«Der starke Franken lässt die Gewinnmargen schmelzen»
Von Philippe Müller. Aktualisiert am 25.02.2011 2 Kommentare
Zur Person
Seit November 2010 ist Hans Hess Präsident von Swissmem, dem Verband der Schweizer Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie. Hess löste damals
Johann Schneider-Ammann ab, der zuvor in den Bundesrat gewählt worden war.
Der 56-jährige Hess ist ein erfahrener Unternehmer und sitzt in mehreren Verwaltungsräten. Er ist unter anderem Präsident der Freiburger Comet-Gruppe. Hess sass seit 1999 im Vorstand von Swissmem, ab 2007 war er Vizepräsident.
Gegenmassnahmen
Diese Forderungen stellt Swissmem
Zugang zu den wichtigen Märkten:
Swissmem fordert den Bundesrat dazu auf, die Handelshemmnisse abzubauen, damit die Schweizer Exporteure freien Zugang zu den neuen Wachstumsmärkten erhalten. Konkret fordert der Verband die rasche Umsetzung des Freihandelsabkommens mit Indien und China.
Gesicherte Innovationskraft:
Swissmem fordert vom Bundesrat ab 2012 deutlich mehr Geld, um Innovationsprojekte umzusetzen.
Festhalten an der Personenfreizügigkeit:
Laut Swissmem tun sich Schweizer Firmen immer schwerer damit, im Inland genügend qualifiziertes Personal zu finden. Um die Rekrutierung ausländischer Fachkräfte nicht zusätzlich zu erschweren, fordert der Verband von der Politik, dass die Personenfreizügigkeit mit der EU nicht angetastet wird.
Weitergabe der Kursgewinne: Swissmem fordert, dass Importeure, die Ware aus dem Ausland in die Schweiz führen, die Kursgewinne an ihre Kunden weitergeben.
Währungsabsicherung: Die Grossbanken sollen den KMU die vorhandenen
Finanzinstrumente zur Absicherung gegen den sinkenden Eurokurs verständlich machen und sie aktiv beraten.
Keine neuen Abgaben:
Swissmem wehrt sich gegen jegliche neuen Abgaben und weitere Erhöhungen der Lohnnebenkosten (zum Beispiel höherer ALV-Abzug).
Massnahmen gegen die Frankenstärke
Mopac und Dätwyler: Diese beiden Firmen gehören zu den Ersten, die unpopuläre Massnahmen gegen die Kursverluste eingeleitet haben.
Die Nachricht schlug vor zwei Wochen ein wie eine Bombe: Die Mopac Modern Packaging AG in Wasen gab bekannt, die Löhne aller 263 Mitarbeitenden um 10 Prozent zu senken. Dies als direkte Folge des tiefen Eurokurses, wie Geschäftsführer Rainer Füchslin erklärte. Als Herstellerin von Lebensmittelverpackungen erwirtschaftet das Emmentaler Unternehmen 55 Prozent des Jahresumsatzes in der Eurozone.
Seit der Ankündigung ist das Verhältnis zwischen Mopac und Gewerkschaften angespannt. Die Unia hat kein Verständnis dafür, dass das Personal für die Währungssituation die Zeche zahlen soll.
Mit der Gewerkschaft auf Kriegsfuss steht momentan auch die zweite Firma, die mit unpopulären Mitteln auf die Frankenstärke reagiert: Die Dätwyler AG in Altdorf hat verfügt, dass rund 950 der 1700 Angestellten zwei Stunden pro Woche länger arbeiten müssen – ohne Lohnausgleich.
Die Gewerkschaften werten dies als Lohnsenkung und zerren den Zulieferer von Nespresso – Dätwyler stellt Dichtungen für Kaffeekapseln her – vor Schiedsgericht. Sollte die für Exportfirmen nachteilige Währungssituation länger andauern, ist es wahrscheinlich, dass weitere Unternehmen ähnliche Massnahmen einleiten. Denkbar ist auch, dass die Gesuche für Kurzarbeit wieder zunehmen.
Beim Berner Wirtschaftsamt Beco gibt es derzeit keine konkreten Anzeichen dafür, dass im Kanton weitere Unternehmen eine Lohnkürzung vollziehen oder die Arbeitszeit heraufsetzen wollen. Ausschliessen kann die Beco-Spitze jedoch nichts.
Korrektur-Hinweis
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Sie zeichnen ein düsteres Szenario über die Zukunft der Schweizer Exportindustrie. Wie schlimm steht es um die Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie wirklich?
Hans Hess: Es gibt zwei Aspekte. Der positive ist, dass sich die Weltwirtschaft Schritt für Schritt erholt und sich die Auftragslage auch in unseren Branchen stark verbessert. Die schlechte Nachricht ist, dass viele Swissmem-Mitglieder die Aufträge zu sehr tiefen Preisen ausführen müssen. Der starke Franken schlägt bei vielen KMU eins zu eins auf die Ertragslage durch, die Margen schmelzen dahin.
Steuert die Schweizer Exportindustrie nach der Weltwirtschaftskrise bereits auf die nächste Flaute zu?
An eine flächendeckende Krise glaube ich nicht. Es gibt für viele Firmen auf den internationalen Märkten genügend Aufträge. Aber ein Teil unserer Firmen ist wegen des starken Frankens bereits wieder in der Verlustzone. Speziell bei den kleinen und mittelgrossen Betrieben befürchten wir, dass ihnen irgendwann die Luft ausgeht, wenn sie zu lange von ihren Reserven leben müssen. Grosse Unternehmen, die international aufgestellt sind, können die Währungsschwankungen besser kompensieren.
Das heisst, die Frankenstärke könnte in der Schweiz zu einer neuen Entlassungswelle führen.
Im Moment ist das Paradoxe, dass in praktisch allen Firmen genug Arbeit vorhanden ist, damit die Angestellten beschäftigt werden können. Das ist der grosse Unterschied zur Weltwirtschaftskrise vor zwei Jahren, als quasi über Nacht vor allem bei den Automobilzulieferern die Aufträge ausblieben. Wenn die schwierige Währungssituation jedoch länger andauert und mehr Firmen in die Verlustzone rutschen, ist ein Personalabbau nicht auszuschliessen.
Es gibt schon jetzt einzelne Betriebe, die durch Lohnsenkung oder Erhöhung der Arbeitszeit versuchen, die Währungsverluste zu kompensieren. Ist das der richtige Weg?
Es ist für mich verständlich, dass Firmen, die sich in einer schwierigen finanziellen Situation befinden, auch in diese Richtung denken. Der Gesamtarbeitsvertrag, den wir mit unseren Sozialpartnern ausgehandelt haben, lässt solche Schritte in Krisensituationen zu. Eine Lohnsenkung von zehn Prozent bedeutet ja nicht für alle Mitarbeitenden das Ende der Welt. Und wenn es der Firma hilft, die Arbeitsplätze langfristig zu sichern, kann das durchaus eine sinnvolle Massnahme sein. Ich hoffe aber nicht, dass sich solche Massnahmen weit verbreiten.
Warum offerieren Schweizer Exporteure ihre Produkte nicht in Schweizer Franken, um den Kursverlusten auszuweichen?
Das ist selbstverständlich eine Möglichkeit. Aber das ist nur für Firmen möglich, die eine gewisse Marktmacht haben und exklusive Produkte vertreiben, sodass den ausländischen Kunden oft nichts anderes übrigbleibt, als die Ware trotz höherem Preis zu kaufen.
Diesen Vorteil hat beispielsweise ein kleiner Schweizer Automobilzulieferer nicht.
Nein. In der deutschen Autoindustrie etwa hat es viele Zulieferer, die vergleichbare Produkte liefern. Wenn also der Schweizer Lieferant seine Preise faktisch erhöht, verliert er den Auftrag. Das heisst, einem solchen Schweizer Exporteur bleibt zurzeit nichts anderes übrig, als die hohen Margenverluste in Kauf zu nehmen.
Hier zeigt sich eine Parallele zur Weltwirtschaftskrise: Wieder trifft es die Automobilzulieferer am schnellsten und härtesten.
Das ist richtig. Und es ist eine Tatsache, dass es in der Schweiz viele solche Automobilzulieferer gibt.
Die Exporte nach Indien und China wachsen stark. Raten Sie nun Ihren Mitgliedern, ihre Waren möglichst in diese Länder zu verkaufen, um die Währungsverluste zu kompensieren?
Diese Firmen, die das heute bereits tun, gehören im Moment jedenfalls zu den Gewinnern. Ich rate Exportunternehmern, zu versuchen, neue Märkte zu erschliessen. Je breiter ein Betrieb aufgestellt ist, desto besser kann er eine solche Situation, wie wir sie momentan erleben, verkraften.
Würde eine rasche Umsetzung der Freihandelsabkommen mit China und Indien, wie Swissmem es vom Bundesrat fordert, für Schweizer Exporteure weiter Abhilfe schaffen?
Davon bin ich überzeugt. Heute zahlen Schweizer Firmen für den Aussenhandel mit Ländern wie Indien Zölle in Höhe von 20 bis 30 Prozent. Fallen die einmal weg, werden unsere Unternehmen dort automatisch wettbewerbsfähiger, weil sie günstiger offerieren können.
Swissmem fordert von der Regierung 50 Millionen Franken mehr für Innovationsprojekte. Sind Sie zuversichtlich, dass Bundesrat Johann Schneider-Ammann, der ja Ihr Vorgänger als Swissmem-Präsident war, Ihrem Wunsch entspricht?
Bundesrat Johann Schneider-Ammann kennt unsere Branche wie seine Westentasche. Ihm muss ich die Probleme gar nicht erst erklären, er kennt sie. Mit ihm haben wir sicher jemanden, der auch den anderen Bundesräten die Schwierigkeiten erläutern kann. Ich bin zuversichtlich, dass die Politik erkannt hat, dass die Schweiz zur Sicherung ihrer Innovationskraft zusätzliche Mittel braucht. Das ist sehr gut investiertes Geld. (Berner Zeitung)
Erstellt: 25.02.2011, 09:32 Uhr
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2 Kommentare
Ja, ja. Vor ein paar Monaten wurde mit Rekordzahlen geprahlt, jetzt wird umso mehr gejammert. In ein paar Wochen können wir dann lesen, dass der Steuerzahler der Industrie unter die Arme greifen muss. Dies nachdem fast alle betreffend der letzten Steuerinitiative mit Abgang ins Ausland gedroht haben. Die CH bleibt eine Bananenrepublik, nur wissen das die wenigsten. Antworten
Der Nachfolger von BR Schneider. Auch ein "Jammeri"! Die Industrie muss ja nicht alle Jahre Rekordgewinne einfahren. Es darf, wie bei allen anderen Branchen (welche nicht jammern), auch einmal ein ausgeglichenes Ergebnis oder auch ein Verlust resultieren. Darum geht doch die Welt nicht unter, oder? Es ist nicht immer nur Sonnenschein! Antworten
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