und die Kosten jetzt sozialisiert werden. Als Konsequenz sehen wir bereits massive Regulierungsbestrebungen.

Was bedeutet das für Anleger?
Investoren werden niedrigere Renditen und grössere Marktschwankungen akzeptieren müssen. Zudem müssen sie mit neuen Risiken bei ihren Anlageentscheidungen rechnen. Damit meine ich nicht nur stärkere staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. Die Bevölkerung wird wegen der hohen Haushaltsdefizite der Staaten höhere Lasten aufgebürdet bekommen, etwa durch Steuern oder auch Inflation.

Im Moment sinken viele Preise. Ist die Inflationsgefahr realistisch?
O ja, zumindest für die USA. Zurzeit werden in vielen Branchen weit weniger Waren nachgefragt als angeboten, insofern wird die Inflation kurzfristig nicht steigen. Aber in den nächsten drei Jahren wird sich diese Lücke schliessen. Viele Unternehmen werden ihre Produktion herunterfahren, gleichzeitig werden die Menschen wieder etwas mehr konsumieren wollen. Dann steigen die Preise.

Wenn es so kommt, wie Sie sagen, sind das schlechte Nachrichten für Anleihen: Höhere Inflation bedeutet höhere Renditen  und damit sinkende Kurse.
Ja, aber es kommt nicht so schlimm, wie viele glauben. Die US-Notenbank wird den Leitzins noch eine ganze Weile nahe null halten. Die langfristigen Renditen werden allerdings steigen, das sieht man schon heute. Für die jüngsten Riesenemissionen von Schuldtiteln verlangten die Anleger höhere Renditen. Die Fed mildert den Renditeanstieg aber ab, indem sie US-Staatsanleihen kauft.

Die Aufkaufprogramme blähen die Bilanz der Fed auf. Wie lange lässt sich diese Politik betreiben?
Wir leben in einer Welt der Politikexperimente. Bei der Fed ist es wie mit einem Arzt im Noteinsatz. Er muss nach einer kurzen Diagnose entscheiden, welche Methode er wählt. Dabei nimmt er in Kauf, dass es nicht die beste Behandlung ist und dass Nebenwirkungen auftreten. Der Hauptzweck seines Einsatzes ist erfüllt, wenn der Patient am Leben bleibt.

Ist der Arzt nicht Teil des Problems? Viele kritische Beobachter geben den Notenbankern Schuld an der Krise.
Nein, die Notenbanker sind nicht schuld. Es gibt zudem zwei vollkommen unterschiedliche Schulen der Geldpolitik im Euro-Raum und in Amerika. Die vor allem in Deutschland weit verbreitete Ansicht geht zurück auf die österreichische Schule der Ökonomie. Eine Rezession wird dabei als notwendige Reinigung der Wirtschaft begriffen. Vermeidet man solche konjunkturelle Tiefschläge, so die Lehre, komme es später noch schlimmer. Das mag aus deutscher Sicht richtig sein, denn es gibt hier eine hohe Sparquote und vergleichsweise geringe Verschuldung.

Und die amerikanische Sicht?
In Amerika ist die Sichtweise und teilweise auch die Situation genau umgekehrt. Das Land ist hoch verschuldet, und die Leistungsbilanz ist negativ. Ein Konjunkturabschwung kann in einem hoch verschuldeten Land schnell in eine Depression ausarten, hohe Teuerungsraten sind dagegen beherrschbar, sie können sogar bei der Entschuldung helfen. Daher fürchten die Amerikaner eine Rezession mehr als die Inflation.

Wie geht es weiter?
In Amerika werden die Politik und die Notenbank alles tun, um eine tiefe Rezession zu vermeiden. Die Konsequenz sind hohe Schuldenquoten, die über Jahre für niedrigere Wachstumsraten sorgen werden. In Europa sind die Menschen schon aufgrund ihrer Geschichte sehr viel sensibler für das Thema Inflation. Ich rechne daher damit, dass die Europäische Zentralbank und die Politik schneller  vielleicht zu schnell  die Zügel wieder anziehen werden als in den USA. In Amerika wird man nur zögerlich auf steigende Inflationsraten reagieren.

Werden die USA ihren Schuldenberg von 15 Billionen Dollar in den nächsten zwanzig Jahren abbauen?
Das ist möglich, aber nicht wahrscheinlich. Die Politiker werden sich schwertun, auf die vielen neuen Geldtöpfe, Kompetenzen und Ämter zu verzichten, die sie im Kampf gegen die Krise gewonnen haben.

Wenn Amerika seiner Schulden nicht Herr wird, verliert der Dollar dann seinen Status als Weltleitwährung?
Der Dollar wird auf absehbare Zeit eine wichtige Reservewährung bleiben, schlicht weil ihn derzeit keine Währung ersetzen könnte. Er wird aber an Status und an Wert einbüssen. Momentan werden etwa 70 Prozent der weltweiten Ersparnisse in US-Dollar angelegt, dieser Anteil dürfte auf rund 60 Prozent sinken.

Viele halten das für ein Horrorszenario.
Das muss nicht schlecht sein. Ein schwacher Dollar ist Teil der Lösung dieser Krise, die durch grosse globale Ungleichgewichte entstanden ist. Amerika hat zu viel auf Pump konsumiert, China hat zu viel zu günstig exportiert. Das Resultat waren ein hohes Leistungsbilanzdefizit in den USA und gewaltige Dollarreserven in China.

Wie sieht eine Lösung aus?
Amerika muss wieder mehr produzieren und weniger konsumieren. Und China muss mehr konsumieren und weniger produzieren. Ein schwächerer Dollar ist ein Schritt in diese Richtung. Und was ganz wichtig ist auf dem Weg: Alle Staaten gemeinsam müssen Geduld aufbringen mit dem Schuldenberg Amerikas und dem schwachen Dollar.

Mit Mohamed El-Erian sprachen Simone Boehringer und Catherine Hoffmann

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.08.2009, 08:53 Uhr

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10 Kommentare

Gerhard Oldmann

17.08.2009, 09:25 Uhr
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Was der Mann nicht rechnet ist, dass durch die enorme Neuverschuldung die Zinslast so stark steigt , dass sie nur durch noch mehr zusätzliche Verschuldung (= ZB's erzeugen immer noch mehr Geld aus nichts) bezahlt werden kann. Jetzt, im Endstadium des Kreditzyklus steigt diese Kurve steil an - es ist nur eine Frage der Zeit, bis alle betroffenen Währungen nicht mehr akzeptiert werden. Got Gold? Antworten


maurus candrian

17.08.2009, 09:34 Uhr
Melden

der dollar muss als weltwährung abgeschafft werden, genau gleich wie die usa als selbsternannte welt-führungsmacht vom sockel gestossen werden müssen. die welt braucht nicht massloses konsumieren auf pump und völkerrechtswidrige kriege der amerikaner, sondern menschenrechte, völkerrecht, nachhaltige entwicklung und abschaffung der krassen disparitäten. europa ist diesbezüglich den usa weit voraus Antworten



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