Die Machtworte des Jean-Claude Trichet
Von Markus Diem Meier. Aktualisiert am 09.06.2011 2 Kommentare
Die letzte Zinserhöhung der EZB ist im Wechselkurs wieder verpufft: Der Preis des Euro in Franken im letzten halben Jahr.
Unsere heutige EZB-Berichterstattung
Die Europäische Zentralbank hat bekanntgegeben, dass sie den Leitzins unverändert bei 1,25 (Hauptrefinanzierungssatz) belässt. Für die Begründung verweist sie auf die Pressekonferenz von Jean-Claude Trichet, die um 14.30 Uhr stattfindet. Bernerzeitung.ch/Newsnet wird die Konferenz per Video und Lifeticker übertragen.
An seinen Lippen hängte heute die Wirtschaftswelt: Jean-Claude Trichet, Chef der Europäischen Zentralbank. (Bild: Keystone )
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Auf zwei Worte wird sich weltweit die Finanzgemeinde heute Nachmittag konzentrieren, wenn Jean-Claude Trichet die Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) für die Eurozone bekannt geben wird: Spricht er in Bezug auf die Inflation im Euroraum von einer «strong vigilance», einer erhöhten Wachsamkeit, die sich sein Institut in Bezug auf die Inflation auferlege, dann gilt das als Ankündigung einer Zinserhöhung im nächsten Monat. Die meisten Marktbeobachter gehen davon aus, dass der EZB-Chef sich entsprechend äussern wird. Dass Trichet bereits heute die Zinsen erhöht, erwartet dagegen praktisch niemand.
An den Erwartungen künftig weiter steigender Euro-Leitzinsen liegt es auch, dass der Euro seit einigen Tagen gegenüber dem Franken wieder leicht zugelegt hat – am ersten Juni notierte die Gemeinschaftswährung nur noch knapp über 1.20, aktuell wieder bei knapp über 1.22. Viel deutlicher zeigt sich die Stärkung des Euro gegenüber dem Dollar. Zu Jahresbeginn kostete ein Euro noch 1.30 Dollar, jetzt sind es 1.46 Dollar. Das liegt vor allem an der anhaltenden Schwäche der US-Wirtschaft und der sehr expansiven Geldpolitik der Amerikaner. Der US-Leitzins liegt noch immer bei 0 bis 0,25 Prozent, und mit Aufkäufen von Staatsanleihen im Umfang von 600 Milliarden Dollar (dem sogenannten «Quantitative Easing II»-Programm) hat die US-Notenbank noch zusätzlich Geld in die Wirtschaft gepumpt. Angesichts der anhaltenden Krise in den USA sind keine Zinserhöhungen dort zu erwarten. Der damit steigende Zinsunterschied zur Eurozone sorgt trotz aller Probleme in der Eurozone für eine Stärkung des Euro gegenüber dem Dollar.
Die Nationalbank wird wohl länger warten
Der Absturz des Dollars zeigt sich auch gegenüber dem Schweizer Franken. Aktuell kostet eine Einheit der US-Währung gerade noch 84 Rappen. Und trotz der leichten Steigerung des Euro gegenüber dem Franken in den vergangenen Tagen liegt dessen Wert dramatisch tiefer als Anfang April, als der Euro zwischenzeitlich mehr als 1.32 Franken gekostet hat. Das war die Folge der ersten Zinserhöhung der EZB am 7. April seit Juli 2008. Die EZB hat damals den Leitzins von 1 auf 1.25 Prozent erhöht.
Das hat damals zur Erwartung geführt, dass die Schweizerische Nationalbank (SNB) an ihrer Sitzung am 16. Juni ebenfalls die Zinsen erhöhen wird. Eine Aussicht, die vor allem Hypothekarschuldner in der Schweiz nervös machen dürfte, deren Hypothekarsatz sich direkt am Leitzins der SNB (SNBN 1089 2.06%) orientiert (sogenannte Libor-Hypotheken). Durch den erneuten Sturz des Euro seither geht mittlerweile praktisch niemand mehr von einer Zinserhöhung der Schweizer Nationalbank in der nächsten Woche aus. Die meisten setzen auf einen entsprechenden Schritt im September. Ob das zutrifft, hängt einerseits davon ab, wie sich die Lage im Euroraum und damit auch der Euro-Kurs weiter entwickelt und von den Zinsentscheiden der EZB. Daher haben einige Immobilienbesitzer in der Schweiz guten Grund, genau hinzuhören, was Jean-Claude Trichet heute verkündet.
Gift für die Länder in der Krise
Eine Leitzinserhöhung im Euroraum ist aber nicht unumstritten. Die in den letzten Monaten gemessene Inflation im Euroraum bewegt sich seit dem vergangenen Dezember über der selbst gewählten Komfortzone der EZB von 2 Prozent, und sie ist jeden Monat weiter gestiegen. Im April lag die Rate bei 2,8 Prozent. Für eine Leitzinserhöhung spricht vor allem die Wirtschaftslage in Ländern wie Deutschland oder Österreich, deren Konjunktur auf Hochtouren läuft. Für die Länder in der Krise wie Griechenland, Irland, Portugal oder Spanien sind höhere Zinsen dagegen Gift. Sie verteuern die hohe staatliche und private Verschuldung weiter, sie erhöhen die Kosten für neue Kredite und damit Investitionen, und durch den Aufwertungseffekt auf den Euro verringern sie die ohnehin ungenügende Wettbewerbsfähigkeit dieser Länder weiter.
Da sich die Europäische Zentralbank aber an der durchschnittlichen Wirtschaftsentwicklung der ganzen Eurozone ausrichtet, spielen die Probleme dieser Länder für einen Zinsentscheid nur eine geringe Rolle. Dies deshalb, weil sie ein weit geringeres wirtschaftliches Gewicht haben als die Länder des Nordens, wie vor allem Deutschland. Anders gesagt, ist es der EZB gar nicht möglich, eine Geldpolitik zu verfolgen, die den wirtschaftlichen Gegebenheiten jedes Mitglieds Rechnung trägt. (Bernerzeitung.ch/Newsnet)
Erstellt: 09.06.2011, 13:57 Uhr
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2 Kommentare
Es war schon zu Beginn der EURO-Zone klar, dass der Raum zu heterogen ist, um eine den meisten Rechnung tragende Geldpolitik zu machen. Bis vor der jetztigen Wirtschaftskrise fielen diese Unterschiede nicht zu stark ins Gewicht. Jetzt jedoch droht die Euro-Zone am Unterschied Süd- versus Nordländer zu zerbrechen. Vorallem die Leidensfähigkeit des Südens wird auf eine harte Probe gestellt... Antworten
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